Weihnachtsferien

Hervorgehoben

theunicornsbirthdayparty

Liebe Mitglieder,
Liebe Freunde des Kölnischen Kunstvereins,

das Büro ist vom 22. Dezember 2016 – 02. Januar 2017 aufgrund von Weihnachtsferien geschlosssen!

Unser Haus ist für Sie ab dem 11. Februar 2016 mit der neuen Ausstellung Ars Viva wieder geöffnet. Ab dann können Sie Ihre Vereinsgabe 2016 auch gerne wieder bei uns abholen.

Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr 2017!

Motiv: Peter Miller: The Unicorn’s Birthday Party, 2016

Stephen Prina und das Ensemble Garage

Concerto for Modern, Movie, and Pop Music for Ten Instruments and Voice

Europapremiere, Uraufführung der überarbeiteten Version, 2011
Kooperation mit ON – Neue Musik Köln
29.06.2011, 20 Uhr

Stephen Prina’s Concerto for Modern, Movie and Pop Music for Ten Instruments and Voice wird er gemeinsam mit dem Ensemble Garage einmalig im Theatersaal des Kölnischen Kunstvereins präsentieren.

Prina hat neben seiner künstlerischen Laufbahn auch eine Ausbildung als Musiker genossen und spielt seit den Neunziger Jahren bei der experimentellen Popmusikband “The Red Krayola”. Das Konzert für zehn Instrumente und Gesang, das 2010 in St. Louis uraufgeführt wurde, basiert auf dem Concerto OP24 von Anton Webern, wobei die einzelnen Sätze des Konzerts von Pop Songs und Kompositionen Prinas unterbrochen werden. Er selbst singt und spielt Gitarre.

Das aus Studenten und Absolventen der Hochschule für Musik und Tanz Köln bestehende Ensemble Garage wurde 2009 von Brigitta Muntendorf und Rodrigo López Klingenfuss gegründet. Der Schwerpunkt des Ensembles liegt in der Zusammenarbeit mit den Interpreten, sowie der Aufführung eigener Kompositionen und solcher anderer junger Komponisten/innen. Projekte realisierte das junge Ensemble bislang für ON ‒ Neue Musik Köln, die KGNM, den Landesmusikrat NRW, die Kölner Musiknacht und viele andere.

Wir danken für die großzügige Förderung vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.


European premiere, world premiere in a revised version, 2011
A cooperation project by ON – Neue Musik Köln and the Kölnischer Kunstverein, Stephen Prina and the Ensemble Garage will present the Concerto for Modern, Movie and Pop Music for Ten Instruments and Voice by Stephen Prina in the theatre hall at the Kölnischer Kunstverein.

Beside his artistic career Prina received a musical education and has since the 1990s been a member of the experimental pop music band “The Red Krayola”. The Concert for Ten Instruments and Voice which premiered in 2010 in St. Louis is based on the Concerto OP24 by Anton Webern but interjects the individual movements of the concerto with pop songs and compositions by Stephen Prina. Prina himself will sing and play the guitar. Akin to his other artistic works Prina bases the concert on a key composition of modernity and shows its influence on pop music.

Composed of students and graduates of the Hochschule für Musik und Tanz Köln the Ensemble Garage was founded by Brigitta Muntendorf and Rodrigo López Klingenfuss in 2009. The Ensemble focuses on cooperations with solo artists as well as on performances of their own compositions and works by other young composers. Projects have included performances for ON – Neue Musik Köln, KGNM, Landesmusikrat NRW, Kölner Musiknacht and many more.

Chris Kraus, Gravity & Grace

Filmvorführung im Kino in der Brücke
10.05.2011, 20 Uhr

Erzählt wird die Geschichte der Künstlerin Gravity, die sich in Neuseeland als Prostituierte einen Nebenverdienst verschafft, bevor sie sich einer okkult-wissenschaftlichen Gruppierung anschließt. Schließlich zieht sie nach New York, um dort ihr (Un-)Glück im Kunstbetrieb zu suchen. Der Film ist mit autobiografischen Versatzstücken gespickt.

Die amerikanische Autorin und Filmemacherin Chris Kraus hat maßgeblich die New Yorker Video- und Filmszene Mitte der 80er Jahre beeinflusst und wird sich an Lucie Stahls Künstlerbuch mit einem Essay beteiligen. Seit 1990 fördert und verlegt sie im Semiotext(e) Verlag Bücher von lange vernachlässigten Schriftstellerinnen wie Kathy Acker und Eileen Myles. In ihren eigenen Texten beschäftigt sie sich mit einer Vielzahl von Themen, die vom Feminismus bis zur Gender-Politik und von der Prostitution bis zur Philosophie reichen.


The film tells the story of the artist Gravity who earns an additional income for herself as a prostitute in New Zealand and later on joins an occult-scientific group. Eventually she moves to New York to try and make her (mis-)fortune in the art world.

The American author and filmmaker Chris Kraus has had a determining influence on the New York video and film scene of the mid-80s and will contribute an essay to Lucie Stahl’s artist’s book. Since 1990 she supports and publishes books by long neglected female authors like Kathy Acker and Eileen Myles with the Semiotext(e) publisher. In her own written work she deals with such wide ranging topics such as feminism and gender-politics, prostitution and philosophy.

Bela Kolarova & Lucie Stahl

in Kooperation mit der Stadtgalerie Schwaz
14.04. – 29.05.2011
Eröffnung am 13.04.2011, 19 Uhr

Zur Art Cologne präsentiert der Kölnische Kunstverein eine Ausstellung von den beiden Künstlerinnen Bela Kolarova (1923-2010) und Lucie Stahl (*1977). Seit den frühen 1960er Jahren experimentierte Bela Kolarova in Prag mit fotografischen Techniken. In ihren Fotogrammen und Röntgenogrammen entwickelte sie im Anschluss an Künstler des Surrealismus und des Bauhaus die Fotografie als abstraktes Medium weiter. Sie arbeitete beispielsweise mit „künstlichen Negativen.“ Dafür presste sie natürliche Stoffe und Lebensmittel in Paraffin und benutzte sie bei der Belichtung des Fotopapiers unmittelbar als Negativ. Mit dieser Arbeitsweise ging sie in keiner Weise mit dem ästhetischen Kanon des sozialistischen Realismus konform, so dass sie relativ isoliert eine bemerkenswerte konzeptuelle und feministische Formensprache entwickelte. Ihre späteren Materialassemblagen aus eigenen Haar, Make-up und Schreib- und Haushaltsobjekten könnte man als serielle Objektbilder bezeichnen. Kolarova deckt darin bildimmanent und auf sehr persönliche Art und Weise weibliche Rollenmuster auf. Auch wenn Bela Kolarova als Person im Umfeld der avantgardistischen Prager Kunstszene international vernetzt war, ist ihr Werk erst in den letzten Jahren auf der documenta 12 (2007), bei Raven Row, in London (2010) und in Einzelausstellungen im Museum Kampa, in Prag (2008) und im Muzeum Umìní, in Olomouc (2007) gewürdigt worden.

Die Arbeiten von Bela Kolárová werden in der Ausstellung dialogisch mit den aktuellen Arbeiten von Lucie Stahl gezeigt, die trotz des zeitlichen Abstands und der unterschiedlichen Produktionsbedingungen formale Ähnlichkeiten aufweisen. Lucie Stahl bedient sich in ihren Plakatbildern eines zeitgenössischen fotografischen Verfahrens: Sie arrangiert scheinbar zufällig Alltagsobjekte, wie beispielsweise Gewürze, Flüssigkeiten, Krawatten, Frauenmagazine oder Autoreifenfelgen auf einem Scanner und gießt den daraus resultierenden Inkjet-Print wie ein distanziertes Objekt in Polyurethan ein. In ihren dazu verfassten selbstironischen Kurzkommentaren offenbart sie nicht nur auf humorvolle Weise ihre subjektiven Beobachtungen gesellschaftlicher und politischer Ereignisse, sondern gibt auch offen Einsicht in den Wettbewerb unter Künstlerkollegen oder die Hysterie, die der künstlerischen Produktion unterliegt.

Lucie Stahl lebt in Wien. Sie wird vertreten von Dépendance, Brüssel und Galerie Meyer Kainer, Wien. Ihre Arbeiten zeigte sie in Einzelausstellungen im Kunstverein Nürnberg (2009) in der Dépendance, Brüssel (2005 und 2008), der Galerie Michael Neff, Frankfurt (2007) und im Flaca, London (2005). Darüber hinaus stellte sie unter anderem in der Temporary Gallery, Köln (2009), bei Croy Nielsen, Berlin (2008), und im kjubh Köln (2004) aus. Gemeinsam mit Will Benedict leitet sie den Wiener Ausstellungsraum Pro Choice. Parallel zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch von Lucie Stahl. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Stadtgalerie Schwaz.

Die Ausstellung von Bela Kolarova und Lucie Stahl wird gefördert durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, den Schroubek Fonds, München und die Karin Abt-Straubinger Stiftung. Dank auch an die Sammlung Seilern, Wien, den Werkladen Köln, Artex Art Services, Ulrike Remde, Kurt und Claudia von Storch, Koellefolien und den Filmclub 813.


Prague-based artist Bela Kolarova (1923-2010) began experimenting with photographic techniques in the early 1960s, creating photograms and X-ray photographs that continued the Bauhaus tradition of photography as an abstract medium. Thus, for a series of photograms she called vegetages, she produced miniature “artificial negatives” by pressing natural materials into soft paraffin and using them for the exposure of the photographic paper instantaneously as “negatives”.

Despite its formal similarities with avant-garde experimentation, Kolarova´s work has only gained international attention in the last few years. The exhibition at Kölnischer Kunstverein provides a comprehensive overview of Kolarova’s oeuvre, featuring around 40 of her works, ranging from early examples such as the X-ray photographs and vegetage photograms to her more explicitly feminist works, such as drawings made using make-up, a series of assemblages of knots of hair and the very personal collages from the 1970s and 1980s. husband was denied permission to return home after a grant had allowed him to stay. In recent years, Kolarova’s work was featured at the documenta 12 (2007), at the Raven Row gallery in London (2010) and in solo shows at the Museum Kampa in Prague (2008) and Muzeum Umìní in Olomouc (2007).

The Kölnischer Kunstverein is showing Kolarova’s works together with those of Lucie Stahl (*1977), which possess certain formal similarities despite the fact that they were produced much later and under very different conditions. Lucie Stahl uses a contemporary photographic technique for her poster-like works, arranging mundane objects such as spices, ties, women’s magazines and wheel rims on a scanner and then encases the resulting inkjet prints in polyurethane like distant objects. The works are annotated with brief text fragments in which Stahl humorously provides her subjective perspective on social and political events and on the competitiveness between artists and the almost-hysterical hype that characterises the art world. Her aphoristic commentary is reminiscent of the language of American stand-up comedy, with short anecdotes in rapid succession and witticisms, recounted as if in a soliloquy, that relate awkward or embarrassing situations, pointed observations on society and her own and others’ comments. The juxtaposition of the texts and the spontaneously reproduced iconic objects creates a tension that has a distancing effect.

Lucie Stahl lives and works in Vienna. She is represented by the Dépendance gallery in Brussels and Galerie Meyer Kainer in Vienna. Her work has been featured in solo shows at the Kunstverein Nürnberg (2009), the Dépendance gallery in Brussels (2005 and 2008), the Michael Neff gallery in Frankfurt (2007), and at the Flaca in London (2005). She has also participated in exhibitions at the Temporary Gallery Cologne (2009), the Croy Nielsen gallery in Berlin (2008), and at kjubh in Cologne (2004). Alongside her work as an artist, Lucie Stahl also manages the Pro Choice gallery space in Vienna in conjunction with Will Benedict.

This exhibition was organised in cooperation with Stadtgalerie Schwaz. An artist’s book by Lucie Stahl will be published to accompany the exhibition featuring an essay by Chris Kraus, among others.The exhibition of work by Bela Kolarova and Lucie Stahl was made possible by funding from the Czech-German Fund For The Future, the Schroubek Fonds, Munich, and the Karin Abt-Straubinger Stiftung. We would also like to thank the Seilern Collection in Vienna, Werkladen in Cologne, Artex Art Services, Ulrike Remde, Kurt and Claudia von Storch, Koellefolien and Filmclub 813 for their support.

Kerstin Brätsch & DAS INSTITUT, („Nichts, Nichts!”)

05.02. – 20.03.2011

„»Nichts, nichts! Und zehn Jahre Arbeit!«
Er setzte sich und schluchzte!“

Der Maler Frenhofer in Honoré de Balzacs berühmter Erzählung “Das unbekannte Meisterwerk” (1831) ist erschüttert, als seine Künstlerkollegen sein gemaltes Portrait als unförmige, fleischige Masse wahrnehmen. Kerstin Brätsch antwortet im Titel der Ausstellung („Nichts, Nichts!“) auf Frenhofers hysterischen Ausbruch und inszeniert sich als seine künstlerische Antipodin. Ihre großformatigen Malereien auf Papier werfen Fragen zur künstlerischen Persona oder gar der Marke „Kerstin Brätsch“ auf. Seit 2007 betreibt sie gemeinsam mit Adele Röder DAS INSTITUT als Agentur für Import und Export. DAS INSTITUT bietet Serviceleistungen an und übernimmt die Werbung und Distribution der eigenen Kunstwerke.

Brätsch und Röder imitieren die Verwertungsmechanismen von Unternehmen und schleusen ihre Werke wie Vorlagen und Muster in eine selbst gewählte Produktionskette ein. Erstmals präsentieren Kerstin Brätsch & DAS INSTITUT in Köln neben Gemälden ihre erste Modekollektion: Digital gestrickte Hosenanzüge – maßgeschneidert auf die Modelle Röder und Brätsch – und Parasite Patches, die per Druckknopf an vorhandene Kleidung angebracht werden können und auf den Motiven ihrer Poster basieren.

Das, was wie eine starke Übertreibung ausschaut, die den schmalen Grat zwischen Kunst, Strickmode, Rollenspiel und industrieller Produktion betritt, entpuppt sich gleichzeitig als eine pointierte Beobachtung des Kunstbetriebs und ein Plädoyer für die Malerei und ihre Möglichkeiten.

Kerstin Brätsch, geboren 1979 in Hamburg, lebt und arbeitet zurzeit in New York. Zuletzt zeigte sie ihre Arbeiten im Parc Saint Léger, Pougues-les-Eaux (2010), auf dem Art Statement der Galerie BaliceHertling, Art Basel (2010) und im Projektraum Hermes und der Pfau, Stuttgart (2009).

Erste internationale Aufmerksamkeit erhielt DAS INSTITUT mit seiner Ausstellung im Swiss Institute, New York (2009) und Ausstellungsbeteiligungen im New Museum, New York (2009) undim PS1/ MoMA , New York (2010). Im Sommer erscheint ein Künstlerbuch, gemeinschaftlich produziert von Kölnischer Kunstverein, Parc Saint Léger und Kunsthalle Zürich.


Kerstin Brätsch is a New York-based artist who was born in Hamburg, Germany, in 1979, and her paintings alternate between a distant third-person perspective and an enthusiastic, slogan-like voice promoting the Kerstin Brätsch “brand”. Brätsch teamed up with Adele Röder in 2007 to found the import-export agency DAS INSTITUT, in line with her idea that the “one-woman-artist” concept is no less conservative than the “one-man artist” model.

Her painting is institutional critique in the form of resolute action. Brätsch consciously chooses to collaborate with other artists and uses humour to subtly undermine stereotypes and conventional notions of what it means to be an artist.

Yet she does not stop at subversive strategies; she can also be very “in your face”, blasting apart the pretences of auratic painting with her ironic use of painterly gestures introduced by the generation of male artists who came before her. She picks up on strategies of disillusionment from painters like Martin Kippenberger and Albert Oehlen and succinctly challenges the seductive patterns and expressive language of painting.

Verbotene Liebe: Kunst im Sog von Fernsehen

Mit Beiträgen von Judith Barry, Joseph Beuys, Paul Chan, Mel Chin and the GALA Committee, Jaime Davidovich, Simon Denny, Kalup Linzy, Christoph Schlingensief, Ryan Trecartin, Francesco Vezzoli, Andy Warhol.
25.09. – 19.12.2010

Angesichts der Tatsache, dass Fernsehen mit zunehmender Selbstverständlichkeit unser Denken und Handeln bestimmt, dass es zu den Dingen gehört, die wir vor lauter Gewohnheit nicht mehr reflektieren, erscheint es sinnvoll, den “alten Kasten” noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Verbotene Liebe: Kunst im Sog von Fernsehen beobachtet die Verführungsmethoden des Fernsehens, mit ihren “grellen Manierismen” und beschreibt Fernsehen als Erlebniswelt mit unterschiedlichsten Formaten und Kommunikationsformen und den darin enthaltenen Doppeldeutigkeiten. Das Projekt zielt nicht auf eine inhaltliche oder moralische Analyse des Fernsehens, sondern interessiert sich für eine ästhetische, eine “campe” Betrachtungsweise dieses Feldes, wie Susan Sontag sie in ihren Anmerkungen zu Camp beschrieben hat.

Nach dem Vorbild Andy Warhols nutzen die Künstler der Ausstellung die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie für sich. Selbst mit Fernsehen aufgewachsen, nähern sie sich dem Medium aus der Position hoch spezialisierter Zuschauer. Sie folgen ihrer Faszination für das Künstliche, für das Scheitern der Ernsthaftigkeit, für die Stilblüten der Selbstdarstellung, den staubigen Glanz der Oberflächen. Kalup Linzy, Ryan Trecartin oder Francesco Vezzoli greifen in ihren Arbeiten Formate wie die Soap, die Castingshow oder Werbung auf. In dem kindlichen Rollenspiel, der überzogenen Selbstdarstellung werden die ambivalenten Mechanismen des Fernsehens, die Ausschlussmechanismen und Erwartungshaltungen besonders deutlich. Um diesen Betrachtungsweisen von Fernsehen einen Ausstellungsrahmen zu geben, hat Simon Denny ein Setting entwickelt, das der Komplexität der Beziehungen zum Konsumobjekt Fernsehen und seinen Bildern Rechnung trägt.

Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein wurde von Simon Denny, Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn konzipiert. Simon Denny ist Atelierstipendiat des Kölnischen Kunstvereins und der RheinEnergie Stiftung Kultur in der Brücke.

Projektpartner für Verbotene Liebe: Kunst im Sog von Fernsehen/Forbidden Love: Art in the Wake of Television Camp sind der Kunstverein Medienturm, Graz und Brainpool.

Der Kölnische Kunstverein wird gefördert durch Stadt Köln und koellefolien.

Partner des Kölnischen Kunstvereins 2010: Kunststiftung NRW.

Herzlicher Dank an Filmclub 813, Thorsten Koch, Robert Müller-Grünow und Wilhelm Schürmann.


While television still plays a part in determining our thinking, behaviour and actions as a matter of course, it is now also numbered among the things we no longer reflect upon by sheer force of habit. In light of this it seems an appropriate time to take another closer look at the “goggle box”. Forbidden Love: Art in the Wake of Television Camp will observe the seductive methods of television, with its “gaudy mannerisms”, and describe television as a world of experience with different formats, forms of communication and inherent ambiguities. The project aims neither at a thematic nor a moralistic analysis of television, but rather at an aesthetic, “camp” approach, in keeping with Susan Sontag’s analysis in her Notes on Camp.

The exhibition Forbidden Love: Art in the Wake of Television Camp readdresses an area that the Kölnischer Kunstverein helped to shape decisively during the 1980s with the presentation of Gerry Schum’s Videogalerie – Fernsehgalerie in 1980 and through exhibitions such as Video-Skulptur in 1989 by Wulf Herzogenrath, and The Arts for Television in 1987. Today however, the focus for artists seems to not be so much a question of the development of technical possibilities or even a critique of this homogenising, consumer-oriented mass medium.

At the same time, this year’s exhibitions like Changing Channels at the MUMOK in Vienna or Are you ready for TV? at MACBA in Barcelona show a renewed interest in historical art-projects for television from the 1960’s – 1980’s that paved the way for this kind of analysis of TV.

Instead, Forbidden Love: Art in the Wake of Television Camp will present artists who work with the structural conventions of television, using them for their own ends. Like Warhol, these artists can knowingly utilise the rules of the attention-dependent economy, play with celebrity culture, and adopt the episodic structure of soaps, TV shows, music clips, or talk shows, turning them into something else. The exhibition includes artists who are not necessarily using their own transmission slot on television. Instead, like parasites, there are those that infiltrate existing TV with their own artistic concerns. One example is Mel Chin (b. 1951) and the GALA Committee, who manufactured and manipulated loaded stage props for the 4th and 5th seasons of the well-known television series Melrose Place.

Having grown up with television, the younger artists in particular approach the medium from the position of the specialised viewer. They pursue a fascination for the dethroning of the serious (Sontag), for the stylistic howlers of image cultivation, and the opulence of surface splendour. As consumers of television, they return the ball to the opposing court and mirror the medium. The ambivalent and exclusive mechanisms of television, its ambiguous methods of communication and an attitude of expectation emerge particularly clearly in childlike role-playing, reflecting the desire for participation and an exaggerated cultivation of image.

Artists like Kalup Linzy (b.1977) look back to television formats such as the Soap or the Casting-show. In his videos, reflecting upon childhood experiences, Linzy performs all the female main characters, if notalso all supporting roles. He performs with the knowledge that his brand of drag would be quite unlikely in „real“ television, while also repeating clichés and phrases bound to television and the enforced desire of intensity and fame. This attention to forms that shape desire is an aspect that one could also track in the work of Francesco Vezzoli’s (b.1981). Ryan Trecartin (b. 1981) picks up language, aesthetics and characters from the Internet and computer games as much as from TV. He blends stories and realities so much that they become quasi-abstract images.

To give these various perspectives on television a framework Simon Denny (b. 1982) has developed a setting for the exhibition. His exhibition design works with the paradox that the television industry, being so strictly bound to the present, does not leave relics behind. Denny integrates the exhibition architecture with parts of stage sets from current television-shows borrowed from local TV-production company Brainpool, offsetting the art-object/sets by Mel Chin and the GALA committee with non-relics form the industry.

The exhibition Forbidden Love: Art in the Wake of Television Camp is a co-operation with the Kunstverein Medienturm, Graz. A combined catalogue will be published with both institutions. The exhibition at the Kölnischer Kunstverein was conceived by Simon Denny, Kathrin Jentjens and Anja Nathan-Dorn. Simon Denny currently holds a studio-stipend from Kölnischer Kunstverein and the RheinEnergie Stiftung Kultur.

Melanie Gilligan

Einzelausstellung im Rahmen von Die Letzten ihrer Art
26.06. – 05.09.2010

„Of course you’re special, special like everyone else.“
Melanie Gilligan, Popular Unrest, 2010

Melanie Gilligan greift in ihren Arbeiten verschiedene Medien und Genre auf wie Video, Performance, Text, Installationen und Musik. Ihr neuer Film Popular Unrest ist ein Episodendrama, das in einer unserer Gegenwart sehr ähnlichen Zukunft spielt. Dort allerdings werden alle Transaktionen und sozialen Interaktionen durch ein System, mit dem Namen the Spirit, überwacht. So geschehen rund um die Welt eine Anzahl unerklärlicher Morde, die häufig in der Öffentlichkeit verübt werden, dennoch sehen Zeugen nie einen Angreifer. Auf ebenso mysteriöse Weise versammeln sich plötzlich überall Menschen, die zuvor in keinerlei Beziehung zueinander standen. In den neuen Gruppierungen finden schnell immer mehr Menschen zusammen, die unerklärlicherweise eine tiefe und beständige Verbindung zueinander empfinden.
Der Film erkundet eine Welt, in der das Selbst auf seine physische Seite reduziert und unmittelbar den Anforderungen des Kapitals unterworfen ist. Hier bieten Hotels Bedienstete zum Vorwärmen der Betten an. Menschen werden bestraft, weil sie sich nicht gegen vorhersehbare Krankheiten geschützt haben. Lebensmittel, die das Gewicht kontrollieren sollen, tun das indem sie den Verdauenden von innen verzehren und Arbeitslose zahlen der Gesellschaft ihre Schulden in Körperenergie zurück. Wenn dies einerseits auf die vollständige Dominanz von Tauschwerten über das Leben hinweist, bieten dann die neuen Gruppierungen einen Ausweg?
Der Film wurde in London mit einer Besetzung von zwölf Hauptdarstellern gedreht. Seine Form wurde einerseits durch David Cronenbergs so genannten „Body Horror“ inspiriert und andererseits durch amerikanische Krimiserien wie CSI, Dexter und Bones, in denen Körperlichkeit mit psychologischen Aspekten des Horrors verbunden wird.
Die fünf Episoden des Films werden in der Ausstellungshalle des Kölnischen Kunstvereins jeweils einzeln gezeigt. Wie auch in ihren letzten Videoarbeiten orientiert sich Gilligan mit der episodischen Struktur ihres Films am Medium Fernsehen. Auf einer eigenen Website sind die Filmepisoden ebenfalls zugänglich.

Im Kino zeigt Gilligan zwei weitere Filme, die thematisch an die neue Produktion anschließen. In dem vierteiligen Film Crisis in the Credit System (2008) erzählt Gilligan in einem fiktiven Drama von einer großen Investmentbank, die ihre Angestellten zu einer Sitzung einlädt, um Strategien für den Weg aus der Finanzkrise zu entwickeln. In dem Single-Screen-Film Self-capital (2009) wird der Kapitalismus als eine Person dargestellt, die sich einer Therapie unterzieht.

Der Film Popular Unrest wurde gemeinschaftlich von der Chisenhale Gallery, London, dem Kölnischen Kunstverein, der Presentation House Gallery, North Vancouver und der Walter Philipps Gallery, The Banff Centre, Banff produziert sowie von der Galleria Franco Soffiantinto, Turin, dem Kulturamt der Stadt Köln, der Stanley Thomas Johnson Stiftung und der Rheinland AG unterstützt.

Melanie Gilligan, 1979 in Toronto geboren, lebt und arbeitet derzeit in London und New York. Gilligan schloss 2002 den Bachelor (Hons) Fine Art am Central Saint Martins College, London ab und war 2004-2005 Stipendiatin des Independent Study Programme am Whitney Museum of American Art, New York. Zuletzt stellte sie als Teil des Glasgow International Festival in der Transmission Gallery, Glasgow (2008) und in der Galleria Franco Soffiantinto, Turin (2009) aus. Im Oktober 2009 erhielt Gilligan den Paul Hamlyn Award for Artists.

http://www.popularunrest.org

http://www.die-letzten-ihrer-art.org


DIE LETZTEN IHRER ART – Eine Reise zu den Dinosauriern des Kunstbetriebs

Kooperation der Kunstvereine Düsseldorf – Köln – Bonn
26.06. – 05.09.2010

Erstmalig haben die Kunstvereine Bonn, Düsseldorf und Köln ein gemeinschaftliches Veranstaltungs- und Katalogprojekt erarbeitet, in dem die institutionellen Herausforderungen für Kunstvereine im 21. Jahrhundert diskutiert werden sollen. Kunstvereine sind in ihrem Kern bürgerliche Institutionen, die sich im Vormärz des 19. Jahrhunderts als engagierte Antwort auf die adeligen Salons entwickelt haben. Was passiert aber, wenn wir feststellen, dass in unserer postbürgerlichen Gesellschaft Vereinskultur, bürgerliches Engagement und föderale Logiken einen Bedeutungsverlust erleben, und wie wirkt sich dies auf Kunstvereine aus?

In Anspielung auf Douglas Adams’ Reisebericht „Die Letzten ihrer Art“ stellen wir Kunstvereine als eine vielleicht bedrohte, aber auch besondere und sehr erhaltenswerte Spezies vor und nehmen sie in verschiedenen Veranstaltungen in Bonn, Köln und Düsseldorf unter die Lupe.

 

Ausstellungen:

Bonner Kunstverein
26. Juni – 29. August 2010
ALTRUISMUS: KUNST AUS TSCHECHIEN HEUTE
in Kooperation mit tranzit, Prag
Freitag, 25. Juni, 19.45 Uhr Eröffnung

Kölnischer Kunstverein
26. Juni – 5. September 2010
MELANIE GILLIGAN
in Kooperation mit Chisenhale Gallery, London
Freitag, 25. Juni, 19 Uhr Eröffnung

Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
26. Juni – 22. August 2010
HENRIK PLENGE JAKOBSEN
in Kooperation mit Overgaden, Kopenhagen
Freitag, 25. Juni, 19.30 Uhr Eröffnung

 

Begleitprogramm:

Freitag, 25. Juni, ab 22 Uhr
gemeinsame Party im Kölnischen Kunstverein, Die Brücke, Hahnenstraße 6, 50667 Köln. Musik mit CHRISTIAN NAUJOKS.

Sonntag, 27. Juni, 12 Uhr, Ort: Kölnischer Kunstverein, Theatersaal
Subjekt und Gesellschaft
Künstlergespräch mit MELANIE GILLIGAN
Polly Staple, Direktorin der Chisenhale Gallery, London, wird mit MELANIE GILLIGAN über die Hintergründe der neuen Filmproduktion „Popular Unrest“ sprechen und sie zu ihrer Arbeitsweise und die Zusammenarbeit mit den zwölf beteiligten Hauptdarstellern befragen. Es wird dabei genauso um MELANIE GILLIGANs Überlegungen zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und zur Ökonomisierung sozialer Beziehungen gehen, wie um ihre Inspiration durch das Fernsehen.

Mittwoch, 30. Juni, 19 Uhr, Ort: Bonner Kunstverein
Altruismus als Arbeitsprinzip für unabhängige Kunstinstitutionen in Tschechien
Ausstellungsführung und Gespräch mit Stephan Strsembski und Noemi Smolik Stephan Strsembski, Kurator der Ausstellung, und Noemi Smolik, Kunstkritikerin und Kennerin der tschechischen Kunstszene, führen durch die Ausstellung ALTRUISMUS und diskutieren über die Situation unabhängiger Kunstinstitutionen in der Tschechischen Republik, über ihre Entstehungsgeschichten und ihre Arbeitsweisen im Vergleich zu Kunstvereinen im deutschsprachigen Raum.

Donnerstag, 1. Juli, 19 Uhr, Ort: Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
Andere Länder, andere Institutionen.
Gespräch mit Henriette Bretton-Meyer
Kunstvereine gibt es nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie sehen vergleichbare Institutionen im restlichen Europa aus? Und was zeichnet einen Kunstverein aus der Perspektive jener aus, die dieses Modell nur aus der Distanz kennen? Henriette Bretton-Meyer, Direktorin von Overgaden in Kopenhagen, diskutiert mit Vanessa Joan Müller, Direktorin Kunstverein Düsseldorf

Mittwoch, 7. Juli, 19 Uhr, Ort: Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
Kunstverein: heute, morgen, gestern
Gespräch mit Wulf Herzogenrath und Florian Waldvogel
Prof. Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen, und Florian Waldvogel, Direktor des Kunstvereins in Hamburg, diskutieren über aktuelle Perspektiven der Institution Kunstverein, produktive Krisen der Vergangenheit und Modelle für morgen.

Mittwoch, 25. August, 19 Uhr, Ort: Kölnischer Kunstverein, Theatersaal
Bürgerschaftliches Engagement als Weg aus der Krise
Gespräch mit Loring Sittler, Zukunftsfonds der Generali Deutschland
Der Zukunftsfonds der Generali Deutschland widmet sich der Förderung bürgerschaftlichen Engagements und konzentriert sich mit Blick auf den demografischen Wandel insbesondere auf das Engagement älterer Menschen. Loring Sittler wird im Gespräch darlegen, inwiefern diese Ausrichtung eine Antwort auf die aktuelle Transformation der Aufgaben im Bereich von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sein kann und den Engagementatlas 09 vorstellen.

www.die-letzten-ihrer-art.org

Alexandra Bircken, Blondie

22.04. – 06.06.2010

Zur Art Cologne präsentiert der Kölnische Kunstverein mit Alexandra Bircken (geboren 1967) eine außergewöhnliche Kölner Künstlerin, die zurzeit international große Aufmerksamkeit erfährt. Als ehemalige Atelierstipendiatin (2004-2008) begleitet der Kölnische Kunstverein die Künstlerin seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit.

Alexandra Bircken hat in den letzten Jahren eine eigenwillige skulpturale Sprache entwickelt, die ein großes Materialverständnis und eine Sensibilität im Umgang mit natürlichen und künstlichen Stoffen verrät. Ihre Skulpturen spielen mit dem Verhältnis von Kunst und Handwerk. Handwerkliche Arbeitsweisen werden von ihr aufgegriffen und über Verweise zu Mode und Konsumkultur in einen popkulturellen Zusammenhang übertragen.

Angefangen mit kleinen Strickobjekten, die sich von jeglicher Funktion befreit haben und sich in eigenständige kleine Wesen verwandelt haben, arbeitet sie mit unterschiedlichsten Materialien wie Wolle, Ästen, Beton, Steinen. Sie entwickelt daraus freistehende Skulpturen, hängende Objekte oder Wandarbeiten, in denen das Moment der Transformation eines funktionalen Gegenstandes in ein ästhetisches Objekt oder in einen narrativen Mikrokosmos zentral ist.

Alexandra Bircken studierte Modedesign am Londoner St. Martins College, wo sie auch unterrichtete, bevor sie ihre ersten Einzelausstellungen in der Galerie BQ in Köln hatte. Sie stellte in Einzelausstellungen im Stedelijk Museum CS in Amsterdam (2008), Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal (2008), Gladstone Gallery, New York (2007) und Herald Street, London (2005) aus. In Gruppenausstellungen war sie u. a. in der Barbican Art Gallery, London (2008), im New Museum, New York (2007), und bei White Columns, New York (2005) beteiligt.

Die Imhoff Stiftung fördert das Atelierprogramm und Alexandra Bircken seit 2004. Die RheinEnergie Stiftung Kultur unterstützt mit dem Programm „Antenne Köln“ seit 2007 den Kölnischen Kunstverein. Der Kölnische Kunstverein freut sich über die erneute Unterstützung der Einzelausstellung und Produktion neuer Arbeiten durch die beiden Kölner Stiftungen.


At this year’s Art Cologne, we will be presenting Alexandra Bircken (*1967), an extraordinary Cologne artist currently enjoying the international spotlight. As a former participant in the studio grant program (2004–2008) the Kölnischer Kunstverein has been following her career since the very beginning.

Over the past few years, Bircken has developed an individual sculptural language that reveals a deep understanding of the materials she employs and a sensitive approach to both natural and artificial materials. For her solo exhibition Blondie, Bircken developed freestanding sculptures, hanging objects and wall art from ropes, vintage clothing pieces, wood, concrete, articles used in daily life, hair and wool. The quintessential element within these works is the point at which a functional item is transformed into an aesthetic object or narrative microcosm.

When Bircken, who first began her career as a fashion designer, started working as an artist in 2004, her jewelry and clothing pieces began evolving into devious shapes and spatial designs and soon lost all semblance of gender specificity or even functionality. Being aware of the artificiality and role play within fashion, Bircken’s use of wool, branches and stones – materials with an inherent air of authenticity – at first seems to be a faux pas. But she bucks this value judgment, focusing instead on the psychology at work behind the interplay of interaction and confrontation between wildly different materials that relate to a confusing set of pop cultural references. Her working methods place Bircken in the generation of younger artists that have very consciously chosen a formal artistic approach.

Bircken’s consistency to work through and continuously develop formal problems can be traced throughout her past solo exhibitions at the Stedelijk Museum CS in Amsterdam and at the Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal (both in 2008). Furthermore Bircken exhibited at BQ in Berlin (2009, 2006 and 2004), at Gladstone Gallery in New York (2007) and Herald Street in London (2009, 2005). She participated in group exhibitions among others at Kunstverein Freiburg, at Barbican Art Gallery, London (2008), at New Museum, New York (2007) and at White Columns, New York (2005).

ars viva 09/10: Geschichte/History

Eine Ausstellung der PreisträgerInnen Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V., in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden, dem Kölnischen Kunstverein und dem Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich.
Preisträger: Mariana Castillo Deball, Dani Gal, Jay Chung & Q Takeki Maeda
20.02. – 04.04.2010
Eröffnung am 19.02.2010, 19 Uhr

Der Kölnische Kunstverein richtet in diesem Jahr den renommierten ars viva-Preises zum Thema Geschichte aus und stellt die jungen Preisträger Dani Gal, Mariana Castillo Deball und Jay Chung und Q Takeki Maeda der Öffentlichkeit vor. Es scheint gerade in der Wirtschaftskrise verlockend, sich über den historischen Rückblick Orientierung zu verschaffen.

Auffallend ist, dass sich alle ausgezeichneten Künstler mit ihrer Arbeit auf das historische Dokument konzentrieren, als wäre es der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich heutzutage noch einigen kann. Die Künstler schlüpfen in die Rolle von „Amateur-Archäologen“ und arbeiten mit Fundstücken und Fragmenten in einem assoziativen Spiel, das persönliche Begegnungen mitObjekten und Orten spiegelt.

Die Ausstellung wird partnerschaftlich mit dem Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI organisiert. Der Kölnische Kunstverein wurde neben dem Museum Wiesbaden und dem Migros Museum Zürich vom Kulturkreis zur Ausrichtung der Ausstellung eingeladen.


The Kölnischer Kunstverein is delighted to be able to present this year’s prestigious ars viva prize exhibition on the theme of History. The Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. (Cultural Circle of German Industry in the BDI, reg. charity) awarded the ars viva prize for visual arts of € 5,000 each to Mariana Castillo Deball (b. 1975), Jay Chung and Q Takeki Maeda (b. 1976/77), and Dani Gal (b. 1975). Three exhibitions (in the Museum Wiesbaden, in the Kölnischer Kunstverein and in the migros museum für gegenwartskunst in Zurich) in the series ars viva are linked to the promotional prize, and these will be accompanied by a catalogue in two languages and an artist’s edition. The three prize-winners were chosen from 44 artists in whose work the investigation of the construction of historical facts is of central importance.

It is striking that all the prize-winning artists engage in their work with the question of the construction of history, how and why it comes to be used today in the political but also the economic sphere. They concentrate in their works on the historical document as the smallest common factor on which, seen from today, agreement can be reached.

Dan Graham, Performer/Audience/Mirror, 1977

Filmscreening
04.12.2009, 20 Uhr

Dan Graham (geboren 1942) ist eine einflussreiche Figur in der zeitgenössischen Kunst, als Künstler, Kritiker und Theoretiker. Das Verhältnis von Kunstwerk und Publikum und die Arbeit mit Video sind für seine künstlerische Praxis wesentlich und kommen bereits in frühen Arbeiten zum Ausdruck. In seiner Performance Performer/Audience/Mirror untersucht Graham nicht nur seine eigenen Bewegungen und lässt das Publikum daran teilhaben, sondern macht das Publikum selbst zum Akteur, in dem er ihm den Spiegel vorhält und die Zuschauer sich selbst beobachten lässt. Der Kölnische Kunstverein zeigt die Dokumentation der Performance von 1977 im De Appel Institut, Amsterdam.

Lutz Becker, Cinema Notes, 1975
Der Experimentalfilm Cinema Notes von Lutz Becker (geboren 1941), der erst kürzlich wieder entdeckt wurde, ist 1975 entstanden. Becker ist bekannt für seine politischen und künstlerischen Dokumentarfilme.
Cinema Notes ist in Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Künstlern, Kuratoren und Kritikern entstanden, die sich im Student Cultural Centre in Belgrad in den 1970ern organisierten. Der Film zeigt Statements und Performances von zahlreichen Künstlern der “New artistic practice” im ehemaligen Jugoslawien, die sich auf die Rolle der Kunst in der Gesellschaft beziehen und Konzepte der Autonomie, Ökonomie, Politisierung und Institutionalisierung von Kunst reflektieren.


Dan Graham (born 1942) is an influential figure in the field of contemporary art, both a practitioner and an art critic and theorist. Graham especially focuses on the relationship between artwork and viewer in his pieces. In his early performance Performer/Audience/Mirror Graham examines not only his own movements and makes the public participate in it, he also transforms the audience into actors and reproaches the mirror to the people so that they start to observe the artist and themselves. Kölnischer Kunstverein shows the documentation of the performance at De Appel Institute, Amsterdam in 1977.

Tris Vonna-Michell, Endnotes

Performance
03.12.2009, 20 – 21 Uhr

Tris Vonna-Michells Sprechperformances beziehen sich auf historische Ereignisse, persönliche Biografien und von ihm bereiste Städte. Stets entwickelt er eine faszinierende Unmittelbarkeit durch seine schnellen und poetischen Monologe und seine direkte Ansprache des Publikums, in die er Dias, Objekte und Texte als demonstrative Werkzeuge seiner Geschichten einflicht. Tris Vonna-Michell ist dem Kölner Publikum bereits durch mehrere Live Performances bekannt. Im letzten Jahr war er Preisträger des ars viva-Preises und hat an zahlreichen Ausstellungen wie beispielsweise der Köln Show2, European Kunsthalle, Köln (2007), Performa 07, New York, Yokohama Triennial (2008), 5. berlin biennale (2008) und der Tate Triennial, London (2009) teilgenommen. In Einzelausstellungen war er bereits u. a. im Schnittraum, Köln (2006), Witte de With, Rotterdam (2007) und in der Kunsthalle Zürich (2008 / 09) zu sehen und zeigt aktuell im Jeu de Paume in Paris.


Tris Vonna-Michell’s (born 1982) speech performances refer to historical events and persons, personal biographies or visited cities. He develops an intriguing immediacy through his fast and poetic monologues and includes slides, objects and texts in his performances as demonstrative tools of the stories, which he presents to the visitor mostly one-on-one. He lately started to work in installations. His slide installations for example are complemented by the underlying voice of the artist commenting and fuelling the shown images. Tris Vonna-Michell won the ars viva prize in 2008/09 and has participated in numerous exhibitions such as Koeln Show2, European Kunsthalle, Cologne (2007), Performa 07, New York, Yokohama Triennial (2008), 5th berlin biennial (2008) and Tate Triennial, London (2009). He has had solo exhibitions at among others Schnittraum, Cologne (2006), Kunstverein Braunschweig, Witte de With, Rotterdam (2007) and Kunsthalle Zürich (2008/09).

Michael Lentz/Uli Winters, Lentz und Winters merken was

Literatur Performance
23.11.2009, 20 Uhr

Man kann doch nicht immer nur lesen! Ärzte werden durch das Wort zum Wurm. Schillers Glocke überholt den Vorleser. Rilke hat das Recht, anders zu klingen. Ballett geht ohne Musik, und Blasmusik geht ohne Trompete. Bei dieser Lentz/Winters-Revue weiß man nie, was als nächstes passieren wird und erst recht nicht, was gerade eben geschah. Es steht eine Menge auf dem Spiel – Lentz und Winters kämpfen um jeden Punkt. Deshalb erkennt der Zuhörer hier so manches wieder, das er noch nie gesehen hat.
Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem Literaturhaus Köln.


One can nevertheless not always only read! A doctor becomes a worm through the word. Schiller´s The bell overhauls the reader. Rilke has the right to sound differently. Ballet goes without music, and brass-band music goes without trumpet. With this Lentz/Winter revue one never knows, what will happen next and especially not, what happened just a minute ago. A lot is at stake – Lentz and Winter fight for each point. Therefore the listener recognizes something again, which he did never see before.

Michael Lentz (born 1964) works as an author, musician, and performer. Since 2004 he has been president of the FreeAcademy of the Arts in Leipzig. Lentz has received numerous awards, among others the Ingeborg-Bachmann Prize (2001), the Hans-Erik-Nossak Sponsorship Award of the BDI (Federation of German Industries) (2002), or the Prize of the Literature Houses (2005) His latest novels are Liebeserklärung (2003) and Pazifik Exil (2007). In 2005 Michael Lentz and his colleague Uli Winters developed their literature performance and presented it on a tour through Cologne, Leipzig, Hamburg, Berlin, Munich, Salzburg, Frankfurt and Stuttgart. In these performances Michael Lentz reads while two puppets in the background, played by Uli Winters, constantly comment on what he is saying. By intervening in the lecture situation the puppets poke fun at the reading situation and of the performer himself.

Achim Lengerer, Pictures exemplify quite nicely the Exhibition as an Event from afar, Version Cologne

Lecture Performance
12.11.2009, 20 Uhr

In seiner Live-Performance greift Achim Lengerer die Thematik seiner Ausstellung Blows into the microphone: Is it all right? Voice off mike: It’s all right. Pause… aus dem Jahre 2006 auf. Hier re-inszenierte er einen Vortrag des amerikanischen Filmemachers Hollis Frampton und seinen berühmten Film Nostalgia (1971) und kommentierte dessen avantgardistische Brechung von Wort und Bild. Achim Lengerer beschäftigt sich mit sprachlichen Phänomenen in Performances und Installationen. In den letzten Jahren gründete Lengerer verschiedene kollaborative Projekte wie beispielsweise labelfuerproduktion (2005), den von Künstlern geführten Raum freitagsküche in Frankfurt (2004) und voiceoverhead in Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollegen Dani Gal. Seit kurzem leitet Lengerer auch den mobilen Ausstellungsraum und das Verlagshaus Scriptings, das sich zurzeit in Amsterdam befindet.


In his live performance Achim Lengerer refers to his preceding exhibition Blows into the microphone: Is it all right? Voice off mike: It’s all right. Pause… from 2006, in which he re-enacts a lecture of the American filmmaker Hollis Frampton and his famous film Nostalgia (1971) and comments on its avant-gardistic refraction of word and image. Achim Lengerer (born 1973) works with questions of language that he either thematises in his performances or spatialises within his installations. In the last years Lengerer founded different collaborative projects: labelfuerproduktion (2005) was initiated by Lengerer as a collaborative, process-oriented art project that presented performances, exhibitions and events at institutions like Kunsthalle Exnergasse, Vienna or Kunstverein Braunschweig. He co-founded the artist-run space freitagsküche in Frankfurt a. M. in 2004 that later on moved to Berlin. The third long-term project, voiceoverhead is a collaboration with his artist colleague Dani Gal. On the basis of a huge record collection with sound documents, mainly speeches, the artists developed presentations and DJ-lectures at among others INSA Art Space, Seoul, SMART Project Space, Amsterdam and Portikus, Frankfurt am Main. Achim Lengerer has had various exhibitions and presentations at Kunstverein Braunschweig, Bonner Kunstverein, and others. Lengerer runs the travelling showroom and instant publishing house Scriptings – currently based in Amsterdam.

Christian Naujoks, The Great Pretending

Musik Lecture
07.11.2009, 21 Uhr

Christian Naujoks ist erst neulich von Wien nach Köln gezogen und seit August 2009 Atelierstipendiat im Kölnischen Kunstverein. In seinem musikalischen Vortrag wird er Geschichten aus der “Diskursabteilung” der Wiener Zwölfton-Avantgarde erzählen und uns darüber hinaus mit seinen musikalischen Aphoprismen umschmeicheln, die kurios zwischen aufgekratzter Crooner-Ballade und modernistischer Punktgenauigkeit schwanken.
Die Veranstaltung findet in der Reihe Antenne Köln statt, gefördert von der RheinEnergie Stiftung Kultur und als Beitrag zur Langen Nacht der Kölner Museen.
Präsentiert von Spex


Christian Naujoks moved only recently from Vienna to Cologne and since August 2009 he is studio scholarship holder of Kölnischer Kunstverein. His artistic work includes performances, videos and music productions. In his music lecture he will tell us stories from „the discourse department“ of the Viennese twelve-tone musik and beyond that he will touch us with his musical “aphoprisms”, which vary strangely between an exhilarated Crooner ballad and a modernistic way of being to the point.

The event takes place in the series Antenne Köln, supported by RheinEnergieStiftung Kultur and as part of the Lange Nacht der Museen.
Presented by Spex

TkH (Walking Theory), The last theoretical performance – Génerique

Lecture Performance
04.11.2009, 20 Uhr

Ana Vujanovic, Bojan Djordjev, Marta Popivoda und Sinisa Ilic

Nach einer langen Reihe von Auftritten mit theoretischen Performances seit 2001 im Opernhaus, im Boxring, im botanischen Garten, im Internet, Radio und Fernsehen, Amphitheater, Klassenraum, im Museum oder auf der documenta 12 in Kassel zeigt Walking Theory (TkH) seinen Körper zum letzten Mal.

TkH (Walking Theory) wurde als theoretisch-künstlerischer Arbeitskreis vor neun Jahren gegründet. TkH bietet eine Plattform in Belgrad, um zeitgenössische Performancepraktiken zu entwickeln und durch das Journal for Performing Arts Theory, durch Vermittlungsprogramme und Online-Plattformen einen kritischen Diskurs zu stimulieren: vor Ort, in kulturpolitischen Themen und im Bereich der internationalen Performancekunst.


After a long line of theoretical performances performed in an opera house, boxing ring, botanical gardens, on the internet, TV, radio, in the university amphitheatre, classroom, museum, gallery, paper and documenta 12 in Kassel, Walking Theory (TkH) shows its body for the last time. Its breasts, to be more precise.

TkH (Walking Theory) was founded as a research theoretical-artistic group in Belgrade in 2000. Main domain of the work of the TkH Platform is to encourage the development of contemporary performing arts practices and their critical discourses through the TkH Journal for Performing Arts Theory, educational projects, an on-line platform, and artistic and theoretical projects. TkH Platform is also engaged in the cultural policy field and empowering of infrastructural and discoursive potentials of independent artistic and cultural initiatives.

Fia Backström, Herd Instinct 360°

Lecture Performance, aufgeführt von Frances Scholz

25.10.2009, 17 Uhr

Fia Backström bezeichnet ihre Vortragsreihe Herd Instinct 360° als Kultaktion oder Gruppentherapie und verspricht: “Wir werden uns gut fühlen”. Herd Instinct 360° ist eine Einladung, über Gemeinschaft zu hören, zu sehen und zu sprechen. In der Live-Performance nimmt Backström Dan Grahams historische Arbeit Performer/Audience/Mirror (1977) zum Ausgangspunkt und inszeniert eine Art Feedback für die Bilder, die Gemeinschaften produzieren. 2005-2006 organisierte die New Yorker Künstlerin die ersten drei Abende der Vortragsreihe Herd Instinct 360º in der Andrew Kreps Gallery, New York. Das Projekt wurde unter anderem bei United Nations Plaza, Berlin, De Appel, Amsterdam und in der Serpentine Gallery, London vorgestellt. Backström zeigte zuletzt Arbeiten bei The Kitchen, New York (2007), auf der Whitney Biennale, New York (2008), White Columns, New York (2008) und im ICA, London (2009).


Fia Backström describes her lectures Herd Instinct 360° as cult action or group therapy and promises: „We will feel well“. Herd Instinct 360° is an invitation to hear, to see and speak over community. In the performance Backström performed by Frances Scholz she takes Dan Grahams historical work Performer/Audience/Mirror (1977) as a starting point and produces a kind feedback for the pictures, which groups produce. While with Graham the person in the audience is reflected as part of the mass, Backström´s performance is a kind of public speech in form of a lecture, a comment on forming and behaviour-forms of groups. Between November 2005 and January 2006 Fia Backström (born 1968) set up three Herd Instinct 360º Sunday situations at Andrew Kreps Gallery in New York. The project has travelled to numerous locations such as United Nations Plaza, Berlin, De Appel, Amsterdam and Serpentine Gallery, London. Her work has recently been shown at the Whitney Biennial, New York, White Columns, New York, ICA, London and The Kitchen, New York.

Lecture Performance

Mit Fia Backström, Lutz Becker, Walter Benjamin, Pauline Boudry/Renate Lorenz, Andrea Fraser, Dan Graham, Achim Lengerer, Michael Lentz/Uli Winters, Xavier Le Roy, Robert Morris, Martha Rosler, TkH, V-Girls, Jeronimo Voss.
24.10. – 20.12.2009

Lecture Performances sind ein aktuelles Phänomen der zeitgenössischen Kunst, das in den letzten Jahren zahlreiche Ausformulierungen erfahren hat. Künstler arbeiten in diesem relativ jungen Genre an der Schnittstelle von Vortrag und Performance und vermischen auf kreative Weise die Inszenierung der eigenen Person vor Publikum mit Methoden der klassischen Kunstvermittlung.
Dabei reagieren sie in ihren Arbeiten auf das aktuelle Kunstsystem, dessen Grenzen zwischen Produktion, Vermittlung und Kritik immer mehr verwischen.

Diese selbstreflexive und diskursorientierte Praxis wird in der Ausstellung mit beispielhaften Arbeiten vorgestellt und in Dialog zu einzelnen Referenzarbeiten aus der amerikanischen Conceptual Art, der osteuropäischen Aktionskunst und der institutionellen Kritik gesetzt, die die Wurzeln dieses Verfahrens sichtbar machen. Dass Lecture Performances nicht nur ein Thema in der Bildenden Kunst sind, sondern auch in der Choreographie, der Literatur, der Musik und der Wissenschaft diskutiert werden, wird an den Arbeiten evident.

Die Ausstellung Lecture Performance ist ein partnerschaftliches Projekt mit dem Museum of Contemporary Art, Belgrad und findet in der Reihe Europäische Partnerschaften statt, gefördert durch die Kunststiftung NRW und das Goethe-Institut.
Für die Unterstützung danken wir auch Köllefolien.


The lecture performance has become a feature of contemporary art. Various descriptions of the phenomenon have circulated over the past few years. Artists in this comparatively young genre work at the interface between lecturing and performing, seeking out creative ways of including traditional methods of artistic communication in presenting themselves to an audience. The technique involves elements of self-reflection, discussion and performance.

The exhibition Lecture Performance highlights the artistic nature of this method by presenting the latest installations and live performances by Fia Backström, Pauline Boudry and Renate Lorenz, Achim Lengerer, TkH, Tris Vonna-Michell and Jeronimo Voss and shows where the roots of this contemporary phenomenon lie.

The exhibition also includes reference works – which provides inspiration for many young artists – in the form of videos and performance documentation by the V-Girls, Andrea Fraser, Martha Rosler and the French choreographer Xavier Le Roy.

The uniqueness and contemporary relevance of lecture performances lies in their hybrid nature, which combines functional presentations with artistic performance: On the one hand they draw on historical methods, and on the other they reflect artists’ responses to today’s art world, in which the boundaries between production, communication and criticism are becoming increasingly blurred.

The exhibition is a collaboration with the Museum of Contemporary Art Belgrade and part of the series European Partnerships and kindly supported by Kunststiftung NRW and Goethe-Institute.
We also like to thank Köllefolien.

Everything, then, passes between us

Mit Vito Acconci, Johanna Billing, Olga Chernysheva, Song Dong, Anja Kirschner, Klara Lidén, Improv Everywhere, Cinthia Marcelle, Marjetica Potrc, Christine Schulz, Alex Villar, Haegue Yang. Kuratiert von Christine Nippe.
27.06. – 23.08.2009

Die Ausstellung Everything, then, passes between us zeigt Momentaufnahmen des Urbanen und fragt danach, wie Formen der Öffentlichkeit oder der temporären Vergemeinschaftung heute gefasst und hergestellt werden können. Die Künstler/innen greifen das Fragmentarische der Metropolen in der globalen Umbruchsituation auf. Sie fragen nach aktuellen Vorstellungen von Community und Vergesellschaftung in der Stadt.

Die von Christine Nippe kuratierte Schau zeigt mit dem Fokus auf künstlerische Interventionen und Performances in globalen Metropolen wie Beijing, Belo Horizonte, Berlin, Köln, London, New York und Seoul die “Großstadt und ihr Geistesleben”, nur eben mehr als hundert Jahre nach Georg Simmels berühmtem Essay zur Mentalität der Metropolenbewohner um die Jahrhundertwende.

Everything, then, passes betweeen us wird freundlicherweise unterstützt durch Köllefolien.


The exhibition Everything, then, passes between us shows snap-shots of urban life. It asks how forms of public or of temporary communities can be produced nowadays. The artists question fragmentary aspects of metropolises in times of global turmoil and ask for actual ideas of community and collecti-vity in the cities.

The exhibition, curated by Christine Nippe, places its focus on artistic interventions and performances in global metropolises such as Beijing, Belo Horizonte, Berlin, Cologne, London, New York and Seoul, and shows The Metropolis and Mental Life, only one hundred years after Georg Simmel’s famous essay on the mentality of the inhabitants of big cities, published in 1903.

Nora Schultz, 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0

23.04. – 07.06.2009

In Nora Schultz’ (*1975) erster institutioneller Einzelausstellung 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 zeigt sie umfassende Installationen, Diaprojektionen und Filme, die ihre intensive Auseinandersetzung mit einer konkreten Realität auf abstrakte Weise formulieren. Ihre unmittelbare Sprache und die Thematisierung kultureller, politischer und ethnographischer Werte durchdringen sich dabei gegenseitig.

Nora Schultz hat für den Ausstellungsraum eine Installation geschaffen, die grundlegende skulpturale Fragen aufgreift. Zu sehen sind mehrere an der Wand montierte oder mit einem Seil abgehängte, verchromte Rohre, die gleich einem Mobile sich mal in perfekter Balance befinden und an Waagen erinnern und mal ihr Gleichgewicht verloren haben und mit ihrer eigenen Haltung kämpfen.

Die fragilen Skulpturen werden im hinteren Bereich des Raums um zwei Diaprojektionen erweitert. Die erste Diaserie hält dreidimensionale Objekte mittels der zweidimensionalen Photographie aus unterschiedlichsten Winkeln fest. In der Bildfolge werden sie damit aber letztlich dynamisiert und in Bewegung gesetzt. Im letzten Raum empfängt den Besucher eine weitere Diaprojektion mit gefundenen und persönlichen Bildern von Reisen.

Die abstrakten Andeutungen eines (Un-)Gleichgewichts von Massen und Werten werden hier in weitgreifende kulturelle und politische Bilder übersetzt. Dabei stellt Schultz assoziative Bezüge zum französischen Schriftsteller und Ethnologen Michel Leiris her, der in seinen Reisebüchern und Essays eine schonungslose Selbstanalyse und einen offenen, unmittelbaren Eindruck seiner Erlebnisse fremder Kulturen schildert. In seinem Tagebuch L´Afrique Fantôme beschreibt er afrikanische Rituale, in denen Stammeskulturen nicht nur ihre eigene Geschichte reflektieren. In ihren Ritualen kommentieren und parodieren sie auch europäische Kulturen und zeigen, dass es nie nur den einen herrschenden Blick auf einen Gegenstand gibt, sondern dass dieser Blick durchaus zurückgeworfen wird.
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.


In her first institutional solo exhibition, 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0, Nora Schultz (*1975) shows comprehensive installations, slide projections and films that express, in an abstract way, her intensive examination of a tangible reality. A direct language and the framing of cultural, political and ethnographic values are the parameters that mutually pervade in her works.

For the exhibition room Nora Schultz has created an installation seizing fundamental sculptural questions. The installation shows several chrome-plated pipes mounted firmly on the wall or hung on a rope. Like a mobile, they sometimes arrange themselves in a perfect balance resembling a set of scales, and sometimes they loose balance and seem to struggle for their position.

Nora Schultz’ sculptures countermand the well-balanced weight ratio of the contrapposto in classical sculpture. Her works offer no well-balanced relation between calmness and motion, tension and relaxation, or bondage and liberty of the body. The ratio of carrier and (self) weight incurs imbalance. Schultz’ minimal sculptures consist of industrial materials, found objects, building materials and ship’s ropes. Their texture suggests an association to the unfinished, to building and travelling. The authority of an “it has been so“ is dissipated by the doubling and reproduction of images and situations while offering at the same time another “authenticity“ arising from the animation of the shown objects.

Two slide projections in the rear part of the room complement the fragile sculptures. The first series of slides records three-dimensional objects via two-dimensional photographies taken from different angles. The image sequence is consequently dynamised and put into motion. Another slide projection welcomes the visitor in the last room, showing found and personal  pictures of travels. The abstract indications of an (im)balance of masses and values are translated into far-reaching cultural and political images. Schultz establishes associative references to the French author and ethnologist Michel Leiris who, in his travel journeys and essays, offers an unsparing self analysis and an open, immediate impression of his experiences with foreign cultures. In his diary, L´Afrique Fantôme, Leiris describes African rituals of tribal civilizations that reflect not only their own history. The rituals comment and parody European civilizations and show that there never is just one ruling point of view onto a subject, but that this point of view entirely is thrown back.

Along with these new works, Nora Schultz shows further works corresponding with regards to content. Her arrow sculpture (2007) can be read as a typographic two-dimensional emblem operating as cross-reference and, at the same time, as a real object and visualisation of an arrow projectile. Similar to the set of scales, the status of the x-tables (2007) hovers between literal figure and object and shows an instability and reversal of the carrier/weight ratio. A slide projection in the basement raises the issue of the well known case of a failed balancing act: the story of Fidgety Philip from Heinrich Hoffmann’s Slovenly Peter (Struwwelpeter ), a classical German children’s story. In 1845, at the time of the German national revolution, Hoffmann, a doctor and director of the asylum in Frankfurt (Anstalt für Irre und Epileptische), wrote the story of a little boy who is unable to sit still at the table. The rebellious child defies all rules and educational methods of its parents and accomplishes acrobatic exercises on the chair. His attempt to balance on two chair legs fails and comes to a bad end. In the slide projection the table becomes the main player. The controversially discussed children’s book has been translated into over 30 different languages; the illustrations show the diverse interpretations of this story given by different cultures all over the world.

Après Crépuscule

Gruppen- und Archivausstellung mit Beiträgen von J. Louis Again, Michael Bracewell, Enrico David, Devine & Griffiths, Christian Flamm, Julian Göthe, Benoit Hennebert, Julia Horstmann, Linder, Lucy McKenzie, Claus Richter, Hanna Schwarz, Claude Stassart, Lawrence Weiner, Detlef Weinrich, Denyse Willem.
07.02. – 05.04.2009

Die kleine belgische Plattenfirma Les Disques du Crépuscule kreierte ein erstaunlich wirkungsvolles, zugleich kaum systematisch erschlossenes kulturelles Phänomen an den Rändern von Pop und High Art.

Im Zuge der popmusikalischen New Wave schuf das Label ab Beginn der 80er Jahre eine Identität aus aktueller Musik, Covertexten und einer einzigartigen optischen Präsentation. Chefdesigner Benoit Hennebert und seine Kollegen gestalteten einen flirrenden Stil aus dem Spiel mit Ideen der frühen Moderne, alten Werbegraphiken und dem Comicstil der „Ligne Claire“.

Einen musikalischen Einfluss der über begrenzte Szenen hinaus reichte, hatte das Label Œuvre allein in Japan. Und obwohl für Les Disques du Crépuscule Künstler wie Lawrence Weiner, Linder oder Denyse Willem Arbeiten beisteuerten, kam es auch zu keiner engeren Anknüpfung an die Brüsseler Galerienszene der 1980er. Doch in den letzten Jahren beziehen sich zusehends Künstler wie Enrico David, Christian Flamm, Julia Horstmann, Lucy McKenzie, Claus Richter, Hanna Schwarz oder Detlef Weinrich in direkter Weise auf das Label, seine Musik und seine Graphik.

Dieser so spannenden, weil unmittelbaren und dennoch zumeist verborgenen, Wirkungsgeschichte gilt es nachzuforschen. Die Ausstellung ist dafür in zwei Teile gegliedert: In der Ausstellungshalle werden Arbeiten von Linder, Lawrence Weiner, Benoit Hennebert und anderen gezeigt, die zur aktiven Zeit des Labels entstanden, sowie Arbeiten junger internationalen Künstler, welche sich in ihrer aktuellen Perspektive mit dem Label beschäftigen. Im Seminarraum im dritten Geschoss werden dem Besucher zur tätigen Vertiefung weitere historische Dokumente, Archivmaterialien, Fotos, Videos und Musik angeboten.

Seth Price

15.11.2008 – 04.01.2009

Die „calendar paintings“ des US-amerikanischen Künstlers Seth Price (geb. 1973, lebt und arbeitet in New York) enthalten Bilder der wenig bekannten amerikanischen Malerei aus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie veraltete Computergrafiken und Werbung aus Zeitschriften, die mit Inkjet auf Leinwände gedruckt wurden.

Diese Arbeiten, die in den Jahren 2003 und 2004 entstanden und nun erstmalig ausgestellt werden, bilden den Fokus der kommenden Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein. Seth Price präsentiert sie im Ausstellungsraum auf schwebenden Wandflächen. Der Künstler stellt den Gemälden Plastikreliefs zur Seite, die im industriellen Verpackungs-Tiefzugverfahren aus Polystyrol hergestellt werden. Die Reliefs zeigen Masken oder Gesichtsabdrücke und erscheinen wie hochglänzende, glamouröse Produkte. Sie wurden in verschiedenen Farben hergestellt und tragen das Datum ihrer Herstellung. Die Präsentation wird durch eine malerische Videoprojektion ergänzt, in der eine animierte Sequenz eines sich bewegenden schwarzen Meeres im Loop gezeigt wird.

Die atmosphärische Installation erzeugt den Eindruck einer Zeitreise, in der auf unterschiedliche Weise der Umgang und die Verwendung von Dingen, Objekten und Bildern vorgeführt wird. Price manipuliert gefundene Bilder, zeigt ihre Veränderlichkeit und Abhängigkeit von Präsentations- und Distributionsstrukturen und macht seine eigenen Manipulationen sichtbar. Die Reise eines Bildes vom Computerscreen zur Leinwand und vice versa wird plötzlich als eine schmale Gratwanderung erlebbar.

Die Ausstellung wird gefördert durch die WestLB.


The inkjet-on canvas “calendar paintings”of the American artist Seth Price (born in 1973, lives and works in New York) contain pictures from the less known period of American painting between the World Wars, as well as obsolete computer graphics and magazine advertisements. These works, which he designed, composed and executed in 2003 and 2004 but has seldom exhibited, build the main focus of the upcoming solo exhibition at the Kölnischer Kunstverein. In the exhibition room Seth Price presents his workson suspended wall panels. Accompanying the paintings are vacuum-formed polystyrene reliefs with masks or facial imprints, looking like glamorous high-definition products. The reliefs have been produced in different colours and bear their date of production. The presentation is completed by a painterly video projection in form of a program loop showing a computer-animated sequence of black water in motion. The video is based on a 5-second loop sold for business use, which Price purchased and treated with color and motion effects.

Atmospheric as it is, the installation creates the impression of a journey through time during which the different handling and use of things, objects and pictures, is shown. Price manipulates found pictures, shows their changeability and their dependence on presentation and distribution structures and also makes his own manipulations visible. The journey of a picture from the computer screen onto a canvas and vice versa can suddenly be experienced as a tightrope walk. While the calendar paintingsquestion the idea of painting freed from time or function by correlating it to trivial wall-calendars often seen in offices, Price’s plastic reliefs exaggerate the idea of Pop Art to show pictures and sculptures as desirable consumer products. He presents the reliefs as mere covers; they are negative form of the depicted objects and materialize only in their surface form.

Seth Price’s film Digital Video Effect: Editions (2006) will be shown in the cinema. This film is a montage composed entirely of material from Price’s own earlier videos, here transferred to a 16 mm film format. The materials Price has used in his video editions, and which reappear here in cut-up form, include manipulated film footage by Joan Jonas from the early 1970s, a video by Martha Rosler that took up TV advertisements from 1985, pictures from the Internet, and news footage from the 1981 assassination attempt on Ronald Reagan. It is no longer discernable who is speaking, what is commented on, or what is inside and what is outside. Low-definition and high-definition material is equally juxtaposed. The critic Polly Staple explains Price’s method of operation with the fact that nowadays it seems oddly outmoded to try and break up arrangements and systems because an unambiguousalternative is just as inexistent as a clear opposition:

“We have multiple styles and approaches now. There is infinite access to and collisions of meaning and value systems. There is a plethora of choices and a surfeit of images within the cultural logic of late capitalism. Here, defined by media, image becomes material. Price works in the realm of this new American Sublime“.

A collaborative working method is of likewise importance to Seth Price. He is co-founder of the New York publication series Continuous Project, together with writer Bettina Funcke, artist Wade Guyton, and designer Joseph Logan. During the exhibition his latest publication How to Disappear in America (Leopard Press, 2008)is available at the Kölnischer Kunstverein; this book explains how one can successfully disappear in American society. Last year Seth Price received the award of the city of Lyon as a special award for his work at the Lyon Biennale. Most recently Price’s works were shown in exhibitions at the Kunsthalle Zurich and at the Museum of Modern Art, Oxford. A monographic catalogue with a text by Michael Newman will be published in cooperation with the Kunsthalle Zurich.

Many Challenges Lie Ahead in the Near Future

Mit Milos Tomic, Bojan Sarcevic, Vladimir Nikolic, Lulzim Zeqiri. Kuratiert von Radmila Joksimovic.
23.08. – 28.09.2008

Der Ausgangspunkt für die Ausstellung Many Challenges Lie Ahead in the Near Future ist eine unterschwellige Erwartungshaltung, die Künstlern und der Kunst vom Balkan entgegengebracht wird. Wenn es um Künstler geht, die aus der Balkanregion kommen, scheint die Herkunftsfrage sehr oft wichtiger zu sein, als andere Aspekte und Fragestellungen ihrer Kunstwerke. Im letzten Jahrzehnt präsentierten mehrere prominente Ausstellungen, wie In den Schluchten des Balkan, Kunsthalle Fredericianum, Kassel, 2003, Blut und Honig, Sammlung Essl, Wien, 2003, In Search of Balkania, Graz, 2002, usw. dem westlichen Publikum zeitgenössische Künstler, die aus dieser Region stammen. Auch wenn diese Ausstellungen den Künstlern die Gelegenheit gaben, ihre Arbeiten einem internationalen Publikum vorzustellen, haben sie ihnen auch eine Last auf die Schultern gelegt, die in der Frage besteht, was es zu bedeuten hat, ein „Künstler vom Balkan“ zu sein.

Natürlich ist das Wissen des Betrachters über die Herkunft eines Künstlers nicht folgenlos. Es erzeugt bestimmte Erwartungen an die künstlerische Produktion, nämlich sowohl in Form von Bildern als auch von thematischen Fragestellungen, die sich mit dem Kommunismus, den Kriegen auf dem Balkan in den 90er Jahren auseinandersetzen, oder eine bestimmte Art der exotischen Folklore und Tradition aufgreifen, die es nur noch „in den Schluchten des Balkan“ gibt. In so einer Situation stellt sich die Frage, wie sich Künstler dieser Erwartungshaltung stellen. Die hier präsentierten vier Künstler verwenden die erwünschten Bilder als Kern ihrer Arbeiten und problematisieren davon ausgehend ihre künstlerische Position.


Starting point for the exhibition Many Challenges Lie Ahead in the Near Future are subconscious expectations that artists and the art coming from the Balkans encounter.

When it comes to artists from the Balkan countries, the question of origin seems very often more important than other aspects or questions that their art works deal with. During the last decade several well known exhibitions, among others In den Schluchten des Balkan, Kunsthalle Fredericianum, Kassel, 2003, Blut und Honig, Sammlung Essl, Vienna, 2003, In Search of Balkania, Graz in 2002, have presented contemporary artists from the Balkan region to a Western audience. The exhibitions gave the artists the opportunity to present their work to an international audience while at the same time encumbered the artists with the question of what it means to be an „artist from the Balkans“.

Of course, the viewers’ awareness of the origin of an artist is not without consequences. Certain expectations arise concerning the images as well as topics and questions that the art from the Balkans is supposed to show and to deal with, such as the political situation in these countries, communism, the Balkan wars of 1990s or exotic folklore and tradition that exists only in „the Gorges of the Balkans“. In such circumstances the question arises of how artists come to terms with these expectations. The four artists presented in this exhibition put the desired images at the core of their work and discuss their artistic position from there on.

Bojan Šarèeviæ (born 1974 in Belgrade, Serbia) originates from the former Yugoslavia, but received his artistic education in France and now lives in Paris and Berlin. In his artist book Kissing the back of your hand makes the sound like a wounded bird (2007) he comments ironically on the never changing reception of his works on the basis of his origin. Next to the reproduction of his sculptural works, installations and videos (all of them as abstract as the title of his book), instead of art historical interpretations of his works, Šarèeviæ offers to the reader texts about the political and economical situation in the Balkan region: The Western Balkans: moving on (Chaillot Paper No. 70, Institute for Securtity Studies, European Union, Paris).

In his video Clay Pigeon Miloš Tomiæ (born 1976 in Belgrade, Serbia) shows a love story that is at the same time a story of war. The seductive way of editing, flirting with the aesthetics of silent movies, as well as his humorous approach prevents the story from becoming overdramatic. Tomiæ uses a specific motif of the history of the Balkans in order to call attention to a universal question.

In his video Heroes Lulzim Zeqiri (born 1978 in Gjilan, Kosovo) solves a double problem of legitimation. On the one hand he deals with the question of his position as an artist within the European context, and on the other hand with the question of his position within the Kosovo society. To solve the first question, Zeqiri offers an ironic, orientalistic staging of three musicians playing a traditional melody in traditional poses. On the other hand, he is aware that one is legitimized in Zeqiris own society by gaining recognition as national hero. This is why he lets the singers in their traditional song sing about contemporary artists from Kosovo instead of national heroes.

In his video The Death Anniversary Vladimir Nikoliæ (born 1974 in Belgrade, Serbia) takes a wailer from a village in Montenegro to the tomb of Marcel Duchamp in Rouen to do her mourning in this place. In this video Nikoliæ criticises a principle often used by artists: to use the ancient customs and traditions of their countries of origin as „ready-made“ and to show it in such an unprocessed form. He refers to this kind of art not as contemporary, but „ethnic art“ or „Look How We Celebrate Religious Holidays In My Land–art“.

Michael Krebber, Pubertät in der Lehre/Puberty in Teaching

Gast: Stefan Hoderlein
21.06. – 28.09.2008

Der Ausstellungstitel Pubertät in der Lehre⁄Puberty in Teaching klingt zunächst paradox, scheinen sich die Begriffe Lehre und Pubertät doch konträr gegenüberzustehen. Es kommen einem sowohl Michael Krebbers Idee von der Pubertät in der Malerei als auch seine Professur an der Städelschule in Frankfurt in den Sinn. Impliziert wird auch die Frage, ob Kunst überhaupt unterrichtet werden kann und, wenn es keinen Lehrstoff gäbe, wie Autorität dann definiert wird. Krebber stellt hier ein von ihm sehr ernsthaft, geradezu leidenschaftlich verfolgtes Thema vor, in dem er entschieden für eine in sich widersprüchliche, quasi pubertäre Haltung eintritt.

Michael Krebber (geb. 1954) ist einer der einflussreichsten in Köln lebenden Künstler und wir freuen uns, seine längst überfällige erste institutionelle Einzelausstellung in Köln zu eröffnen. Krebber spielt gerade für eine jüngere Generation internationaler Künstler wie Merlin Carpenter, Sergej Jensen, Michael Beutler und John Kelsey eine wichtige Rolle. In den 80er und 90er Jahren wurde er bekannt, als Antipode zu den bekannten, in Berlin und Köln wirkenden Positionen, die Maler wie Baselitz, Lüpertz und Kippenberger und Oehlen vertreten haben.

Michael Krebber wurde stets als konzeptuell orientierter Maler gehandelt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf ein Werk, das sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren mit den Grenzen und Möglichkeiten der Malerei auseinandersetzt, ohne selbst immer in Form von Malerei aufzutreten. Dabei lenkt diese konzeptuelle Zuordnung von den rein formalen Qualitäten seiner Arbeiten ab. Es stellt sich die Frage, ob Krebber diese Form der Zuweisungen an bestimmten Stellen einfach als Finte für seine Arbeit einsetzt, sind ihr doch simultanes Zu- oder Begreifen und Entziehen, doppelte Böden, Sackgassen und Illusionen immanent.

Aber auch die neuere Bezeichnung Formalismus, einmal vom Nächstbesten als gut funktionierendes Doppelagententum verstanden, soll bei einer Erweiterung des Rezeptions- und Produktionsansatzes zur Debatte stehen.
In der Ausstellung werden ausschließlich Skulpturen gezeigt, puberty in sculpture, Stücke von zersägten Surfboards als Wandskulpturen und eine Außenskulptur auf dem Rasenstück vor dem Kunstverein, die, dem Hollywoodzeichen nachempfunden, den Schriftzug Herr Krebber zeigt. Alle diese Ideen, die entweder schlechte Witze sind oder einfach uninteressant, sind gestohlen oder von irgendwoher kopiert. Surfboards, wie Thunfisch in Scheiben geschnitten und wie eine Donald Judd-Skulptur gehängt, und ein Herr Krebber-Schriftzug installiert, um Grundstückskäufer anzulocken.


The title of the exhibition, Puberty in Teaching, is at first sight paradoxical, since the two concepts, teaching and puberty, seem contradictory. One thinks both of Michael Krebber’s idea of Puberty in Painting and also of his professorship at the StädelSchool in Frankfurt. Also implied is the question of whether it is possible to teach art at all and, if it is the case that there is no subject matter to teach, of how authority is then to be defined. Here Krebber is presenting a subject that is for him deeply serious, one which he has pursued passionately, and in which he is committed to an attitude which is in itself contradictory, indeed quasi pubertarian.

Michael Krebber (born 1954) is one of the most influential artists working in Cologne, and we are delighted to be presenting his first exhibition in a major institution here in Cologne. Krebber plays an important role precisely for the younger generation of international artists, people like Merlin Carpenter, Sergej Jensen, Michael Beutler and John Kelsey.Hebecame known in the Eighties and Nineties as the antithesis of the positions represented in Berlin and Cologne by painters like Baselitz, Lüperz, Kippenberger and Oehlen.

Michael Krebber was always viewed as a painter with a conceptual orientation. This label is applied to an oeuvre in which he has for more than 25 years been testing out the frontiers and possibilities of painting, without his work itself always appearing in the form of painting. However attributing him to conceptualism diverts attention from the purely formal qualities of his work. The question arises of whether Krebber uses this type of attribution simply as a trick for his work at certain times, in which grasping or outreach and simultaneous rejection, false bottoms, dead ends and illusions are everywhere immanent.

‘But the more recent term Formalism too, once considered by all and sundry to be a form of smoothly functioning double-agency, should be included in any debate on widening the approach to reception and production.

Exclusively sculptures are on show in the exhibition puberty in sculpture; pieces of sawn-up surfboards as wall sculptures, and on the lawn in front of the Kunstverein an open air sculpture inspired by the HOLLYWOOD sign, displaying the words Herr Krebber in large letters. All these ideas are either from bad jokes, or are just plain uninteresting, or are stolen or copied from somewhere else. Surfboards, carved in slices like tuna-fish and hung on the wall like a Donald Judd sculpture, and the words Herr Krebber erected like a sign to attract buyers for a plot of land.

These sculptures confront us with the weight and materiality which are required by object-based practice, requirements which can be avoided in teaching, philosophy and in other forms of mediation.

Herr Krebber is an adaptation of Paul Valéry’s Monsieur Teste, who isnt capable of identifying with any one role, whatever it might be, and who “is aware of the possibility that forgery too can be forged”. In this exhibition and in the book which accompanies it, the answer to the question of how Monsieur Teste would deal with these sculptures is put on hold.’ (Michael Krebber)

As back-up for the exhibition, which, with its concentration on sculpture, introduces a second phase in Krebber’s work, Stefan Hoderlein will show films, which he has shot with by night a thermal-imaging camera in car parks favoured for cruising.

The catalogue too forms a central part of the exhibition, with texts by Alex Foges, John Kelsey and Tanja Widmann, and a series of more than eighty reproductions of Michael Krebber’s older drawings. It is published by the Verlag der Buchhandlung Walther König and costs 32 Euro/ 28 Euro for members of the Kölnischer Kunstvereins.

With the exhibition a special edition will be published: Michael Krebber, HiFly, 2008, Surfboard slices, 12 Unique pieces, price, 490 Euro each.

Mark Leckey, The Long Tail

Performance
14.05.2008, 19 Uhr

Im Mai wird auf der Bühne des Theatersaals eine Live-Performance von Mark Leckey in der Filmset-Installation stattfinden. Er hält einen Vortrag, in der er seine Sicht auf die Geschichte des Fernsehens reflektieren wird: Bedeutung und Verfall einschließlich der Rolle des BBC in diesem Zusammenhang.

Mark Leckey, Resident

CENTRAL Kunstpreis
17.04. – 08.06.2008

Der CENTRAL Kunstpreisträger Mark Leckey (geb. 1964) präsentiert im Kölnischen Kunstverein die umfassende Einzelausstellung Resident. Der Titel bezieht sich nicht nur auf Leckey’s Residency im Kölnischen Kunstverein, sondern auch auf die Konzeption der Ausstellung entlang der horizontalen und vertikalen architektonischen Hauptachsen des Gebäudes. Leckey greift damit die für ihn kennzeichnende Arbeitsweise auf, seinen Wohnort als Ausgangspunkt seiner Arbeiten zu wählen.

Im Ausstellungsraum, auf horizontaler Achse, präsentiert Leckey die Video-Installation Cinema-in-the-Round (2007), in der der Künstler in einer Art Performance-Vortrag seine Sammlung aus Film-, Fernsehen- und Videozitaten vorstellt. Fasziniert davon, wie die Bilder auf der Leinwand scheinbar zum Leben erwachen, spricht er über die Übergänge vom Zwei- zum Dreidimensionalen und dem Verhältnis von Objekt und Bild. Die skulpturalen Qualitäten des Films werden neben Cinema-in-the-Round auch in dem 16mm-Film Made in ´Eaven (2004) und den Videos Felix gets Broadcasted (2007) und The Thing in Regent´s Park (2006) evident. In Ersterem hat man den Eindruck, die Kamera fängt die berühmte Playboy Bunny-Figur des amerikanischen Künstlers Jeff Koons von allen Seiten ein. Erst wenn man die Reflexion in der hochglänzenden Skulptur bemerkt, die das Atelier des Künstlers, jedoch nicht die Kamera spiegelt, begreift man, dass es sich um eine animierte Sequenz handelt. Diese ist wiederum ins 16mm-Format übertragen und wird wie eine Skulptur auf einem Sockel präsentiert. Bei The Thing in Regent´s Parks ist eine merkwürdige animierte Skulptur (von J. D. Williams) zu sehen, die durch den Londoner Regent´s Park läuft und damit einen Weg nimmt, den der Künstler täglich benutzt, um zu seinem Studio zu gelangen. Darüber hinaus wird der Künstler eine Abbildung der Hahnskulptur, die vor dem Kunstvereinsgebäude postiert ist, im Ausstellungsraums mittels eines Zoetropezum Laufen bringen – einem Gerät, das die Illusion bewegter Bilder vermittelt. Selbst die Werbung für die Ausstellung hat der Künstler übernommen. Zwei Fenster des Ausstellungsraums verändert Mark Leckey zu Schaufenstern, in denen er seine künstlerischen Produktionen im Inneren vorstellt und bewirbt, und damit – für die Passanten sichtbar – die Folge der kleinen Schaufenster auf der Hahnenstraße imitiert.

Vom Keller bis in den Theatersaal verläuft die Vertikale mit Arbeiten, in denen Leckey die Mechanismen des Fernsehens reflektiert. Im Mittelpunkt steht die Cartoonfigur Felix the Cat, deren Abbildung in den 20er Jahren für die ersten amerikanischen Fernsehübertragungen als Testbild verwendet wurde. Auf der Bühne im Theatersaal baut Leckey eine Art Filmset für die Cartoonfigur Felix auf, die nach einer Fotovorlage der Filmkulisse aus den 20er Jahren mit einzelnen Requisiten nachgestellt wird. Im Kino sieht man schließlich eine humorvollen Felix-Animation im 16mm-Format und im Keller schließlich findet man eine Soundskulptur, die die Form einer Heizmaschine hat und die ganze Installation von unten anzufeuern scheint.

Die internationale Jury des mit 75.000 € dotierten Central Kunstpreises 2008 setzte sich aus den Kuratoren Heike Munder (Migros Museum Zürich), Catherine Wood (Tate Modern London) und Charles Esche (VanAbbe Museum Eindhoven), dem Vorstandsvorsitzenden der CENTRAL Krankenversicherung Dr. Joachim von Rieth sowie Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn zusammen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Zusammenarbeit von Kölnischer Kunstverein und Le Consortium, Dijon.


Mark Leckey (born 1964), laureate of the CENTRAL Art Award, is presenting a comprehensive solo exhibition at the Kölnischer Kunstverein under the title of Resident. This title refers not only to Leckey’s residency at the Kunstverein but also to the idea of the exhibition, which is arranged along the main horizontal and vertical axes of the building. One of Leckey’s characteristic strategies is to use his place of residence as a starting point for his work.

The horizontal axis of the exhibition space is devoted to Leckey’s video installation Cinema-in-the-Round (2007), in which he presents his collection of film, television and video quotations in a sort of performance lecture. Fascinated by how the images on the screen seem to come to life, the artist talks about the transitions between two- and three-dimensionality and the relationship between object and image. The sculptural quality of the films comes to the fore in Cinema-in-the-Round, in the 16mm film Made in ’Eaven (2004) and the videos Felix gets Broadcasted (2007) and The Thing in Regent’s Park (2006). Made in ´Eaven gives us the impression that the camera portrays Jeff Koons’s famous Playboy Bunny from all sides. Only when we see the reflection on the shiny surface of the sculpture – which reflects the artist’s studio, but not the camera – do we realize that the sequence was animated. It was transferred to16mm film and is presented on a pedestal, like a sculpture. In The Thing in Regent’s Park, we see a curious animated sculpture (by J. D. Williams) walking through Regents Park in London, taking the same route that the artist uses to go to his studio every day. Mark Leckey will also use a zoetrope – a device that creates the illusion of moving images – to cause areproduction of the rooster figure in front of the Kunstverein building to appear to walk.

Mark Leckey also took the publicity for the exhibition in hand. He turned two windows of the exhibition space into display windows to present his artistic production to passers-by, prolonging in this way the row of small shop windows in Hahnenstraße.

The vertical axis runs from the basement to the Theatersaal, presenting works in which Leckey considers the mechanisms of television. The centre of attention is the cartoon figure Felix the Cat, which was used in the 1920s as test pattern for the first television broadcasts in the USA. Leckey constructed a kind of film set for the cartoon figure on the stage of the Theatre space, recreating props from a photograph of the origianl set. A humerous 16mm Felix cartoon is shown in the cinema, and in the basement there is a sound sculpture in the shape of a heater which appears to fire the installation from below.

In May Leckey will hold a live performance in the film set installation on the stage. He will give a lecture on his ideas about the history of television, its significance and decay, and including the role of the BBC in this context.

In the 1990s, looking for new forms of expression in the medium, Leckey cut and manipulated music and found footage to make video-clips of his own. Today, however, image, film and television sequences have become easily and freely available on the Internet and the sampling technique has become a standard art form. This new situation has led Leckey to deal more closely with the making of his “own” images and to consider the role of art and the place of art production in his videos and installations.

Leckey became known through his videos, but also for his work with the band Jack2Jack. Together with Ed Liq, Bonnie Camplin and Enrico David, he created the band donAteller. Leckey recently had a solo exhibition at Le Consortium in Dijon, following projects at the Portikus in Frankfurt, the Migros Museum in Zurich, the Tate Britain in London and participation in group exhibitions at P.S.1/MoMA, Dundee Contemporary Arts and the Manifesta 5. Mark Leckey is professor of film at the Städelschule in Frankfurt.

The international jury for the 2008 CENTRAL Art Award of € 75,000 consisted of curators Heike Munder (Migros Museum, Zurich), Catherine Wood (Tate Modern, London) and Charles Esche (VanAbbe Museum, Eindhoven), the chairman of the board of the Central Krankenversicherung, Dr. Joachim von Rieth, Kathrin Jentjens and Anja Nathan-Dorn.

Élégance

03.11. – 23.12.2007

Wie verhält sich die Kunst zum Geld? Ist Kunst nichts als ein Konsumobjekt? Sind politische Inhalte mehr als ein preissteigernder Faktor am überhitzten Kunstmarkt? Welche Spielräume bleiben, wenn private Sponsoren die Lücken der öffentlichen Förderungen schließen sollen? Wie können sich Sponsoren anders als in Form von Kapital in die Kunst einbringen? Sind Kreativität, kritisches Selbstverständnis und gesellschaftliches Bewusstsein nicht unerlässliche Kennzeichen moderner Marktstrategien? Und ist die Produktion von Glamour nicht schlicht eine Überlebensstrategie in Zeiten des Neoliberalismus? In vier ambivalenten Installationen geht Élégance diesen Fragen nach.

In Julika Rudelius’ Videoinstallation Economic Primacy (2005) sprechen Topmanager und Millionäre über ihr Verhältnis zum Geld. Dabei ist es ein Merkmal von Rudelius’ Arbeit, an den Stellen genauer nachzufragen, wo man es gewöhnlich mit festen, medial vermittelten Bildern zu tun hat. Jeder der Manager wird dabei in dem anonymen Büro eines Geschäftsgebäudes gezeigt. Sie beantworten vom Betrachter ungehörte Fragen, die ihnen über die Telefonsprechanlage gestellt wurden.

Merlin Carpenter, dessen malerische und installative Arbeit in einem institutionskritischen Umfeld verwurzelt ist, präsentiert unter dem Titel David’s Soul (1999/2007) vier prestigeträchtige Mercedes-Benz-Mountain-Bikes als Ready-made. Die Räder sind von Mercedes-Benz oder der Daimler AG nicht kostenlos zur Verfügung gestellt worden, sondern wurden regulär erworben. In bewusster Parallele zum Kunstmarkt nutzt Carpenter Produkte eines globalen Marktes, die ihren Wert nicht zuletzt über ihren Namen entwickeln.

Für sein Projekt Radical Loyality (seit 2003 fortlaufend) hat Chris Evans ein Gelände in Estland angekauft, auf dem er ein Skulpturenpark verwirklichen will. Im Sinne eines ideellen Sponsorings hat er die Direktoren großer internationaler Firmen nicht um finanzielle Projektförderung gebeten, sondern im Gespräch über das Thema Loyalität gemeinsam mit ihnen Ideen für Skulpturen entwickelt. Estnische Bildhauer, die in Zeiten des Kommunismus Sowjetdenkmäler schufen, sollen diese Entwürfe nun für den Skulpturenpark umsetzen. Im Kölnischen Kunstverein wird der bisherige Projektverlauf dokumentiert.


How does art relate to money? Is art no more than a consumption-object? Are political contents more than a price rising factor on the overheated art market? How much leeway is given if private sponsors have to close the gaps of missing public support for art institutions? Is it possible that sponsors get involved in art other than in terms of money? Aren’t creativity, critical self conception and awareness of the needs of a society indispensable signs of modern market strategies? And isn’t the production of glamour a survival strategy for cultural producers in the times of neo-liberalism? Élégance goes into these questions in four ambivalent installations.

Julika Rudelius’ video installation Economic Primacy (2005) shows top managers and millionaires talking about their relationship to money. They are each filmed inside an anonymous office. They answer questions that are posed via inter phone and unheard by the viewer. A strange situation,making the viewer unsure whether the filmed persons pose for the public or are justifying themselves, or whether they are intimately soliloquising. The personal way of speech involves the viewer and withdraws the neutralising distance.

Merlin Carpenter presents four prestigious Mercedes-Benz mountain bikes entitled David’s Soul (1999/2007). The bicycles were not sponsored by Mercedes-Benz or the Daimler AG, but acquired by purchase. In a wilful parallel to the art market, Carpenter uses products of a global art market developing their value not least through their name. In a rather cynic way, the original idea of a ready-made as an object being linked to industrial reproduction and to the question of authorship is twisted here. And even the glamorous way way of dealing with popular culture, as is evident in the work of Jeff Koons, is broken through the presentation.

For his project Radical Loyality (ongoing since 2003) he bought an estate in Estonia in order to build a sculpture park. Instead of asking for financial support, he invited the directors of big international companies to conversation. Talking on the subject of „loyalty“ they developed concepts for sculptures for the park together. Sculptors from Estonia, who in Soviet times created communist monuments, are now supposed to realise these plans. At the Kölnischer Kunstverein, he will document the actual state of his project. Chris Evans’ work is not only a comment on cultural institutions’ dependence on sponsorships and enterprises. It could also be interpreted in the sense of an ironic criticism of neo-liberal take-over in the European societies if he did not (at the same time) accept complicity with global players by seeking an open dialogue with the managers.

Automne/Frottée 06/07 (2006) is a work by Thea Djordjadze, Gerda Scheepers and Rosemarie Trockel. The title, deriving from the world of fashion, refers to an installation dealing with prestige, self-dramatization and its condition of oneself. It consists of a stage evocative of a protective casket, where one can see two video installations. Further elements of the installation, a coffin-like car roof box for car-roofs, a bed, a heavy, grey curtain and three bath robes evoke intimacy and preciousness as much as death and decay. One of the sources for this work was a documentary on „Swankers“, South-African mine-workers, who save the last cents of their poor income for expensive suits from fashion designers. In nightly meetings they present the special features of these suits in dance-like performances.

Boris Sieverts, Büro für Städtereisen

25.08. – 30.09.2007

Seit genau 10 Jahren führt Boris Sieverts durch Stadtlandschaften. Angefangen hat er damit in Köln, auf der rechten Rheinseite, vor seiner Haustür. Es folgten weitere Führungen in Köln, dann eine ganze Reihe im Ruhrgebiet, in Paris, Rotterdam und andernorts. Und immer wieder in Köln.

Seit 2000 bietet er diese Reisen über sein Büro für Städtereisen an. Die ein- und mehrtägigen Pauschalreisen des Büros für Städtereisen führen durch jene Zonen unserer Stadtlandschaften, die – abseits der Touristenziele der Innenstädte und der bekannten Ausflugsgebiete – bis dahin als Reiseziele nicht in Betracht kamen. Dabei sind es gerade diese inneren und äußeren Ränder der Metropolen und die Zwischenräume der Ballungsgebiete, die einen binnen kurzer Zeit aus dem eigenen Kulturkreis entführen können und den Blick für die Weite und Vielfalt des Raumes öffnen, die dort möglich sind, wo nichts dargestellt werden muss. Sieverts´ Wanderungen und Radtouren verknüpfen Brachflächen und Siedlungen aller Art, Parkplätze, Abrissszenarien, Baggerseen, Wälder, Wiesen, Gärten, Autobahnen, Schulen, Häfen, Asylantenheime, Gleistrassen, Manöverplätze, Gewerbegebiete, Flughäfen, Tunnel, Tiefgaragen, Sackgassen, Trampelpfade, Flussauen, Deponien und vieles mehr zu wunderschönen bis krassen Raumfolgen.

Für die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein hat Boris Sieverts ein Programm aus acht Führungen zusammengestellt, davon sieben in Köln und Umgebung. Einige Touren stammen aus den Anfangsjahren, andere finden zum ersten Mal statt. Alles in allem eine einmalige Gelegenheit für Interessierte, sich in einem konzentrierten Zeitrahmen intensiv diesem in kein Schema passenden Stadtraum und seiner Agglomeration auszusetzen. Mit der Ausstellung Boris Sieverts’ Büro für Städtereisen wollen wir dezidiert auf eine künstlerische Praxis hinweisen, die sich außerhalb des Kunstmarkts und des Formats Ausstellung bewegt. Seine Arbeit ist eine funktionierende Form von Kunst als Dienstleistung. In diesem Sinne wird Boris Sieverts’ Reisebüro in den Kunstverein umsiedeln und der Kunstverein zum Ort der Vermittlung.


For the last 10 years, Boris Sieverts has guided people through urban landscapes. He started in Cologne, on the right side of the Rhine – right outside his doorstep. Additional tours in Cologne continued, followed by an entire series in the Ruhr area, Paris, Rotterdam and other cities. He also returned to Cologne to give tours time and again.

Since 2000, he has offered these tours through his Büro für Städtereisen (City Tour Office). The one- or multiple-day tours lead people through areas of the city far away from the centre and popular tourist destinations – to places people would not normally visit. It is exactly these fringe areas, whether inside or outside the city, as well as spots between densely populated regions, which remove people from their normal societal contexts. Participants gain a perspective of the range and diversity of space possible when nothing needs to be put in its place. Sieverts’ walking and cycling tours unite rundown areas and housing estates of all kinds, car parks, demolition sites, man-made lakes, forests, meadows, gardens, motorways, schools, harbours, asylum-seekers’ hostels, railway tracks, exercise areas, industrial estates, airports, tunnels, underground car marks, cul-de-sacs, beaten paths, flood plains, waste dumps and many other sites to create tours of space ranging from the beautiful to the grotesque.

Boris Sieverts created a programme of eight tours for the exhibition at the Kölnischer Kunstverein, seven of which are in Cologne and surrounding areas. Some of the tours were designed years ago, others are being conducted for the first time. This is a unique opportunity for people to experience unexplored areas of city in this agglomeration in a concentrated period of time. Boris Sieverts’ Büro für Städtereisen, enables us to focus on the practice of art outside of the conventional art market and the exhibition format. His work is a functioning form of the service of art. In keeping with this idea, Boris Sieverts’ tour office will be relocated to the Kunstverein, and the Kunstverein will become a site of business. Sieverts will also hold so-called Google Earth lectures on four Wednesday evenings: He has selected colleagues to assist in the discussion, people with a fascinating interest and ability in talking about their relationship to their environment. Sieverts will integrate virtual flights and projected images into his discussion of near and remote locations. The audience can suggest different cities, make comments or just listen.

Pure Self Expression

Dirk Bell, Lisa Lapinski, Manuela Leinhoß, Melvin Moti, Mai-Thu Perret
02.06. – 12.08.2007

Die KünstlerInnen Dirk Bell, Lisa Lapinski, Manuela Leinhoß, Melvin Moti und Mai-Thu Perret gehen auf sehr unterschiedliche Weise ihrem Interesse an kulturellen Phänomenen nach, die sich dem Unbewussten verschrieben haben. Bisweilen geraten sie dabei in einen schillernden Konflikt mit ihrer eigenen kritischen Position und einem rationalistischen Weltbild. In der Ausstellung Pure Self Expression sind Installationen, Skulpturen und Malerei zu sehen, die eine Nähe zu Handwerk und Selbstgemachtem verraten. Auf dieser formalen Ebene stellen sie die Frage von Autorschaft, die durch die referentielle Aufladung der Objekte wieder in Frage gestellt wird.

Lisa Lapinskis Skulptur Nightstand besteht aus aufeinander getürmten Möbeln, Schubladen, Schranktüren, Fundobjekten und Fotos. In der pyramidalen Anordnung lehnt sich Lapinski formal an die Zeichnungen von Lebensbäumen der religiösen Shakergemeinschaften des 19. Jahrhunderts an. Auch die verwendeten Gegenstände sind Möbeln der Shaker nachempfunden, die als Vorläufer des modernen Designs gelten.

Seit 1999 schreibt Mai-Thu Perret an The Crystal Frontier, einem fiktiven Text über eine Gruppe von Frauen, die die Großstadt verlassen, um eine autonome Kommune in der Wüste zu gründen. Dabei entstehen Banner, Requisiten, Teppiche oder Keramiken, funktionale wie funktionslose Gegenstände, die als Objekte dieser anonymen Gruppe ausgestellt werden und etwas von der Psyche dieser fiktionalen Gruppe aussagen sollen. Die Künstlerin spielt hier mit den Fragen von Autorschaft und beschreibt sich sozusagen als Produzentin eines “Guppenmaterials”.

Die Titel von Manuela Leinhoß’ Skulpturen wie Ich lerne aus der Vergangenheit, Fin de Siècle, Symmetrie, Anatomie und Schicksal! oder reziprok sind Teil des Spiels mit dem Missverhältnis von Objekt, Titel und Bedeutung. Ihre fragilen Objekte aus Gips, Kunstleder, Holz oder Papier scheinen miteinander in Kommunikation zu treten. Mit Präzision verzichtet sie auf Perfektion, erzeugt den Eindruck des Selbstgemachten und Unstabilen, und setzt sich damit bewusst selbst ins Werk.

Dirk Bells Malerei, Zeichnungen und Collagen verweisen in ihrer ephemeren formalen Erscheinung auf Vorbilder wie die Symbolisten, William Blake oder Leonardo da Vincis Zeichnungen. Sie scheinen in fast überzogenem Maße an die alte Vorstellung von der Kunst als einer Traumwelt zu appellieren. Bell zielt dabei sehr bewusst auf formale und inhaltliche Bezüge, die zunächst als Faux-pas erscheinen. Gerne ergänzt Bell seine Ausstellungen durch Objekte wie auf dem Flohmarkt gefundene Malerei oder T-Shirts, die den Referenzen ihre inhaltliche Überhöhung nicht zugestehen, sondern sie in ein gewöhnliches Feld popkultureller Verweise eingliedern. In dem er in gefundene Bilder hineinmalt, stellt er auch die Frage nach dem subjektiven Filter, den jede Rezeption darstellt.

Der Film The Black Room von Melvin Moti kombiniert ein fiktives Interview mit Robert Desnos über seine Experimente des automatischen Schreibens unter Selbst-Hypnose im Kreise der Pariser Surrealisten 1923 mit einer sehr langsamen Kamerafahrt entlang der Wände der römischen Villa Agrippa in der Nähe von Pompeiji. Hier wurden als Wanddekoration der Wände erstmalig Grotesken eingesetzt. Sie stehen für den Übergang von realistischer Illusion hin zu einer neuen Imaginationskraft und freien Repräsentation der Welt. Die Fresken spannen sozusagen den Bogen von trompe l´oeil zu Magie. Die Frage, wie spirituelle Erfahrung rekonstruiert und vermittelt wird, ist wichtiger Ausgangspunkt für Melvin Motis künstlerische Arbeit.


The artists Dirk Bell, Lisa Lapinski, Manuela Leinhoß, Melvin Moti and Mai-Thu Perret pursue in very different ways their interests in cultural phenomena committed to the unconscious. From time to time they come into a dazzling conflict with their own critical position and a rationalistic view of the world. The exhibition Pure Self Expression contains installations, sculptures and paintings revealing an affinity to trade and handicraft items. On this formal level the works of art pose the question of authorship, which is again challenged by the referential charging of the objects.

Since 1999, Mai-Thu Perret has been working on the fictional text The Crystal Frontier, a text about a group of women leaving the city in order to establish an autonomous commune in the desert. Banner, props, carpets or pottery emerge throughout the process, functional as much as inoperable objects, that are exhibited as objects of this anonymous group and are intended to reveal the psyche of this fictional group. The artist plays with the questions of authorship and describes herself so to speak as producer of a „Group material.“ For Pure Self Expression Perret produced two carpets and seven ceramic reliefs – two techniques connected with feminism and Hippie-culture. In contradiction to the rather cool appearance of the lacquered, monochrome reliefs, also the motives like eggs, chains, crystals and skulls speak for this ironic exaggeration.

Lisa Lapinski’s sculpture Nightstand is composed of piled up furniture, drawers, cabinet doors, lost items and photos. Lapinski’s pyramidal composition follows formally the drawings of arbor vitae of the religious Shaker Communities in the 19th century. The used objects are also based on the style of furniture typical for the Shaker Communities and regarded as the forerunner of modern design. The space installation named „Nightstand“ is no decorative bedroom accessory, but instead gives the impression of a bulky arrangement, neither sculpture nor furniture, which as a whole, in spite of the conceptual interconnection of historical motives, creates an almost eerie, sacral atmosphere in space.

Manuela Leinhoß’ sculptures are titled Zukunft beginnt noch nicht, Der Wille zur Lust, Forte oder Verhältnis ohne Gegenteil and reziprok are part of her playing with the incongruity of object, title and meaning. Her fragile objects made of hard plaster, leatherette, wood or paper seem to communicate with each other. She abandones perfection with precision, creates the impression of something home made and instable, thus setting herself deliberately into oeuvre. Personal experiences, texts of authors enter the titles of the works of art and enable possible associations for charging the formally reduced objects with a content, which, however, always remains ambiguous and indefinite.

Dirk Bells’ paintings, drawings and collages with their ephemeral formal appearance refer to role models such as the Symbolists, William Blake or the drawings of Leonardo da Vinci. They seem to appeal in an almost excessive degree to the old concept of art as a dream world. Bell deliberately aims at formal and substantial connotations that at first look like a faux pas. In the installation at the Kunstverein these are for example Kitsh motives from popular-culture, teenager-rooms, but also the supercharging effect of light. He arranges a small altar, next to painting, drawings and objects creating the idea of diverse narratives. By painting on found paintings he, too, poses the question of a subjective filter, which every reception represents.

The Film The Black Room by Melvin Moti combines a fictional interview with Robert Desnos about his experiments in automatic writing under self-hypnosis, done in the circle of Paris Surrealists in 1923, with a very slow tracking shot panning along the walls of the Roman Villa Agrippa near Pompeii. A place where grotesques were for the first time used as wall decoration. They represent the transformation from realistic illusion towards a new imaginary power and free representation of the world. The frescoes range from trompe l’oeil to magic. The question of how spiritual experience can be reconstructed and imparted is an important point of departure for Melvin Moti’s artistic work. In The Black Room imagination is shown as part of the psyche and the social reality, thus becoming a productive counterweight in times of fictionalization and virtualization.

Dirk Bell (born in 1969, lives and works Berlin), Lisa Lapinski (born in 1967, lives and works in Los Angeles), Manuela Leinhoß (born in 1973, lives and works in Cologne), Melvin Moti (born in 1977, lives and works in Rotterdam) and Mai-Thu Perret (born in 1976, lives and works in Geneva and Berlin).

The exhibition is kindly supported by:
Sparkasse KölnBonn, die Botschaft des Königreichs der Niederlande, Pro Helvetia Schweizer Kulturstiftung und U.S. Consulate General, Düsseldorf/Amerika Haus

Helter Skelter

MOUVOIR / Stephanie Thiersch
Performance / Tanztheater
08.03. – 09.03.2007, 20 Uhr

Mit dem Tanztheaterstück Helter Skelter der Kompanie MOUVOIR um die Choreographin Stephanie Thiersch eröffnet der Kunstverein sein Bühnenprogramm im Theatersaal der Brücke.

Stephanie Thiersch entwirft in Helter Skelter mit Hilfe von fragmentarischen Videobildern, Live-Musik und gesprochenen Texten eine perfide choreographische Anordnung zwischen Tableaux Vivants und Tanz zu den uns alltäglich umgebenden medialen Bildern, die sich in unseren Köpfen und Körpern festgesetzt haben, zu den Posen und Rollenklischees überlieferter und aktueller Frauenbilder. Fünf sehr unterschiedliche Tänzerinnen probieren Rollen aus, bekannte Verhaltensmuster, Unterdrückungsmechanismen werden variiert. Unterschwellige, unberechenbare Aggressionen explodieren, aus einer scheinbar kindlich naiven Haltung entstehen subtile Bilder der Gewalt, erschreckend bekannt und unbesehen gesellschaftlich akzeptiert. Helter Skelter zeichnet ein Bild in der sich die emanzipatorische Kraft der Selbstinszenierung, wie sie die Gendertheoretikerin Judith Butler schildert, in steter Gefahr steht in neue Macht- und Ausschlussmechanismen umzuschlagen.

Choreografie/Konzept: Stephanie Thiersch; Choreografie/Tanz: Viviana Escalé, Alexandra Naudet, Karen Piewig, Teresa Ranieri, Agustina Sario; Choreografische Assistenz: Alexandra Naudet; Video: Martin Rottenkolber, Hirschberg/Schreiber; Musik/Gitarre: Joseph Suchy; Lichtdesign: Ansgar Kluge; Technische Leitung: Niko Moddenborg; Bühne: Stephanie Thiersch; Kostüm: Svea Kossack; Dramaturgie: Andrea Heller

Helter Skelter ist die erste Veranstaltung in der Reihe Antenne Köln, die durch die Rheinenergie Stiftung Kultur gefördert wird. Antenne Köln stellt die Arbeit junger Kölner Künstler unterschiedlicher Sparten im Kunstverein vor. Stephanie Thiersch ist Atelierstipendiatin der Imhoff Stiftung und des Kölnischen Kunstvereins im Schokoladenmuseum.


The Kunstverein launches its stage programme starting with the dance theatre piece Helter Skelter by the company MOUVOIR and their choreographer Stephanie Thiersch.

In Helter Skelter Stephanie Thiersch designs a perfidious choreographed arrangement combining elements of fragmented video stills, live music, recited text and dance as a critical commentary on everyday stereotypes of traditional and contemporary female roles and images. Five physically very different female dancers try on various roles whereby socially accepted behaviour and oppressive regimes are questioned. Subdued and unpredictable aggressions explode, subtle images of violence emerge from a seemingly naive childlike attitude, alarmingly familiar and socially accepted. Helter Skelter draws a picture of an emancipatory power of self-determination, as sketched out by gender theorist Judith Butler, that is itself in constant danger to turn into new mechanisms of power and exclusion.

Choreography/concept: Stephanie Thiersch; choreography/dance: Viviana Escalé, Alexandra Naudet, Karen Piewig, Teresa Ranieri, Agustina Sario; choreographic assistence: Alexandra Naudet; video: Martin Rottenkolber, Hirschberg/Schreiber; music/guitar: Joseph Suchy; light: Ansgar Kluge; technical director : Niko Moddenborg; stage: Stephanie Thiersch; costume: Svea Kossack; script: Andrea Heller

Helter Skelter ist the first performance to take place in the series Antenne Köln, generously supported by Rheinenergie Stiftung Kultur. Antenne Köln introduces the work of young local artists working in different media at the Kunstverein. Stephanie Thiersch benefits from a studio grant of the Imhoff Stiftung and the Kölnischer Kunstverein.

Museum of Noise: Mark Bain und James Beckett

03.03. – 20.05.2007

Mit der Ausstellung Museum of Noise: Mark Bain und James Beckett präsentiert der Kölnischer Kunstverein zwei Künstler, die sich an der Schnittstelle von Konzeptkunst, Soundart und experimenteller Musik bewegen. Für Museum of Noise haben beide Arbeiten entwickelt, die den Ausstellungsraum des Kölnischen Kunstvereins, der sich durch seine doppelten Fensterreihen auszeichnet, wie eine Vitrine in der Stadt nutzen. Für seine Arbeit Transparent Structures (2007) verwandelt Mark Bain (geb. 1966) den Saal in einen Lautsprecher. Er installiert Mikrophone an der Außenfassade des Gebäudes, die die Geräusche der Umgebung aufnehmen. Diese werden über Vibrationsumwandler, die Bain an die großen Fensterscheiben des Ausstellungsaal montiert, abgespielt, so dass die Fenster zur Membran und der Ausstellungsraum selbst zum Resonanzraum eines überdimensionierten Lautsprechers werden. Bain löst mit seiner Arbeit die akustische Grenze zwischen Innen und Außen auf und zielt damit auf eine Reflexion der unterschiedlichen Arten öffentlichen Raums und den damit verbundenen Zugänglichkeiten, mit denen der Ausstellungsbesucher, der Fußgänger und die Mitarbeiter des angrenzenden Amerikahauses konfrontiert sind.

James Beckett (geb. 1977) hat in seiner Arbeit Spade-Scrapes 1-6 (2007) Kopien von Architekturmodellen Riphahns angefertigt, die er im Ausstellungsraum wie Schatten neben den Originalmodellen präsentiert. Der Ausstellungsraum selbst dient ihm dabei als Vitrine. Gleichzeitig spielt er mit der Idee, dass in einer Vitrine Realität in Form von Ausstellungsexponaten, gedoppelt und zu einem Gegenstand verkleinert wird, so dass Einordnung und Reflexion möglich werden. Vor den doppelten Modellen steht jeweils ein Spaten. Diese Spaten hatte Beckett in einer nicht-öffentlichen Aktion verwendet, um vor den realen Gebäuden Riphahns eine Linie auf die Straße zu ziehen und durch die schleifende Bewegung des Spatens auf dem Asphalt einen kratzenden Ton zu erzeugen. Im Ausstellungsraum sind diese Spaten verstummt und nur noch Reminiszenz des in der Performance erzeugten Tons. Mit seiner Aktion verweist Beckett auf Riphahn, der in seiner regen Bautätigkeit ständig neue Materialkombinationen ausprobierte.
James Becketts Interesse an Sound hat sich aus seiner installativen Arbeit entwickelt. Das Projekt A Partial Museum of Noise (2003/2007) das auch im Kölnischen Kunstverein zu sehen sein wird, nimmt darin einen besonderen Platz ein. Es dokumentiert die kulturellen und physiologischen Auswirkungen unterschiedlichster Formen von Lärm und kommentiert gleichzeitig museale Präsentationsformen. Auch in anderen Arbeiten, wie den Monkhouse Traffic Profiles (2006) verwandelt Beckett wissenschaftliche Standards und Mess- und Ordnungseinheiten in ästhetische und hinterfragt damit Ihre Unanfechtbarkeit.

Mark Bain, der für Arbeiten bekannt ist, mit denen er die Eigenschwingung von Materie inszeniert, hat an verschiedenen Stellen des Gebäudes Kopfhörer (Buzz Phones, 2007) montiert, über die man die Geräusche, die die Elektronik und der Stromfluss des Gebäudes erzeugt, abhören kann. Mittels der körperlichen und akustischen Erfahrung von Architektur erzeugt Bain einen unheimlichen Effekt. Er untersucht darin, ob wir noch Herr über die uns umgebenden architektonischen Strukturen sind oder diese über uns. Auch in Bains Neufassung der Videoarbeit Feed carnivore-Nine times Playtime (2007) scheint die Technik sich zu verselbständigen. Neun DVD-Ausstrahlungen von Jacques Tatis’ Playtime überlagern sich in dieser Videoprojektion. Die neun Videos verlieren allmählich Ihre Synchronität und die architektonischen Modelllandschaften Tatis zersplittern und vermischen sich zusehends.


As the new directors of the Kölnischer Kunstverein, Kathrin Jentjens and Anja Nathan-Dorn will be launching their programme with two young artists who are on the cusp between concept art, sound art and experimental music.

In his installations, Mark Bain (born 1966, Seattle, USA) presents the self-oscillation of matter, particularly that found in architecture. By amplifying the seismographic oscillations of the ground or architecture either acoustically or using vibrators, he ultimately liberates the perception of space from the dominant form, namely observation. The viewing distance we have when looking at something is lost as a result of the physical or acoustic experience of architecture. Bain’s portrayals create an apparent contradiction – particularly through the material structures of our society – by dematerialising these by converting them into motion, sound and vibration. By presenting the machines used as minimal objects, he shifts the view from the world of products, which was so important for pop and concept art, to industrial devices, which dominate our everyday lives in a much more structural manner. With his work – which attacks, or topically addresses, architecture – and using industrial machines, he has already made himself a name internationally in the area of media art.

James Beckett’s (born 1977, Harare, Zimbabwe) interest in sound developed from an initially more installation-oriented work and led him towards radio documentaries and working with museal displays. Of special importance within this context is the A Partial Museum of Noise project, which will also be on display at the Kölnischer Kunstverein. It documents the cultural and physiological effects of various forms of „noise“. The Industrial Revolution also plays an important role in his artistic research. The invention of synthetic dyes and its link to BASF, for example, or the cultural implications of vacuum cleaner tubes for the Dutch concern, Philips. When he tells these stories, which also question customary artistic media, such as colour and images, based on the representation of the personal sphere of experience, he strips them of their power over our everyday lives. In other works as well, Beckett transforms scientific standards and units of measurement and order into aesthetic ones and questions their indisputability in doing so.

Bain and Beckett are characterised by an experimental approach to new technologies and media as well as a sensitive examination of specific places. For the exhibition at Die Brücke, both artists have developed works that deal with Wilhelm Riphahn’s building, which will also be an important starting point for our programme in the future. To this end, Beckett will duplicate architectural models of the Cologne-based architect, who deals with the vocabulary of modernism as if it were Lego. Mark Bain will amplify the character of the exhibition space as a display cabinet for the city by making the vibrations of the window glass audible. In doing so, he will transmit sounds from the inside to the outside and vice-versa. Also on display will be Partial Museum of Noise by James Beckett and a new version of the Feed carnivore video work by Mark Bain, which works with a fear-provoking super-positioning of television images. With their work, both artists question the principles of social organisation in terms of traffic, industrialisation, engineering and mass media. To this end, they touch on central topics for the future development of western democracies, which will also play an important role in our curatorial programme.

Keine Donau

Cameron Jamie, Peter Kogler, Kurt Kren
04.11. – 17.12.2006

Die Ausstellung Keine Donau führt drei künstlerische Positionen zusammen und stellt sie zueinander in Beziehung. Cameron Jamie und Peter Kogler haben für den Kölnischen Kunstverein Filme des 1998 verstorbenen Undergroundfilmers Kurt Kren in die gemeinsam entwickelte Ausstellung eingebunden, in deren formalem Mittelpunkt die Wechselbeziehung zwischen Kunst, Film und Architektur steht. Experimentelle Filme von Kurt Kren, der zu den wichtigsten Vertretern der internationalen Filmavantgarde zählt und als einer der Wegbereiter des strukturellen Films gilt, stehen dabei im Dialog mit neuesten raumbezogenen Arbeiten von Peter Kogler und mit Arbeiten des amerikanischen Künstlers Cameron Jamie.

Der Ausstellungstitel ist einem Film von Kurt Kren entliehen. Die radikale Auseinandersetzung mit dem Medium Film und die genaue Analyse von Wahrnehmung sind charakteristisch für das filmische Werk Kurt Krens. Kurt Kren hat aus den grundlegenden Faktoren des reinen Kinos – Bewegung, Material, Licht und Wahrnehmung – seine Filme entwickelt und dabei nicht nur mit Licht und Wahrnehmung, sondern auch mit den Apparaturen des Filmemachens experimentiert. Extrem schnelle Schnitte, die auf Partituren mit seriellem, strukturellem und mathematischem Charakter beruhen, Mehrfachbelichtungen, Unschärfen, Behandlungen der Tonspur durch Kratzung und Zeichnung bestimmen die vibrierende und dynamische Bildsprache Kurt Krens, die eine neue Form des Bildes und der Wahrnehmung entstehen lässt.

Die von Peter Kogler für den großen Ausstellungsraum des Kunstvereins konzipierte Videoinstallation stellt Verbindungen zwischen einem der zentralsten strukturellen Filme Kurt Krens, „48 Köpfe aus dem Szondi-Test“, und einer eigenen, neuen Arbeit sowie mit Cameron Jamies Studien für den Film „Spook House“ her. Peter Kogler hat bereits früh, zu Beginn der 80er Jahre mit den damals aufkommenden Computertechnologien experimentiert und nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Ausgehend von den konzeptuellen Erfahrungen der Pop-Art im Umgang mit Massenmedien, mit der Idee des Seriellen und mit den neuen Reproduktions-Technologien entwickelte er seit Anfang der 90er Jahre „virtuelle“ Bildwelten, die Körper und Räume überspielen und in denen die Grenzen von Bild, Skulptur, Architektur und Medien aufgehoben scheinen. Seine Transformierungen von raumgreifenden Zeichen und Bildern verweisen auf eine vollkommene Durchdringung des öffentlichen und privaten Raumes mit diesen Zeichen und auf eine damit einhergehende Verschmelzung dieser Bereiche.

Die Arbeiten Cameron Jamies sind vom Phänomen Fantasy und von Beobachtungen und Erfahrungen subkultureller Repräsentationsformen in urbanen, amerikanischen Vorstädten wie auch in europäischen Alltagskulturen geprägt. Amerikanische Backyard Wrestler, ‚spook houses’ und andere unheimlich anmutende theatralische Inszenierungen, die mit Tod, Verdrängung, Angst und Gewalt zu tun haben, sind nur einige Rituale einer Alltagskultur, die Cameron Jamie mit seiner Kunst erforscht. Sein Blick gilt den Auswirkungen dieser rituellen Praktiken auf die Psyche und das Alltagsleben, ebenso wie der ihnen immanenten Phantasie und Poesie.

Die Ausstellung Keine Donau zeigt neben filmischen Arbeiten auch Zeichnungen, Skizzen, Kaderpläne, Objekte, sowie eine Skulptur, die Cameron Jamie gemeinsam mit dem österreichischen Schnitzer Max Kössler für die Ausstellung produziert hat. In die Ausstellung miteinbezogen ist auch eine Auswahl von aktionistischen Filmen Kurt Krens, die in Zusammenarbeit mit seinen Künstlerkollegen Otto Mühl und Günter Brus entstanden sind. Im Zusammenspiel der verschiedenen künstlerischen Positionen ist eine Ausstellung entstanden, die von Überschreitungen und Ausdehnungen von Grenzen handelt. Die Ausstellung reflektiert ein Unheimliches und ein Abgründiges unserer Gesellschaft, dessen Repräsentationen im Alltäglichen irritierende und angstbesetzte Dimensionen entwickeln können. Auch die Nachtversion der Ausstellung setzt die Grenzen des Innen- und Aussenraums scheinbar ausser Kraft, wenn die Fensterfront des großen Ausstellungsraumes sich zur Straße hin „öffnet“ und die Arbeiten von Cameron Jamie, Peter Kogler und Kurt Kren in die Stadt hinausstrahlen: Referenz auch an die große Kinotradition des Kunstvereinsgebäudes.

Cameron Jamie, geboren 1969 in Los Angeles, lebt und arbeitet in Paris.
Ausstellungen (Auswahl): Whitney Biennale, New York (2006); MUKA, Antwerp (2005); Walker Art Center, Minneapolis (2006); Venice Biennale (2005); Bernier/Eliades Gallery, Athens (2005); Magasin/Musée Gó-Charles, Grenoble (2004); Artangel London (2003); The Wrong Gallery, New York (2003); Galerie Christine König, Vienna (2003); Centre Georges Pompidou, Paris (2002); Rotterdam International Film Festival (2001); Stedelijk Museum, Ghent (2001).

Peter Kogler, geboren 1959 in Innsbruck, lebt und arbeitet in Wien.
Ausstellungen (Auswahl): Museum of Modern Art, New York (2006); Casino Luxemburg, Luxembourg (2005); Galerie Mezzanin, Vienna (2005); Museum für angewandte Kunst, Vienna (2004); Galerie im Taxispalais, Innsbruck (2004); Kunstverein Hannover (2004); Galerie Crone, Berlin (2004); Bawag Foundation, Vienna (2003); Venice Biennale (2003); Schauspielhaus Frankfurt (2002); Villa Arson, Nice (2002); Fondation Beyeler, Basel (2001); Kunsthaus Bregenz (2000); Ars Electronica, Linz (1999); documenta X, Kassel (1997); documenta IX, (1992).

Kurt Kren (1929-1998) war ein avantgardistischer Filmemacher, der in Houston/Texas und Wien gelebt hatte.
Seit der Mitte der 1960er Jahre nahm er an internationalen Filmfestivals teil und war international als einer der wichtigsten Underground-Filmemacher bekannt. Ausstellungen (Auswahl): documenta, Kassel (1977); Kölnischer Kunstverein (1977); Hayward Gallery, London (1979); Retrospective, Museum of Modern Art, New York (1979); Secession, Wien(1996); Atelier Augarten, Wien (2006).


The exhibition Keine Donau (No Danube) unites three generations of artists and relates their works to one another. Cameron Jamie and Peter Kogler have integrated works by the underground filmmaker Kurt Kren, who died in 1998, into their jointly developed exhibition focusing on the interrelationships between art, film and architecture. Experimental films by Kurt Kren, who is considered one of the most important representatives of the international film avant-garde and a pioneer of structural film, are shown in a dialogue with the most recent spatial works by Peter Kogler and work by the American artist Cameron Jamie.

The title of the exhibition is taken from the film „Keine Donau“ by Kurt Kren. A radical and confrontational questioning of the medium of film and a close analysis of perception are characteristic for Kren’s film work. He developed his films from the very foundations of cinema – movement, material, light and perception – and experimented not only with light and perception, but also with technical equipment. Kurt Kren’s vibrant and dynamic pictorial language is shaped by extremely quick cuts based on scores of serial, structural and mathematical character, multiple exposures, bluring, manipulation of soundtrack, resulting in a new form of image and perception.

In the installation developed by Peter Kogler one of Kurt Kren’s most important structural films, „48 Heads from the Szondi Test“, is seen in dialogue with a new work by Peter Kogler and studies for the film „Spook House“ by Cameron Jamie. Beginning of the 1980s Peter Kogler had already started experimenting with the then newly emerging computer technologies and with these tried to find new ways of artistic expression. Starting from the conceptual experiences of Pop Art in dealing with mass media, with the idea of the serial and new reproduction technologies Kogler has since the early nineties been developing „virtual“ image worlds that are projected onto bodies and spaces, in which the boundaries between image, sculpture, architecture and media seem to be suspended. His transformations of all-encompassing signs, images and spaces point a perfect permeation of public and private spheres with these signs and an ultimate merging of the two.

Cameron Jamie’s works are marked by the phenomenon of fantasy and subcultural experiences in urban, American suburbs and European popular culture. American backyard wrestlers, spook houses or other eerie theatrically staged productions dealing with death, denial, fear and violence are only a few of the rituals of everyday culture that Cameron Jamie explores with his art. He focuses on the effects of these ritual practices on the psyche and everyday life and on their inherent imaginings and poetry.

In addition to film works, the exhibition Keine Donau also shows drawings, sketches, frame plans, objects, and a sculpture produced especially by Cameron Jamie together with the woodcarver Max Kössler for the exhibition. The exhibition also includes a selection of Actionist films by Kurt Kren, made in collaboration with his artist colleagues Otto Mühl and Günter Brus.

Of the interplay between different artistic positions results an exhibition on transgressions and expansions of boundaries. It reflects on uncanniness and the abysmal in our society, whose representation in everyday life can suddenly evoke an irritating and anxious dimension.

The night version of the exhibition also cancels out the boundaries between interior and exterior space, when the window front of the large exhibition room „opens up“ to the street and the works by Cameron Jamie, Peter Kogler and Kurt Kren shine out into the city. This is also a reference to the great cinematic tradition of the Kunstverein building.

Cameron Jamie, born 1969 in Los Angeles, lives and works in Paris.
Exhibitions (selected): Whitney Biennale, New York (2006); MUKA, Antwerp (2005); Walker Art Center, Minneapolis (2006); Venice Biennale (2005); Bernier/Eliades Gallery, Athens (2005); Magasin/Musée Gó-Charles, Grenoble (2004); Artangel London (2003); The Wrong Gallery, New York (2003); Galerie Christine König, Vienna (2003); Centre Georges Pompidou, Paris (2002); Rotterdam International Film Festival (2001); Stedelijk Museum, Ghent (2001).

Peter Kogler, born 1959 in Innsbruck, lives and works in Vienna.
Exhibitions (selected): Museum of Modern Art, New York (2006); Casino Luxemburg, Luxembourg (2005); Galerie Mezzanin, Vienna (2005); Museum für angewandte Kunst, Vienna (2004); Galerie im Taxispalais, Innsbruck (2004); Kunstverein Hannover (2004); Galerie Crone, Berlin (2004); Bawag Foundation, Vienna (2003); Venice Biennale (2003); Schauspielhaus Frankfurt (2002); Villa Arson, Nice (2002); Fondation Beyeler, Basel (2001); Kunsthaus Bregenz (2000); Ars Electronica, Linz (1999); documenta X, Kassel (1997); documenta IX, (1992).

Kurt Kren, experimental filmmaker, 1929–1998, lived in Houston/Texas and Vienna.
Participation in international film festivals beginning in the mid-1960s. Internationally regarded as one of the most important underground filmmakers; numerous exhibitions, including documenta, Kassel (1977); Kölnischer Kunstverein (1977); Hayward Gallery, London (1979); Retrospective, Museum of Modern Art, New York (1979); Secession, Vienna (1996); Atelier Augarten, Vienna (2006).

Sanja Ivekovic, General Alert

Ausgewählte Arbeiten 1974 – 2006
01.09. – 15.10.2006

Sanja Ivekovic zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen einer ‚mittleren’ Generation. Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein zeigt neben einer umfassenden retrospektiven Auswahl ihres Werks auch neueste Arbeiten. Die seit Mitte der siebziger Jahre entstandenen Fotografien, Videoarbeiten, Objekte und Performances von Sanja Ivekovic scheinen auf den ersten Blick den Gesetzen einer glamourösen Popkultur zu folgen. In „Double Life” aus dem Jahr 1975 etwa hat Sanja Ivekovic den gängigen ikoneartigen Magazin- und Werbefotos von Frauen private Aufnahmen von sich selbst entgegen gestellt, deren verwandter Gestus zu einer vergleichenden und reflexiven Lesart drängt. Ihre eigene Person und damit das Private in den öffentlichen Diskurs einschreibend, geht Sanja Ivekovic in ihren Arbeiten der Frage nach, wie die Routinen des Alltags vom Diktat der Mode, der Werbung und des Starkults beeinflusst werden. Der Körper ist dabei für die Künstlerin immer nur der Körper in der Darstellung – eine Bildfläche, die vom Blick dominiert wird. Sanja Ivekovic setzt sich bewusst dem männlichen Blick aus und stellt Körper, Sexualität und Geschlecht nachdrücklich in den Kontext des Politischen. In ihren jüngsten Arbeiten nimmt sie dabei auch Bezug auf den Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens, die ethnischen Säuberungen, die Lebensbedingungen von Flüchtlingen und den antifaschistischen Widerstand von Frauen.
Die Ausstellung wurde in Kooperation mit der Galerie im Taxispalais, Innsbruck realisiert, die 2001 die erste umfassende Einzelausstellung von Sanja Ivekovic gezeigt hat.

Sanja Ivekovic, geboren 1949 in Zagreb, lebt und arbeitet in Zagreb. Ausstellungen (Auswahl): „Open Systems: Rethinking Art c. 1970”, Tate Modern, London (2005); „Die Regierung”, Secession (2005); „Women´s Room”, Palazzo Ferreri, Genova (2004); documenta 11, Kassel (2002); „Personal Cuts”, Galerie im Taxispalais, Innsbruck (2001); „After the Wall”, Budapest, Stockholm, Berlin (2000/2001); „Translocation”, Generali Foundation, Wien (1999); Manifesta 2, Luxemburg (1998); „Body and the East”, Moderna Galerija, Ljubljana (1998), Museum für zeitgenössische Kunst, Zagreb (1997).

Die Ausstellung wird von Nataša Iliæ und Kathrin Rhomberg kuratiert.

Diskussion
Mit der Künstlerin diskutieren Marie-Luise Angerer, Medientheoretikerin, Köln; Sylvia Eiblmayr, Kunsthistorikerin, Direktorin der Galerie im Taxispalais, Innsbruck; Nataša Iliæ, Kunsthistorikerin, Kuratorin der Ausstellung, Zagreb; Bojana Pejiæ, Kunsthistorikerin und Kuratorin, Berlin; Charles Esche, Direktor des Van Abbemuseum, Eindhoven (angefragt).
Mi, 04. Oktober, 19 Uhr

Filmabend
Anlässlich ihrer Ausstellung präsentiert Sanja Ivekoviæ im Kino in der „Brücke” eine Auswahl ihrer Videoarbeiten von 1974 bis 2003.
Sa, 07. Oktober, 19 Uhr

Dank an: Sylvia Eiblmayr, Galerie im Taxispalais Innsbruck. Sylvia Eiblmayr zeigte 2001 die erste umfassende Einzelausstellung von Sanja Ivekovic. Ein großer Teil der Arbeiten dieser Ausstellung wird auch im Kunstverein gezeigt.

Die Leihgeber: Sammlung Generali Foundation, Wien; Sammlung Block, Berlin; Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Bank-Gruppe, Wien; Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien; Museum of Contemporary Art, Zagreb.

Die Sponsoren: Privatbrauerei Gaffel, Becker & Co., Kunsttrans, Zagreb; Mireille Ruch („Der Blumenladen”, Köln); MACtac Germany; VPS, Krefeld; Stadt Köln.


Sanja Ivekovic is regarded as one of the most important artists of a ‚middle’ generation. In addition to an extensive retrospective of her work, the exhibition at the Kölnischer Kunstverein will also show a selection of her recent works. On first impression the photographs, videos, objects and performances, that Sanja Ivekovic has created since the mid-seventies, seem to follow the laws of a glamorous pop culture. For instance, in „Double Life” from 1975 Sanja Ivekovic contrasted conventional icon-like magazine and advertising photos of women with private pictures of herself, in which the related gesture compels a comparative and reflexive reading. Inscribing herself as a person and thus the private into public discourse, in her work Sanja Ivekovic pursues the question of how the routines of everyday life are influenced by the dictate of fashion, advertising and the star cult. At the same time, for the artist the body is always only the body in the representation – an image surface dominated by the gaze. Sanja Ivekovic purposely exposes herself to the male gaze, emphatically placing the body, sexuality and gender in the context of the political. In her most recent works she also refers to the collapse of former Yugoslavia, the ethnic cleansings, the living conditions of refugees and women’s anti-fascist resistance.

The exhibition has been realized in cooperation with the Galerie im Taxispalais, Innsbruck, where Sanja Ivekovic’s first comprehensive solo exhibition was shown in 2001.

Discussion
The artist will be having a discussion with Marie-Luise Angerer, media theoretician, Cologne; Sylvia Eiblmayr, art historian, Director of the Galerie im Taxispalais, Innsbruck; Nataša Ilic, art historian and curator of the exibition, Zagreb; Bojana Pejic, art historian and curator, Berlin; Charles Esche, Director of the Van Abbemuseum, Eindhoven (invited).
Wednesday October 4, 7 pm

Film evening
On the occasion of her exhibition, Sanja Ivekovic will be presenting a selection of her video works from 1974 to 2003 at Die Brücke.
Saturday October 7, 7 pm

Thanks go to: Sylvia Eiblmayr, Galerie im Taxispalais, Innsbruck. In 2001, Sylvia Eiblmayr presented the first comprehensive sole exhibition of the works of Sanja Ivekovic. A large part of these works will also be on display at the Kunstverein.

Loans provided by: Generali Foundation collection, Vienna; Block collection, Berlin; Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Bank-Gruppe, Vienna; Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Vienna; Museum of Contemporary Art, Zagreb.

Sponsors: Privatbrauerei Gaffel, Becker & Co.; Kunsttrans, Zagreb; Mireille Ruch („Der Blumenladen”, flower store, Cologne); MACtac Germany; VPS, Krefeld; City of Cologne.

Jutta Koether, Fantasia Colonia

27.05. – 13.08.2006

Jutta Koether ist eine der zentralen Figuren für die gegenwärtige Malerei. Sie ist aber doch mehr als eine Malerin. Sie ist auch Performancekünstlerin, Musikerin, Schriftstellerin, Kritikerin und Theoretikerin.
Ihre Rolle als Künstlerin wurde lange Zeit als feministische Antwort auf die Kölner Szene der späten achtziger Jahre reduziert. Mit ihren durchscheinenden Farbfeldern, dem gestischen Pinselstrich, Zeichnungen weiblicher Körper sowie der lyrischen Aneignung von Poesie und Kunstgeschichte scheint sie häufig die gegenüberliegende Position von Künstlern wie Martin Kippenberger, Sigmar Polke und Albert Oehlen einzunehmen. Als Kritikerin und Redakteurin der Musik- und Popkulturzeitschrift Spex sowie als Performancekünstlerin und Musikerin entsprach Koether aber nicht dem typischen Berufsbild der Kunstszene jener Zeit.

Seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere hat Jutta Koether versucht, Erweiterung zu ihrem Programm zu machen. Dabei war es ihr immer auch wichtig, keine eindeutige Rolle als Künstlerin einzunehmen, sondern immer aus mehreren Positionen zu arbeiten. Seit sie in den 90er Jahren nach New York kam, bewegt sie sich in erweiterten Feld von Experiment und Improvisation, Literatur und Theorie der dortigen Szene. Die Zusammenarbeit mit Musikern wie Tom Verlaine (Television) oder Kim Gordon (Sonic Youth) sind für sie als Inspiration oft wichtiger als die Arbeiten bildender KünstlerInnen. Gerade über diese scheinbaren Umwege und alternativen Energieformen hat sie sich über die Jahre eine Art Freiraum geschaffen, der in der heutigen Situation die so dringend notwendige Neubewertung des Mediums Malerei und seines Potentials ermöglicht.
Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein ist die erste große Einzelausstellung von Jutta Koether in Deutschland und zeigt erstmalig eine umfassende Auswahl aus ihrem Werk seit Mitte der Achtziger Jahre. Mit Malerei, Zeichnungen, Texten, Videoarbeiten und Installationen bespielt Jutta Koether alle Räume des Kunstvereins. Sie setzt ihre verschiedenen Ausdrucksformen miteinander in Verbindung und schafft damit Versuchsanordnungen, aus der sich eine fließende Dynamik und Offenheit entwickelt.

Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog im DuMont Verlag. Texte von Diedrich Diederichsen, Isabelle Graw, Martin Prinzhorn, Michael Kerkmann und ein Gespräch mit Jutta Koether, Sam Lewitt und Eileen Quinlan erläutern die unterschiedlichen Werkbereiche Jutta Koethers. Der Katalog mit 160 Seiten umfasst ca. 160 Farbabbildungen und erscheint in deutscher und englischer Sprache.

Clemens von Wedemeyer

04.03. – 07.05.2006

“Kunst und Kino”, so Clemens von Wedemeyer, “sind verschiedene Sprachen, die miteinander verwandt sind. Ich bin an beiden Sprachen interessiert. Beide zusammen erlauben es, eine Praxis zu finden, die neue Räume für neue Untersuchungen zur Verfügung stellt.”

In seiner ersten großen Einzelausstellung zeigt Clemens von Wedemeyer Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Mit der Auswahl der Arbeiten ortet er eine Richtung aus und stellt mit ihnen gleichzeitig Bezüge zur Architektur des Kunstvereinsgebäudes her, das zu den herausragenden Baudenkmäler der 50er Jahre zählt und sich der Kunst und dem Kino verpflichtet hat.

Exemplarisch für die Beschäftigung mit dem Kino, zeigt Clemens von Wedemeyer seine frühe filmische Arbeit “occupation” (2002). Eine große Anzahl von Statisten und eine Filmcrew treffen bei Nacht, an einem nicht näher bestimmbaren Ort aufeinander. Die Statisten reagieren verwirrt auf die missverständlichen Anweisungen des Filmteams und ebenso reagiert das Filmteam, das dennoch beschäftigt, müde und ängstlich mit aller Macht die Mittel des Kinos ausspielt. Wedemeyer hat mit “occupation” das Publikum, das Filmteam und das technische Gerät aus dem üblichen (Film-)Zusammenhang herausgelöst und es in eine absurde, an Beckett erinnernde Situation gestellt. Die Statisten werden ungewollt und unwissend zu Hauptdarstellern, das Filmteam agiert wie Marionetten nach einem ungeschriebenen Drehbuch. In der Ausstellung zeigt Clemens von Wedemeyer nun erstmals “occupation” als 35mm-Film im Kino, dessen Betrachtung auch sein Ausgangspunkt war.

Die Freistellung einer Situation und deren Transfer in einen neuen Kontext findet sich auch in der Ausstellungsgestaltung Wedemeyers wieder. Transferiert von der Kinosituation in den Ausstellungsraum, fungiert die von Clemens und Henning von Wedemeyer entworfene Ausstellungsarchitektur wie die Struktur eines Filmes. Die Ausstellungswände dienen als Trennung, als Schnitte zwischen den verschiedenen Zonen. “Im Kino”, so Wedemeyer, “ist das Trennende (der Schnitt) das Entscheidende. Fiktion entsteht als Trennung zwischen den Bereichen.”

Ortsentrückt und zeitenthoben wirkt die Videoarbeit “Silberhöhe”, obgleich ihr der Schauplatz der Hallenser Plattensiedlung “Silberhöhe” zugrunde liegt, die zwischen 1979 und 1989 für 40.000 Bewohner erbaut wurde und seit der Wende mehr als die Hälfte der Einwohner verloren hat. Die Kamera folgt den spannungsgeladenen verlassenen Straßen und Blicken in eine Musterwohnung, in der auf einem flimmernden Fernsehmonitor der Abspann von Antonionis “L´eclisse” läuft. Indem das Video Kameraführung und Schnitttechnik der Schlussszene aus Antonionis Film zitiert, transportiert es die ohne Menschen auskommende Dramatik in die aktuelle Situation des verödeten Stadtteils und schafft so eine gedankliche Linie zwischen beiden Enden der Zeitspanne, in der moderne Stadtutopie entwickelt, gebaut, gelebt und schließlich verworfen wurde.

“Otjesd” handelt von Bürokratie und dem Warten, in dem das Schicksal einer jungen Frau inmitten einer Grenzregion erzählt wird. Beide Filme erscheinen wie aus einer Zwischenwelt, in der es die Bilder nicht erlauben, sich einer Illusion hinzugeben, obwohl sie vom Dokumentarischen weit entfernt, wie ein absurdes Märchen oder ein Traum erfahren werden.

In einem Raum, den Wedemeyer zwischen die beiden Projektionsräume eingeschoben hat, wird nachvollziehbar, wie viel Fiktion vonnöten ist, um subjektive Realitäten zu vermitteln. Zu sehen sind die Entstehungsgeschichte der Filme, Wedemeyers Beschäftigung mit dem offenen, noch nicht definierten Raum an den Stadtgrenzen in Ostdeutschland, die Recherchen an den Visa-Antragstellen in Berlin und Moskau und die Beobachtungen eines realen Filmteams. Der Raum öffnet einen Ausblick auf die Stadt Köln und stellt damit auch architektonisch die Verbindung mit dem scheinbar Realen des Alltags her.

Im Untergeschoss des Kunstvereins taucht schließlich mit “Ohne Titel (Rekonstruktion)” von 2005 nochmals eine Referenz an Beckett auf. Zu sehen ist die “falsche” Rekonstruktion eines Tanzes, den Clemens von Wedemeyer bei einer Probe des Tänzers und Choreografen Alexandre Roccoli während seiner Soloarbeit in der Villa Gillet in Lyon gefilmt hat. “Ohne Titel (Rekonstruktion)” ist gleichsam eine Studie über die Bewegung im Film, in dem der Raum und der Körper elementar ins Zentrum gerückt sind und durch einen nachgearbeiteten Sound (mit Thomas Wallmann) eine unmittelbare, physische Präsenz erfährt.

Die Filmarbeiten “occupation”, “Silberhöhe” und “Otjesd” wurden vom Kameramann Frank Meyer gefilmt.

Biografische Daten
Clemens von Wedemeyer, geboren 1974, lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig. Ausstellungen (Auswahl): PS1 Contemporary Art Center, New York (2006); Berlin Biennale, KW, Berlin (2006); CAC Brétigny-sur-Orge (2006); Galerie Meyer Rieger, Karlsruhe (2005); Kunsthalle Bremen (2005); Galerie Klosterfelde (2005); Moscow Biennale of Contemporary Art (2005); Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig (2005); Kunstwerke Berlin (2004); Galerie Jocelyn Wolff, Paris (2003).

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten in deutscher und englischer Sprache von Ekaterina Degot und Beatrice von Bismarck. Der Katalog wird am 05. Mai, 19 Uhr im Rahmen des Ausstellungsgesprächs präsentiert.

Filmabend
Begleitend zur Ausstellung von Clemens von Wedemeyer hat Matthias Müller (Filmemacher, Bielefeld/Köln) eine Auswahl von Experimentalfilmen zusammengestellt, die am 28. April, um 19 Uhr im Kino in der “Brücke” gezeigt werden.

Programm
B+W Hein, Rohfilm, D 1968
Martin Arnold, Pièce Touchée, A 1989
Morgan Fisher, Standard Gauge, USA 1984
Sharon Sandusky, C’mon, Babe (Danke Schoen), USA 1988
Manuel Saiz, Specialized Technicians Required:
Being Luis Porcar, E 2005
Christopher Giradet & Matthias Müller, Play, D 2003

Ausstellungsgespräch
Alexander Koch (Kurator und Autor, Berlin) im Gespräch mit Clemens von Wedemeyer. Clemens von Wedemeyer präsentiert im Anschluss daran einen neuen Film “rien du tout” (mit Maya Schweizer).
05. Mai, 19 Uhr


“Art and cinema”, according to Clemens von Wedemeyer, “are different languages that are related to one another. I am interested in both languages. Both of them together make it possible to find a practice that provides new spaces for new investigations.”

In his first major solo exhibition Clemens von Wedemeyer shows works from recent years. With the selection of works he explores a direction while simultaneously establishing references to the architecture of the Kunstverein building, which is regarded as one of the outstanding architectural monuments of the 1950s and is devoted to art and cinema.

To exemplify his interest in cinema, Clemens von Wedemeyer shows his early cinematic work “occupation” (2002). A large number of extras and a film crew come together at night in an unidentifiable location. The extras are confused by the film crews’ unclear instructions, and the film crew, which is busy tiredly and fearfully exhausting all the means of cinema, reacts the same way. With “occupation” Wedemeyer detached the audience, the film crew and the technical apparatus from its conventional (film) context, placing them in an absurd situation reminiscent of Beckett. The extras unwillingly and unwittingly become the main figures, the film crew operates like marionettes following an unwritten script. In the exhibition Clemens von Wedemeyer shows “occupation” for the first time as a 35mm film in the cinema, the consideration of which was its starting point.

Extracting a situation and transferring it to a new context is also found in Wedemeyer’s exhibition design. Transfered from the cinema situation to the exhibition space, the exhibition architecture designed by Clemens and Henning von Wedemeyer functions like the structure of a film. The exhibition walls serve as a division, as incisions between the different zones. “In cinema,” says Wedemeyer, “the division (the cut) is crucial. Fiction results as a division between the areas.”

The video work “Silberhöhe” (“Silver Heights”) appears to be removed from place and time, even though it is based on the scene of the “Silberhöhe” tower blocks in Halle, which were built between 1979 and 1989 for 40,000 residents and have lost over half the inhabitants since 1989. The camera follows the emotionally charged streets and looks into a model flat, where the credits from Antonioni’s “L’eclisse” are running on a flickering television screen. By citing the camera work and editing technique of the concluding scene from Antonioni’s film, the video transports the drama that does without people into the current situation of the decaying city district, thus creating a mental line between the two ends of the period of time, in which urban utopia was developed, built, lived and ultimately abandoned.

“Otjesd” deals with bureaucracy and waiting, telling of the fate of a young woman in the midst of a border region. Both films appear as though from an in-between world, in which the images do not allow surrendering to an illusion, even though they are far from documentary. This is more the way an absurd fairy-tale or dream is experienced.

In a space that Wedemeyer has inserted between the two projection spaces, it becomes clear how much fiction is needed to convey subjective realities. On display here are the genesis of the films, Wedemeyer’s preoccupation with the open, not yet defined space at the urban peripheries in East Germany, research at the visa application offices in Berlin and Moscow, and observations of a real film crew. I

The room opens up a view of the city of Cologne, thus also establishing an architectural connection with the apparently real of everyday life.

Finally, in the basement of the Kunstverein, another reference to Beckett shows up with “Ohne Titel (Rekonstruktion)” ["Untitled (Reconstruction)"] from 2005. What can be seen here is the “false” reconstruction of a dance, which Clemens von Wedemeyer filmed during a rehearsal of the dancer and choreographer Alexandre Roccoli during his solo work at the Villa Arson in Lyon. “Ohne Titel (Rekonstruktion)” is virtually a study of movement in film, in which the space and the body are shifted in an elementary way into the center, taking on an immediate, physical presence through the subsequently developed sound (with Thomas Wallmann).

The film works “occupation”, “Silberhöhe”, “Otjesd” and “Ohne Titel (Rekonstruktion)” were filmed by the cameraman Frank Meyer.

Biographical Information
Clemens von Wedemeyer, born 1974, lives and works in Berlin and Leipzig. Exhibitions (selected): PS1 Contemporary Art Center, New York (2006); Berlin Biennale, KW, Berlin (2006); CAC Brétigny-sur-Orge (2006); Galerie Meyer Rieger, Karlsruhe (2005); Kunsthalle Bremen (2005); Galerie Klosterfelde (2005); Moscow Biennale of Contemporary Art (2005); Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig (2005); Kunstwerke Berlin (2004); Galerie Jocelyn Wolff, Paris (2003).

Catalogue
A catalogue will be published for the exhibition with essays in German and English by Ekaterina Degot and Beatrice von Bismarck.
The catalogue will be presented on May 5th at 7 pm in conjunction with the exhibition discussion.

Film Evening
To accompany Clemens von Wedemeyer’s exhibition, Matthias Müller (filmmaker, Bielefeld/Cologne) has compiled a selection of experimental films, which will be shown on April 28th at 7 pm at the cinema in the “Brücke”.

Exhibition Discussion
Alexander Koch (curator and author, Berlin) in discussion with Clemens von Wedemeyer, following which Clemens von Wedemeyer will present a new film “rien du tout” (with Maya Schweizer).
5 May, 7 pm

Familien Bande

zusammengestellt von Madeleine Bernstorff, Marion von Osten
08.12. – 11.12.2005

Einer der ersten Migrationsfilme der Filmgeschichte ist Alice Guy-Blachés “The Making of an American Citizen” (Solax 1912). Er handelt von einem russischen Einwandererehepaar, das, in Ellis Island angekommen, sich in der Lower Eastside ansiedelt und später eine Farm betreibt. Der Ehemann behandelt seine Frau wie einen Packesel. In jeder Szene, in der die neue amerikanische (männliche) Gesellschaft thematisiert wird, werden dem Ehemann “Manieren” beigebracht: Als sie vom Schiff steigen, nimmt ein Amerikaner der Frau das Bündel ab und gibt es ihrem Mann, der Hauswirt hört das Ehepaar streiten und weist den Ehemann zurecht, auf der Farm schützt ein anderer Farmer die Frau.

Das Herkunftsland als „vormodernes“ Hinterland ist ein Topos, der sich durch die Filmgeschichte zieht. Sexuelle Unterdrückung in traditionellen Familienstrukturen wird seit Beginn des Migrationsfilms ethnisiert, und das auch in Filmen, in denen ein „frauenbewegter“ Gestus ein allgemeines „fremdes“ weibliches Schicksal behauptete. Die Erzählform von Migration im Film reproduzierte so lange Zeit das Muster, die Protagonisten der Handlung als ihr Schicksal Ertragende darzustellen. Der Migrantin kam darin eine zentrale Rolle zu. Das Bild von vormodernen, traditionellen Familien- und Geschlechterverhältnissen, vom ungelernten Arbeiter/Bauer-Mann und der unterdrückten Frau, blieb hartnäckig präsent und dient bis heute zur Funktionalisierung. Eine ganze Serie von Filmen musste etwas symptomatisch “durcharbeiten³, bevor andere Erzählstrategien möglich wurden.

Migration erscheint in aktuellen filmischen Erzählungen vor dem Hintergrund alltäglicher, wie juridischer Ausschlüsse und medialer Zuschreibungen nun eher als eine Störung im kleinfamiliären und/oder nationalen Sesshaftigkeitskonzept und der traditionellen Arbeitsteilung. Die Programme des Filmfestivals zeigen unterschiedliche Beispiele dieser (Film-)Geschichte und thematisieren die Komplexität und Modernität transnationaler Familienstrukturen, wie auch alternativer Lebensentwürfe, die durch Migration bestimmt sind und das traditionelle, filmische Familien- und Geschlechterbild unterlaufen.

Programm:
Kleine Familie Bundesrepublik
Donnerstag, 8. Dezember 2005

19.00 EINFÜHRUNG von Madeleine Bernstorff und Marion von Osten mit Filmbeispielen: Jack Smith “Song For Rent³ 1968/69, Alice Guy-Blaché „The Making Of An American Citizen“ 1912, u. a.

20.00 TOXI (R. A. Stemmle) D: Elfie Fiegert, Paul Bildt, Al Hoosman, Elisabeth Flickenschildt, BRD 1952, 89 min Die fünfjährige afrodeutsche Toxi landet in einer bundesdeutschen Nachkriegsfamilie und ist dort den Debatten um Segregation oder Integration ausgesetzt.

TOXI LEBT ANDERS (Peter Schier-Grabowski) BRD 1958, 27 min Der Fernsehbeitrag sollte ein Korrektiv zum Publikumserfolg des rührseligen Spielfilms „Toxi“ sein und dreht sich um die Mütter der afrodeutschen „Besatzungskinder“.

Arbeiter verlassen die Fabrik
Freitag, 9. Dezember 2005

19.00 EINFÜHRUNG von Marion von Osten

FÜR AUSLÄNDISCHE UND DEUTSCHE ARBEITER (Christine Trautmann, Kurt Rosenthal) BRD 1973, 12 min* Experimenteller Film zur Rolle der Migration in den Arbeitskämpfen

COMPAÑERA INGE
(Karlheinz Mund, Erika Nowak) DDR 1982, 28 min Die offizielle Sicht der DDR auf Vertragsarbeiter aus Kuba und deren Betreuerin Inge.

20.30 PIERBURG: IHR KAMPF IST UNSER KAMPF (Edith Schmidt, David Wittenberg) BRD 1974/75, 49 min Dokumentation des wilden Streiks der Frauen bei Pierburg / Neuss, 1973, die nie gesendet wurde.

Anschließende Diskussion mit dem Regisseur David Wittenberg (Köln), Peter Leipziger (Betriebsrat Pierburg) und Paulino José Miguele (ehemaliger Vertragsarbeiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter, DOMiT), Moderation: Aurora Rodonò.

40 qm Deutschland / 4.000 km Autobahn
Samstag, 10. Dezember 2005

15.00 EINFÜHRUNG mit Filmbeispielen von Madeleine Bernstorff

15.30 WAS ICH VON MARIA WEISS (Gisela Tuchtenhagen) BRD 1971, 18 min Ein involviertes Porträt der 13-jährigen spanischen Schülerin Maria aus Norddeutschland.

16.00 EINE KÖLNER FAMILIE (Hans-Jürgen Hilgert, Tuulikki Lähdesmäki), WDR, BRD 1976, 30 min Die politisch engagierte Tochter der süditalienischen Familie Santoro organisiert eine migrantische Mieterinitiative in der Subbelrather Straße in Köln der 70er Jahre.

FREMDE HEIMAT (Hans-Jürgen Hilgert, Tuulikki Lähdesmäki), WDR, BRD 1978, 44 min Der zweite Dokumentarfilm berichtet über die transnationalen Beziehungen der Kölner Familie Santoro zwischen Deutschland und Italien.

Anschließende Diskussion mit der Filmemacherin Cosima Santoro (Berlin), Protagonistin in “Eine Kölner Familie³ und “Fremde Heimat³.

18.00 BEN KIMIM (Canan Yilmaz) D 2003, 4 min, OmeU * Bin ich deutsch bin ich türkisch.

GÖLGE (Sema Poyraz) D: Semra Uysal, Birgül und Yüksel Topçugürler, BRD 1980, 90 min Der erste Spielfilm aus einer migrantischen und feministischen Perspektive: ein Kammerspiel über Gölge in einer Zweizimmerwohnung mit ihrer vierköpfigen Familie.

20.00 AUSLANDSTOURNEE (Ay¸se Polat) D: Hilmi Sözer, Özlem Blume, Özay Fecht. D 1999, 91 min Der Nachtklub-Sänger Zeki reist mit der 11-jährigen Senay über Hamburg, Paris und München bis nach Istanbul auf der Suche nach Senays Mutter.

22.00 AUDITION TAPE (Benny Nemerofsky Ramsay) Kanada 2003, 6 min, OmeU*, „Schwul, weiß, 29 Jahre, gute Singstimme und Koordination sucht verzweifelt Job in der russischen Mädchenband Tatu.“

LOLA UND BILIDIKID (Kutlug Ataman) D: Baki Davrak, Gandi Mukli, Erdal Yildiz, Inge Keller. D 1998, 95 min Der wohlbehütete 17-jährige Murat und die Szene der Kreuzberger Transvestiten. Der Schauspieler Gandi Mukli ist anwesend.

Daheim im Ausnahmezustand
Sonntag, 11. Dezember 2005

15.00 EINFÜHRUNG von Marion von Osten & Madeleine Bernstorff WHO HANGS THE LAUNDRY? WASHING, WAR AND ELECTRICITY IN BEIRUT (Hrabba Gunnarsdóttir, Tina Naccache) Island/Libanon, 20 min Ein DV-Gespräch mit der libanesischen Aktivistin Tina Naccache über Alltag, Kriegsfolgen, Hausarbeit und Migration.

15.30 WELCOME IN HOLLAND CAMPUS VUGHT (Sarah Vos) Niederlande 2003, 100 min, OmeU Abgewiesene jugendliche Asylbewerber in einem Lager in Holland beginnen, sich mit zivilem Ungehorsam gegen ihre Isolation zu wehren.

17.30 TANGER, LE RÊVE DES BRÛLEURS (Leïla Kilani) Frankreich 2002, 53 min, OmeU Ein Film über die, die ihre Identität aufgeben, um über Nord-Afrika nach Europa zu kommen und durch die Grenze zu anderen werden.

Anschließende Diskussion mit der Filmemacherin Brigitta Kuster (Berlin), Kuratorin von transit.doc. Pause

19.00 BORDERLINE(S): SEXUELLE GRENZVERLÄUFE
Vortrag von Dr. Marie-Luise Angerer, Professorin an der KHM, Köln Gerade weil Sexualität sich mit Körpern, mit Orten, Zeiten und Bildern immer verdichten muss, ist sie der Grenzverlauf metaphorisch und physisch schlechthin.

20.00 DIE HELFER UND DIE FRAUEN (Karin Jurschick) BRD 2004, 80 min Militärische Verbände und politische Organisationen, wie die unter UN-Führung operierende Internationale Polizei (IPTF) und die International Organisation for Migration (IOM), versuchen in Ex-Jugoslawien Probleme mit Prostitution und Menschenhandels zu lösen die sie u. a. mit verursacht haben.

Anschließende Diskussion mit der Regisseurin Karin Jurschick und der Kamerafrau Anke Schäfer (Köln), der Theoretikerin Marie-Luise Angerer (KHM Köln) und dem Soziologen Vassilis Tsianos (Hamburg / TRANSIT MIGRATION) Moderation: Dr. Regina Römhild, (Frankfurt am Main/ Kuratorium Projekt Migration).

* Aus dem Archiv der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Detaillierte Informationen zu den jeweiligen Flimen: www.projektmigration.de
Die Filme und Diskussionen begleiten thematisch Aspekte der Ausstellung und der Publikation „Projekt Migration“. Die Ausstellung findet im Kölnischen Kunstverein, am Rudolfplatz, am Friesenplatz sowie im öffentlichen Raum statt und läuft noch bis zum 15. Januar 2006.

Von wegen Parallelgesellschaft!

Rollenspiel und Grenzverkehr im Kino der Migranten
Filmreihe, zusammengestellt von Deniz Göktürk, Professor an der UC Berkeley
13.10. – 16.10. 2005

Deutschland war schon lange “Einwanderungsland”, bevor dies politisch und gesetzlich formuliert wurde. Das “Zuwanderungsgesetz”, das im Januar 2005 in Kraft trat, ist ein Markstein in der öffentlichen Bewusstwerdung von Grenzverkehr und einem neuen Selbstverständnis der Bundesrepublik als “offener” Nation. Dass dabei nicht von “Ein-” sondern von “Zu-wanderung” die Rede ist, zeigt ein weiteres Mal, dass Wert gelegt wird auf die Markierung von Unterschieden zwischen “Ansässigen” und “Fremden” und dass man sich schwer tut in Deutschland mit dem Zugeständnis, ein “Einwanderungsland” zu sein. Der Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Migrationsgeschichte – der erste Anwerbevertrag mit Italien wurde 1955 abgeschlossen – führt zu einer Vielzahl von symbolischen Gesten im Bereich der Kultur; Migration geht ins Museum. Ziel dieser Veranstaltungen ist, Bewusstsein zu wecken für kulturelle Vielfalt und für transnationale Vernetzungen, für Geschichten, die anderswo beginnen und nach Deutschland führen oder auch Deutschland verlassen.

Programm
Do, 13. 10.
Focus 1973 – tragisch und komisch…

Einführungsvortrag von Deniz Göktürk (UC Berkeley):
“Von wegen Parallelgesellschaft! Rollenspiel und Grenzverkehr im Kino der Migranten”

Angst isst Seele auf (D 2003, Shahbaz Noshir, 13 min)
Angst essen Seele auf ( D 1974, R.W. Fassbinder, 93 min)
Pane e cioccolata (I 1973, Franco Brusati, 112 min, OmenglU)

Fr, 14. 10.
Sehen und gesehen werden… Städte, Räume, Grenzen, Beobachtung

Menschen auf der Treppe (D 1999, Hatice Ayten, 34 min, Dokumentarfilm)
In Anwesenheit der Regisseurin Hatice Ayten
Getürkt (D, 1996, Fatih Akin, 12 min)
Was nicht passt, wird passend gemacht (D, 1996, Peter Thorwarth, 15 min)
Planeta Alemania – Beobachtungen aus der Unsichtbarkeit (D, 1999, comp@ñeras, 38 min)
12 Saatlik (NL, 2003, Nicoline van Harskamp, 6 min, OmenglU)
In Anwesenheit der Regisseurin Nicoline van Harskamp
Propanganda (TUR, 1999, 120 min, OmdtU)

Sa, 15. 10.
Wer ist hier WIR? Ironie und Komik gegen Ethnochauvinismus

Ein Engel schlägt zurück (D 1998, Angelina Maccarone, 83 min), im Anschluss Gespräch mit Angelina Maccarone
Drei gegen Troja (D 2005, Hussi Kutlucan, 90 min)

Podiumsdiskussion:
Jenseits der Fürsorge? Förderung, Identität und Mobilität” mit Filmemachern, Kritikern und Redakteuren
Auf dem Podium: Hussi Kutlucan, Yüksel Yavuz, Claudia Tronnier
Moderation: Deniz Göktürk

Kleine Freiheit (D 2003, Yüksel Yavuz, 100 min)
Gegen die Wand (D/TUR 2003, Fatih Akin, 121 min)

So, 16. 10.
In transit – national, europäisch oder global?

In Transit (TUR 2004, Berke Bas, 45 min, Dokumentarfilm, OmenglU
Schwarzfahrer (D 1993, Pepe Danquart, 12 min)
Lichter (D 2003, Hans-Christian Schmid, 105 min)
One Day in Europe (D/E 2005, Hannes Stöhr, 100 min, OmdtU)
Dirty Pretty Things (GB 2002, Stephen Frears, 97 min, OF)

Projekt Migration

01.10.2005 – 15.01.2006

Es ist der Blick, der darüber entscheidet, ob und wie wir Migration sehen. Die Perspektive der Nation macht aus den Menschen, die über die Grenze kommen, die Anderen: Fremde, die es zu erforschen und zu verstehen, abzuwehren und zu kontrollieren, zu nutzen und zu integrieren gilt. Ob mit empathischer Zuwendung, ökonomischem Pragmatismus oder rassistischer Ausgrenzung: Die Nation gebraucht die Anderen, um sich selbst ins Zentrum zu setzen. So entsteht die Erzählung von der Mehrheit und ihren Minderheiten.

Das „Projekt Migration“, das von der Kulturstiftung des Bundes initiiert wurde, steht für den Versuch, diesen Blick umzukehren und Migration als eine zentrale Kraft gesellschaftlicher Veränderung sichtbar zu machen.
Der Kölnische Kunstverein ist Träger des Projektes. Projektpartner sind DOMiT, Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. für die Perspektive der Sozialgeschichte, das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Frankfurt/Main und das Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst (ics, HGK Zürich) für die Perspektive der Wissenschaft.

Trisha Donnelly, CENTRAL Kunstpreis

25.06. – 05.09.2005

Zum fünften Mal vergibt die CENTRAL KRANKENVERSICHERUNG AG Köln in Zusammenarbeit mit dem Kölnischen Kunstverein den CENTRAL-Kunstpreis für internationale Künstler. Durch die bisherigen Preisträger Rirkrit Tiravanija (1996), Douglas Gordon (1998), Ernesto Neto (2000) und Florian Pumhösl (2002) hat der CENTRAL-Kunstpreis großes Ansehen innerhalb der bildenden Kunstszene gewonnen, das mit der Nominierung von Trisha Donnelly seine Fortsetzung findet. Trisha Donnelly wurde von einer internationalen Jury, bestehend aus Chen Y. Chaos, Chefkuratorin am Millenium Art Museum in Peking, Hans Ulrich Obrist, Kurator am Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris und Beatix Ruf, Direktorin der Kunsthalle Zürich, nominiert. Mit dem Förderpreis in einer Höhe von Euro 75.000,- setzt die CENTRAL Krankenversicherung AG ein deutliches Zeichen, neben ihrer Sammlung von zeitgenössischer Kunst auch die jüngsten Tendenzen in der zeitgenössischen bildenden Kunst wahrzunehmen und durch eine aktive Unterstützung mit fortzuschreiben.
Der CENTRAL-Kunstpreis ermöglicht der Preisträgerin einen halbjährigen Aufenthalt in Köln und die Realisierung eines neuen künstlerischen Projektes, das im Sommer 2005 in einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein gezeigt wird.

Trisha Donnelly versteht es auf besondere Art in ihren Installationen, Video- und Soundarbeiten, Fotografien, Performances oder Zeichnungen, Momente der uneingeschränkten Konzentration und Fokussierung zu schaffen.
Beinahe obsessiv spielt sie mit einer Mischung aus Faszination und Ratlosigkeit. Durch ihre eindringlichen Demonstrationen von Kraftanstrengung und Hingabe scheint es, als sei sie in der Lage, allein durch ihren Willen die Realität zu verändern – es entsteht ein Sog von höchster Intensität. Doch statt die vormals als sicher gewähnten Situationen, die nun gebrochen und in vollkommene Irritation geraten sind, aufzulösen, lässt sie uns mit einem empfindlich treffenden Gefühl tiefer, verstörender Leere und Unsicherheit allein zurück.

Trisha Donnelly erforscht in ihren Arbeiten immer wieder die Grenzen der Sinneswahrnehmung. In Soundarbeiten wie „The Shield“ (2004) setzt sie einen sonoren, dumpfen Ton, der in regelmäßigen Abständen ertönt, in einer so hohen Stärke ein, dass er zu einer körperlich spürbaren Barriere wird. Das was uns eigentlich Immateriell erscheint, wird nun zum architektonischen Element, das ganze Raumteile voneinander zu trennen vermag – dessen Wirkung sich allerdings erst im Besucher selbst entfaltet. Ihre Fotoarbeit „The Black Wave“ (2002) zeigt die Aufnahme einer Welle. Die unbändige, aber gleichermaßen auch verborgene Kraft, die darin sichtbar anschwillt, lässt an ein Unwetter, an Regen oder Sturm denken – es gibt allerdings keinerlei Hinweis, der die Situation auflösen würde. So ist es das Ephemere, Beiläufige, das in Trisha Donnellys Arbeiten eine besondere Rolle spielt, wenn sie bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Casey Kaplan Galerie in New York als ein Napoleonischer Bote auf einem Pferd reitend, erscheint, und der erstaunten Menge die Kapitulation Napoleons verkündet, bevor sie ihr Pferd wieder wendet und in die Nacht New Yorks hinausreitet. Diese Aktionen, von Trisha Donnelly selbst als „Demonstrationen“ bezeichnet, werden weder filmisch noch schriftlich dokumentiert. Sie finden ihre Verbreitung lediglich durch die mündlichen Erzählungen derjenigen, die Trisha Donnellys Aktion miterlebt haben.

Trisha Donnelly lässt uns mit ihren Arbeiten in unserer Imagination über das, was wir auf den ersten Blick zu erkennen glauben, hinaus gehen. So ergibt sich ein stetiges Wechselspiel zwischen physikalischem und imaginiertem Raum, zwischen Realität und Fiktion. Sie wirft uns damit auf die profunde Frage zurück, worüber wir uns eigentlich sicher sein können – worauf wir unsere Existenz begründen. Dies schafft sie auf eine mitreißende Weise, die in ihrer Stärke und Bedingungslosigkeit einzigartig ist.

Für ihre erste große Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein hat Trisha Donnelly neue Arbeiten produziert, die sie in einer eigens entworfenen Ausstellungsarchitektur präsentiert. Die ausgestellten Zeichnungen, Filmaufnahmen, Soundarbeiten und Fotografien sind fast ausschließlich während ihres halbjährigen Aufenthaltes in Köln entstanden und resultieren auch aus ihrer Beschäftigung mit dem Ausstellungsort, seiner Geschichte und Bedeutung.


For the fifth time, the CENTRAL Health Insurance Company in cooperation with the Kölnischer Kunstverein awards the CENTRAL Art Prize for international artists. With the previous prize-winners Rirkrit Tiravanija (1996), Douglas Gordon (1998), Ernesto Neto (2000) and Florian Pumhösl (2002) the CENTRAL Art Prize has achieved an outstanding reputation within the fine arts scene, which is now continued with the nomination of Trisha Donnelly. Trisha Donnelly was nominated by an international jury consisting of Chen Y. Chaos, chief curator at the Millennium Art Museum in Peking, Hans Ulrich Obrist, curator at the Musée d´Art Modèrne de la Ville de Paris, and Beatix Ruf, director of the Kunsthalle Zürich. With the promotional prize amounting to Euro 75.000,- , in addition to its collection of contemporary art, the CENTRAL Health Insurance Company clearly signals its attention to the most recent trends in contemporary fine art, contributing to its development with active support. The CENTRAL Art Prize enables the prize-winner to spend half a year in Cologne to work on the realization of a new art project, which will be presented in summer 2005 in an exhibition at the Kölnischer Kunstverein.

In Trisha Donnelly’s work the ephemeral, the incidental often plays a special role. The basis for her work Rio from 1999, for instance, is a sunset. In this video work Trisha Donnelly stands sideways in relation to the camera, while a colored lamp behind her creates the impression of an artificially staged home-made sunset. A song is heard that was written to convey a sunset to a blind person. To the sound of this song with its Latino rhythms, Trisha Donnelly apparently begins to translate the lyrics of the song into sign language. One might think that she is communicating the atmosphere of the music to an imaginary deaf person, who is able to see the artificial sunset but not hear the song. Yet instead of translating the lyrics of the song word for word, she gives directions for finding the way to an idyllic location in the mountains of Rio de Janeiro. For the normal viewer who does not understand sign language, she hides this message, but still we are captivated by the way the light, the music and Trisha Donnelly’s gestures interweave into a kind of mystical dance that draws from a peaceful yet penetrating expression.

In comparison, some of her other works appear uncanny, almost foreboding. In Night is Coming (warning) from 2002, the statement “night is coming” that flashes again and again against a white background simply announces the coming of nightfall, reminding us of how time passes. Yet the constant, flickering repetition inevitably sparks the viewers’ imagination. It raises the question: “Do we fear the night or welcome it?” The impression can ultimately intensify to the point of an ominous portent.

Cezary Bodzianowski, In and Out

18.02. – 15.05.2005

Der polnische Künstler Cezary Bodzianowski, der erst kürzlich mit dem renommierten polnischen Kunstpreis (Polityka) ausgezeichnet wurde, ist ein ungewöhnlicher Künstler, der ausserhalb Osteuropas noch wenig bekannt ist. Ein Grund dafür liegt in der Widerständigkeit, mit der sich seine künstlerische Arbeit den Erwartungen wie auch Vereinnahmungs- und Kategorisierungstendenzen einer international zunehmend an den Gesetzmäßigkeiten des Kunstmarktes orientierten Ausstellungspraxis verweigert.

Diese Verweigerung findet ihren Ausdruck nicht nur in seiner Wahl der performativen Intervention als bevorzugtes künstlerisches Medium. Der Flüchtigkeit des gewählten Mediums entspricht auch die Flüchtigkeit der Aktionen bzw. der Situationen, die er damit schafft. Manche seiner Interventionen bleiben völlig unbemerkt, andere haben zufällige Beobachter, selten richten sie sich an ein Publikum, das sie – vorab informiert – erwartet und in einen Kunstkontext bringen kann. Die Grundregeln der Performance gelten für Bodzianowskis Arbeit nicht. Er hat keine Bedenken wegen der Dauer, keine Angst vor langen Passagen, kümmert sich nicht um das Publikum oder um ein möglichst aufsehenerregendes Finale. Die zahllosen Aktionen laufen fast ausschließlich vom Kunstbetrieb unbeobachtet ab und eben auch unabhängig von ihm, gleichsam als Ausdruck einer täglichen künstlerischen Notwendigkeit. Ihnen gemeinsam ist die absichtliche Beschränkung auf einfachste Mittel, die auch das spontane Reagieren auf Vorgefundenes ermöglicht. In „Good Morning“ (Lodz, 1997) etwa, hat der Künstler den Fahrer eines Kranwagens, auf den er um 7 Uhr morgens bei einem Spaziergang gestoßen war, überredet, ihn im Krankorb zu den Fenstern im 5. Stock eines Sozialbaus emporzuheben. Er klopfte an die Fenster, weckte so die Bewohner, grüßte sie und empfahl seine morgendlichen Grüße an die anderen Mitbewohner.

Besondere Beispiele für die poetisch-subversiven Interventionen wie auch für seine Skepsis gegenüber gängigen Ausstellungspraktiken finden sich in Beiträgen zu Ausstellungen, zu denen er eingeladen wurde. So hat sein Ausstellungs-beitrag in einer Galerie in Lublin 1997 darin bestanden, die Angestellten zu überreden, sich während der Öffnungszeiten in der Galerie einschliessen zu lassen, die Computer und die Telefone auszustecken und ihre Arbeit einzustellen. Während-dessen unternahm der Künstler einen ausgedehnten Spaziergang durch die sonnigen Straßen von Lublin. Ein anderes Mal (‚Nattahnam’, Galeria Manhattan, 1996) bestand der Ausstellungsbeitrag des Künstlers darin, einen Tag in der Wohnung über der Galerie gemeinsam mit der dort lebenden Familie zu verbringen und sich bestmöglich in ihren Alltag einzufügen.

Gemeinsam ist den Interventionen Cezary Bodzianowskis die Überwindung von ‚natürlichen’ Sinnzusammenhängen, wie sie Gewohnheit und Routine zwingend vorgeben. Die Behauptung alternativer Lesarten von scheinbar Gesichertem birgt dabei in einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis maßgeblich von der Eindeutigkeit und Zweifellosigkeit dessen getragen wird, worauf man sich allgemein als wahr geeinigt hat, subversives Potential in sich. Dieses subversive Potential wird zwar durch die große Poesie der Interventionen überlagert, schreibt sich aber dem kritischen Bewusstsein eben erst durch diese immanente poetische Bildhaftigkeit nachdrücklich und unauslöschlich ein.

Die meisten Interventionen und Aktionen Cezary Bodzianowskis hat seine Frau, die Fotografin Monika Chojnicka, mit einfachen Erinnerungsfotos dokumentiert. Als Teil der Ausstellung im Kunstverein wird erstmals eine Auswahl dieser Dokumentationen, die von großer poetischer und bildhafter Ausstrahlungskraft sind, zu sehen sein. Cezary Bodzianowski wird die Dokumentationen am Freitag, den 18.2. um 19.30 Uhr und am Samstag, den 19.2. um 18 Uhr in einer Performance kommentieren.

Cezary Bodzianowski, geboren 1968, lebt und arbeitet in Lodz, Polen.


The polish artist Cezary Bodzianowski, who has recently been distinguished with the renowned Polish Art Prize (Polityka), is an unusual artist, who is still too little known outside Eastern Europe. One reason for this lies in the resistiveness, with which his artistic work rejects the expectations and the tendencies to appropriate and categorize that are found in an international exhibition practice increasingly oriented to the laws of the art market.

This rejection is expressed not only in his choice of performative intervention as his preferred artistic medium. The transience of this chosen medium also corresponds to the transience of the actions or the situations that he creates in this way. Some of his interventions go completely unnoticed, others have chance observers; they are rarely directed to a – pre-informed- audience that expects them and can put them into an art context. The basic rules of performance do not apply to Bodzianowski’s work. He is not concerned with duration, has no fear of long passages, does not worry about the audience or a spectacular finale. The countless actions take place almost entirely unnoticed by the art business and independent from it, as a kind of expression of a daily artistic necessity. What they all share is the intentional limitation to the simplest means, which also makes it possible to spontaneously react to found situations. In “Good Morning” (Lodz, 1997), for instance, he came across a crane as he was taking a walk at seven in the morning and talked the driver into lifting him in the crane cage to the windows of the fifth floor of a tower block. He knocked on the windows, waking the residents, greeting them and leaving his regards to wish a good morning to all the other residents.

Special examples for his poetic, subversive interventions, as well as his skepticism with regard to conventional exhibition practices are found in contributions to exhibitions to which he has been invited. For his part in an exhibition in a gallery in Lublin in 1997, he persuaded the staff to lock themselves in the gallery during the opening hours of the exhibition, unplug the computers and telephones and stop working. In the meantime, the artist took a long walk through the sunny streets of Lublin. On another occasion (“Nattahnam”, Galeria Manhattan, 1996), the artist’s participation in the exhibition consisted of spending a day in the flat of the family living above the gallery and doing his best to fit into their everyday life.

What Cezary Bodzianowski’s interventions have in common is the way they overcome “natural” contexts of meaning, as they are compellingly set by habit and routine. The assertion of alternative readings of what is seemingly assured harbors a subversive potential in a society, whose self-understanding is substantially based on the unambiguousness and incontrovertibleness of what is generally agreed to be true. Although this subversive potential is overlaid with the great poeticalness of the interventions, it is specifically inscribed into critical awareness through this immanently poetic pictorialness lastingly and ineradicably.

Most of Cezary Bodzianowski’s interventions and actions have been documented by his wife, the photographer Monika Chojnicka, with simple remembrance photos. A selection of these documentations, which have a strong poetic and pictorial aura, will be shown for the first time as part of the exhibition at the Kölnischer Kunstverein. Cezary Bodzianowski will comment on the documentations in a performance on Friday, 18 February at 7.30 p.m. and on Saturday, 19 February at 6 p.m.

Cezary Bodzianowski, born 1968, lives and works in Lodz, Poland.

Die Grenze

Filmreihe von Thomas Arslan
11.02. – 27.02.2005

Vortrag von Thomas Arslan am 10. 02., 19 Uhr

In der Filmreihe „Die Grenze“ geht es um belagerte und umkämpfte Grenzen.
Ihre Überquerung stellt für die Unerwünschten ein lebensgefährliches Risiko dar. Auf der „anderen Seite“ werden diese Grenzen mit einem komplexen Militär- und Polizei-Apparat bewacht. Hier treffen verschiedene Projektionen aufeinander, die sich je nachdem von welcher Seite man blickt voneinander unterscheiden. Es begegnet sich die Angst vor der fremden, anderen Kultur, von deren „Armut“ und „Rückständigkeit“ überschwemmt zu werden und die Hoffnung und Sehnsucht nach einem besseren und menschenwürdigeren Leben.
Die Filmreihe zeigt Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Grenze und deren Effekten beschäftigen. In einigen der gezeigten Filme ist die Grenze bzw. die Grenzregion der Hauptschauplatz, in anderen ist sie weniger unmittelbar präsent, jedoch ein wichtiger Bezugspunkt.
Thomas Arslan (*1962), Filmemacher und Drehbuchautor, lebt und arbeitet in Berlin.

De l’autre côté (Chantal Akerman) B/F 2002, 103 min, OmeU
Der Film über die mexikanisch-US-amerikanische Grenze beginnt auf der mexikanischen Seite und schildert die Hoffnungen und die Verzweiflung der auf Einwanderung in die USA Hoffenden. Die Orte, die Chantal Akerman in ruhigen Schwenks und Fahrten zeigt, sind davon aufgeladen.

A City of Sadness (Hou Hsiao-hsien) Taiwan 1989, 157 min, OmdU
Die Geschichte einer taiwanesischen Familie, die in den Strudel der Ereignisse der Nachkriegszeit gerät. Der Film beginnt 1945 mit der Beendigung der japanischen Besatzung Taiwans und schildert die kurze Übergangszeit bis 1949, als das Land von der autoritären Politik des chinesischen Festlandes erneut unterdrückt wird.

Touch of Evil (Orson Welles) USA 1958, 111 min, OmdU
Ein Kriminalfilm, ein Spätwerk des „Film Noir“, ebenfalls an der mexikanisch-amerikanischen Grenze angesiedelt. Welles interessiert die Grenze weniger als konkreter politischer Ort, sondern als überhöhtes, moralisches Niemandsland, in dem alle Gewissheiten zu Staub zerfallen.

Loin (André Téchiné) F/E 2001, 120 min, OmdU
Der junge Serge pendelt als Lastwagenfahrer zwischen Frankreich, Spanien und Marokko. In Tanger kreuzen sich die Wege von Serge, Sarah und Said. „Loin“ entfaltet ein Geflecht von Wünschen und Träumen, in dem das Private und die konkreten politischen Bedingungen miteinander verwoben sind.

Border Incident (Anthony Mann) USA 1949, 94 min, OF
Eine der frühen Arbeiten Anthony Manns. Zwei amerikanische Undercoveragenten schleusen sich in einen Schlepperring ein, der zwischen der amerikanisch-mexikanischen Grenze operiert.

Scarface (Brian De Palma) USA 1983, 170 min, DF
Al Pacino spielt den kubanischen Einwanderer Tony Montana, für den außer dem Elend nichts in den USA vorgesehen ist. „The world is yours“. Dieses Reklame-Versprechen des „American way of life“ macht er sich mit bedingungsloser Übererfüllung zu Eigen.

Zeit der trunkenen Pferde (Bahman Ghobadi) Iran 2000, 79 min, OmdU
Der mit Laiendarstellern gedrehte Spielfilm schildert mit naturalistischer Wucht die harte Existenz von fünf verwaisten Geschwistern im Norden des iranischen Teils von Kurdistan. Vom durch Grenzschmuggel verdienten Geld soll eine lebensrettende Operation für das älteste, behinderte Geschwisterkind Madi bezahlt werden. Für diese Operation muss Madi das Unmögliche gelingen: auf die andere Seite der Grenze zu gelangen.

Allemagne, année 90 neuf zéro (Jean-Luc Godard) F 1991, 62 min, dt./frz. OF
Eine Auftragsarbeit für das Fernsehen über das Thema Einsamkeit. Godard entschied sich für einen Film über die Einsamkeit eines Staates. Nach dem Verschwinden der deutsch-deutschen Grenze irrt der alt gewordene Agent Lemmy Caution durch das ehemalige Gebiet der DDR und nähert sich dem Westen. Spuren der deutschen Geschichte säumen seinen Weg.


Film Series by Thomas Arslan

The film series “The Border” deals with besieged and disputed borders. For those who are unwelcome, crossing it represents a life-threatening risk. On the “other side” these borders are guarded with a complex military and police apparatus. This is where projections meet, which differ from one another depending on which side one is looking from. Here a fear of what is foreign, of other cultures, of being overwhelmed by their “poverty” and their “backwardness” meets the hope and the longing for a better life more in keeping with human dignity.

The film series shows works that deal with the border and its effects in different ways. In some of the films the border or border region is the main setting; in others it is less immediately present, but still an important point of reference.

Thomas Arslan (*1962), filmmaker and screenwriter, lives and works in Berlin.
De l’autre côté (Chantal Akerman) B/F 2002, 103 min, original version with Engl. subtitles
The film about the Mexican-US American border begins on the Mexican side and describes the hopes and desperation of those hoping to immigrate to the USA. The locations that Chantal Ackermann shows in tranquil pans and tracks are charged with this.

A City of Sadness (Hou Hsiao-hsien) Taiwan 1989, 157 min, original version with German subtitles
The story of a Taiwanese family caught up in the whirl of events in the post-war era. The film begins in 1945 with the end of Japanese occupation and depicts the brief transitional period until 1949, when the country is oppressed again by the authoritarian politics of mainland China.

Touch of Evil (Orson Welles) USA 1958, 111 min, original version with German subtitles
A crime film, a late “film noir” work, which is also located at the Mexican-American border. Welles is less interested in the border as a concrete political site, but more as an exaggerated, moral no-man’s-land, where all certainties crumble into dust.

Loin (André Téchiné) F/E 2001, 120 min, original version with German subtitles
Young Serge travels back and forth between France, Spain and Morocco as a truck driver. In Tangier Serge, Sarah and Said cross paths. “Loin” unfolds a fabric of wishes and dreams, in which the private sphere and the concrete political conditions are mutually interwoven.

Border Incident (Anthony Mann) USA 1949, 94 min, original version
One of Anthony Mann’s early works. Two American undercover agents infiltrate a ring of human smugglers operating between the American-Mexican border.

Scarface (Brian De Palma) USA 1983, 170 min, German synchronized version
Al Pacino plays the Cuban immigrant Tony Montana, for whom there is nothing in the USA except misery. “The world is yours.” He takes this advertising slogan promising the “American way of life” and makes it his own with a vengeance.

Zeit der trunkenen Pferde (Bahman Ghobadi) Iran 2000, 79 min, original version with German subtitles
This feature film shot with amateur actors depicts with naturalistic force the rough existence of five orphans in the north of the Iranian part of Kurdistan. A life-saving operation for the eldest, handicapped orphan Madi is to be paid for with money earned by smuggling across the border. For this operation Madi has to achieve the impossible: to reach the other side of the border.

Allemagne, année 90 neuf zéro (Jean-Luc Godard) F 1991, 62 min, Ger./Fr. original version
A commissioned work for television on the theme of loneliness. Godard decided to make a film about the loneliness of a state. After the disappearance of the German-German border, the aged agent Lemmy Caution wanders through the former GDR territory and approaches the west. His path is strewn with traces of German history.

Cosima von Bonin, 2 Positionen auf einmal

30.10.2004 – 16.01.2005

2 Positionen auf einmal nennt Cosima von Bonin ihre Ausstellung im Kölnischen Kunstverein – ihre erste große Einzelausstellung in einer Kölner Kunstinstitution. 2 Positionen auf einmal sind eigentlich 300 Positionen oder mehr: Die Ausstellung vereint gleichwertig Installationen, Bilder, Objekte, Performances und Filme, handelt von einer Vielzahl von Geschichten und sozialen Beziehungen zu anderen Künstlern und Musikern, von individuellen Erinnerungen und der Absage an die Idee des vereinzelten Künstlersubjekts.

Gemeinsam mit Freunden hat Cosima von Bonin während des Ausstellungsaufbaus einen von ihr entworfenen objektartigen Raum als Set für Performances und Fotoshootings verwendet. Diesen Spielort hat die Künstlerin als einen Holzcontainer und seltsam anmutendes Behältnis für Wohnwelten konzipiert, in dem während einer Performance Menschen mit Tiermasken, ihre Hunde, ein mit Stoff ummantelter Katamaran und eine Gruppe junger Menschen in improvisierten aber auch in vorher festgelegten Szenen miteinander verwickelt wurden. Alle Akteure tragen von Kazu Huggler entworfene Mode aus der kommenden Frühjahr-/Sommerkollektion chidori. Die Musik stammt von der Gruppe Phanom/Ghost (Dirk von Lowtzow und Thies Mynther).
Durch die performative Inszenierung hat der Ort eine narrative Aufladung erfahren, obwohl die Spuren der Akteure nach der Performance dem Besucher wie weggewischt erscheinen. Entstanden ist daraus ein Film, der in der Ausstellung gezeigt wird und die Vorgänge der Performance neu miteinander vereint.

Wie Anspielungen funktionieren auch die Bilder und Arbeiten im anderen Ausstellungsraum, die einen umfassenden Einblick in Cosima von Bonins Arbeitsweise der letzten Jahre geben. Es scheint als wären auch sie Teile einer Handlung und erzählten von verschiedenen individuellen und kollektiven Geschichten. Zugleich beanspruchen die einzelnen Objekte aber auch ihre Autonomie durch ihre aus dem Zusammenhang der Installation losgelösten starken bildnerischen Qualitäten. Es entstehen modellhafte, poetische Räume, voller Verweise und komplexen Beziehungssystemen aus Erinnerungen und Assoziationen, die Cosima von Bonin im Kölnischen Kunstverein konstruiert und in denen auch ihr eigener sozialer Rahmen zum Gegenstand der Kunst wird.

In der Ausstellung beteiligt sind neben der Züricher Modedesignerin Kazu Huggler und der Musikgruppe Phantom/Ghost weitere Künstlerfreunde von Cosima von Bonin, wie Ulla von Brandenburg, Nina Braun, Julia Horstmann, Tellervo Kalleinen, Annette Kelm, Almut Middel, Thomas Ritter, Roman Schramm, Hanna Schwarz, Dejan Mujicic, Jörg Schlürscheid, Akiko Bernhöft, Manfred Hermes und Da Group.

Im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint ein von Cosima von Bonin und Yvonne Quirmbach gestalteter Katalog. In einer losen Abfolge von Szenen dokumentiert er in zahlreichen großformatigen Abbildungen die Installation und Performance, die während des Ausstellungsaufbaus stattgefunden hat. Die Abbildungen werden von einem Text von Manfred Hermes begleitet. Der Katalog mit ca. 140 Seiten, erscheint in deutscher und englischer Sprache und umfasst ca. 200 Farbabbildungen.

Während der Ausstellung zeigt das Kölner Modegeschäft „Heimat“ Filme von Pariser Modeschauen im Kino in der „Brücke“. Zu sehen sein wird „die Quintessenz der Mode, jenseits der üblichen Catwalks. Zehn Designer, zehn Shows. In ungekürzter Form und sonst nur einem Fachpublikum vorbehalten…“ (Andy Scherpereel und Andreas Hoyer).

Fresh Aufhebung

Künstlerisches Interesse am philosophisch verneinten Wunderglauben
Filmreihe, zusammengestellt von Jutta Koether
02.09. – 16.10.2004

Aufführung/Vortrag von Jutta Koether am 02.09.2004, 19 Uhr

„Mit dieser Filmreihe soll eine spezielle Idee von „Kunstfilm“ gezeigt und das Thema Film und Métissage auf den Film selbst bezogen werden. Filme, die nicht nur auf einer Idee basieren, sondern ein Gewebe aus Filmideen, aus Genres, ja selbst fast unklassifizierbare Artekfakte sind; diese “gemischten Existenzen”, Mixturen, in denen man überlappende PornokultUndergroundHorrorDokuSpielDrogenkulturCrimestories etc. finden kann, thematisieren hier in sehr unterschiedlicher Weise selbst die eigene Hybridität.

Métissage wird hier aufgefasst als die daraus resultierend entstehenden „Kulturen zwischen den Kulturen“, die Gefühle der Destabilisation, die Auflösung von Zugehörigkeiten, als Verschwimmung und als Neuentstehung einer Kunst als Zwischenwelt, in der Verlust auch als befreiend erfahren werden kann. Es gibt Äußerungen von Formen der Nicht-Erkenntnis, die genau aus diesen Zwischenwelten kommen. Es gibt gebrochenen Okkultismus. Es gibt ein Aggressionspotenzial, das einigen innewohnt. Oder Kultstrukturen. Filme, die jenseits von Kategorien wie Spiel oder Autorenfilm etc. liegen, jedoch teilweise von einer Praxis gedeckt/angereichert sind. Jedenfalls vermischt sich auch Persönlichstes mit dem sehr Allgemeinen.

Etwas, das Selbstaufhebung verursacht. Sich in der Auflösung selbst, in dem Zwischenraum nicht einzurichten oder als die andere Nische zu begreifen, sondern sich genau da selbst wiederum aufs Spiel zu setzen, das ist „Aufhebung der Aufhebung“.
Oder aber: „Fresh Aufhebung“, ein Prozess, ein künstlerisches Interesse am philosophisch verneinten Wunderglauben. Etwas teilt sich unabsichtlich in seinen Werken mit. Psychoästhetische Effekte werden dabei deutlich. Die Vermischung der Effekte, eine Filmreihe als lebendige Bühne, in der das „Nicht Aufgehoben Sein“ gezeigt und auf ganz unterschiedliche Weisen Selbst-Hybridisierungen, produktives Verneinen der eigenen Art/des Genres, betrieben wird.

Ich betrachte solche Vorgänge als Vertiefungen der praktischen-politischen Geheimnisse der künstlerischen Arbeit, als Rituale, aus denen künstlerisches Handeln entstehen kann. Jeder Film ist sein eigenes Dasein auf Bewährung, hat seine eigene Tragik und Parodie, seine lebendigen augenblicklichen Offenbarungen des Unerforschlichen.“ (Jutta Koether)

Jutta Koether ist Künstlerin und lebt und arbeitet in New York und Köln.

Colloque de Chiens, Paúl Ruiz
Hypothèse du tableau volé, Paúl Ruiz, F 1978, 88 min
Begonnen als Dokumentarfilm über den Schriftsteller und Maler Pierre Klossowski, wurde daraus bei Ruiz schnell ein faszinierender Spielfilmessay. Ein Kunstsammler führt durch seine phantastische Sammlung mit „lebenden Bildern“, in der es ein geheimnisvolles fehlendes Bild gibt. Einer der wichtigsten französischen Filme der 70er Jahre.

Performance, Donald Cammel, Nicholas Roeg, GB 1970, 105 min
Die Geschichte eines gehetzten Gangsters, der sich bei dem Rockstar Turner (Mick Jagger) versteckt, sich in dessen hedonistischer Welt aus Bisexualität und Transzendenz verliert und am Ende mit ihm die Persönlichkeit zu tauschen scheint.

The Man We Want to Hang, Kenneth Anger, USA 2002, Kurzfilm

Paganini, Klaus Kinski, I 1989, 82 min
Das Portrait des italienischen „Teufelsgeigers“ Nicolo Paganini (Klaus Kinski), dessen virtuoses Geigenspiel die Zuhörer in Ekstase versetzen konnte. Den Rahmen des Filmes bildet ein spektakuläres Konzert in dem Paganini Vergangenheit und Zukunft zugleich erlebt.

Trouble Every Day, Claire Denis, F/D/J 2001, 97 min
Claire Denis setzt mit ihrem Horrorthriller um Liebe und Verlangen blutige sadistische Tendenzen. Auf den Filmfestspielen in Cannes 2001 lief „Trouble Every Day“ außer Konkurrenz und auch ansonsten scheint er sich gegen das „Normale“ durchzusetzen, indem er dies realistisch phantastisch und damit außergewöhnlich selbstreflexiv zum Thema macht.

Dead Man, Jim Jarmusch, USA 1995, 116 min
Eine Mischung aus Western und Film noir. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern wird man Zeuge der Wandlung vom linkischen Buchmacher (Jonny Depp) zur Western-Legende.

Woton’s Wake, Brian de Palma, USA 1962

The Responsive Eye, Brian de Palma, USA 1966

Dionysus in 69, Brian de Palma, USA 1970

Medea, Lars von Trier, DK 1979, 77 min
Lars von Triers TV-Adaption eines unverfilmten Drehbuchs des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyers. Eine atmosphärische und bildgewaltige Konzeption der klassischen griechischen Tragödie, in der die von ihrem Gatten Jason betrogene Medea auf blutige Rache sinnt.

Andy Warhol TV Show, USA 1979


„This film series is designed to showcase a special notion of ‘art film’ and apply the topic of film and métissage to the film itself. The selected films are not merely based on a single idea, but are a fabric of cinematic ideas and genres—indeed, the films are themselves nearly unclassifiable artefacts. These ‘blended existences’—mixtures in which one can find overlapping Pornocult/Underground/Horror/ DocuDrama/Drugculture/CrimeStories, and so on—address their own hybrid nature in very different ways.

Métissage is interpreted here as the ‘cultures between cultures’ which result in this context—the feelings of destabilization and the dissolution of affiliations. It is the blurring and new formation of an art form as a world between worlds, in which loss can also be experienced as liberating. There are expressions of forms of non-insight that come precisely from these intermediate worlds. There is fractured occultism. There is a potential for aggression inherent in some of the films. Or cult structures. These films inhabit an area beyond such categories as ‘feature’ or ‘auteur’ film, yet in some cases, they are marked and enriched by practical experience. In any case, the most personal subject matter intermingles with the extremely general.

Something that causes the Aufhebung (denial) of self. To not become part of the dissolution—not to inhabit the space inbetween or to consider oneself to be the other niche, but to put oneself on the line precisely there—that is the ‘Aufhebung der Aufhebung’ (denial of denial). In other words: ‘Fresh Aufhebung’—a process, an artistic interest in the philosophically negated belief in miracles. Something is communicated unintentionally in the works of this series. Psychoaesthetic effects become clear in the process. There is a mixing of effects. The film series becomes a living stage on which ‘not being denied’ is presented, and self-hybridization—a productive negation of one’s own nature and genre—is performed in very different ways.

I consider such events to be a reinforcement of the practical-political mysteries of artistic work, as rituals from which artistic action can arise. Each film is its own existence on probation; each has its own unique elements of tragedy and parody, and its own vivid, momentary revelations of the inexplorable.“ (Jutta Koether)

The artist Jutta Koether lives and works in New York and Cologne.

Colloque de Chiens
Hypothèse du tableau volé, Raúl Ruiz, F 1978, 88 min.
Ruiz’s film began as a documentary about the writer and painter Pierre Klossowski, but quickly turned into a fascinating feature film essay. In the film, an art collector conducts a tour of his fantastic collection of “living pictures.” One mysterious picture is missing. This is considered one of the most significant French films of the 1970s.

Performance, Donald Cammel, Nicholas Roeg, GB 1970, 105 min.
The story of a wanted gangster who hides out with the rock star Turner (Mick Jagger) and loses himself in Turner’s hedonistic world of bisexuality and transcendence. He eventually seems to exchange personalities with the musician.

The Man We Want to Hang, Kenneth Anger, USA 2002, Short film

Paganini, Klaus Kinski, I 1989, 82 min.
A portrait of the legendary “Devil’s violinist” from Italy, Nicolo Paganini (Klaus Kinski), who drove audiences wild with his virtuoso performances. The framework of the film is a spectacular concert during which Paganini simultaneously experiences the past and the future.
Trouble Every Day, Claire Denis, F/GER/JAPAN 2001, 97 min.
Claire Denis’s horror thriller of love and desire displays bloody, sadistic tendencies. The film stood apart when it was shown at the Cannes Film Festival in 2001. There and elsewhere, “Trouble Every Day” has distinguished itself from the “normal” by making normality itself its subject in a realistic, fantastic, and thus extraordinarily self-reflexive fashion.

Dead Man, Jim Jarmusch, USA 1995, 116 min.
This film combines aspects of the western with film noir. In expressive black-and-white images, the viewer witnesses a man’s transformation from clumsy bookkeeper (Johnny Depp) to western hero.

Woton’s Wake, Brian de Palma, USA 1962

The Responsive Eye, Brian de Palma, USA 1966

Dionysus in 69, Brian de Palma, USA 1970

Medea, Lars von Trier, DK 1979, 77 min.
Lars von Trier based his television adaptation on an unfilmed screenplay by Danish director Carl Theodor Dreyer. It is an atmospheric and powerfully visual version of the classic Greek tragedy, in which Medea seeks bloody revenge for betrayal by her husband Jason.

Andy Warhol TV Show, USA 1979

Deutschland sucht

17.07. – 19.09.2004

KünstlerInnen: Nevin Aladag, Thomas Bayrle, Henning Bohl, Heike Bollig, Ulla von Brandenburg, Andreas Brehmer/Sirko Knüpfer, Michael Buthe, Helmut Dorner, Jeanne Faust, Julika Gittner, Asta Gröting, Niels Hanisch, Myriam Holme, Viola Klein, Seb Koberstädt, Michael Krebber, Svenja Kreh, Kalin Lindena, Daniel Megerle, Anna Kerstin Otto, Manfred Pernice, Marion Porten, Mandla Reuter, Evelyn Richter, Eske Schlüters, Stafeta, Lee Thomas Taylor, Stefanie Trojan, Danh Vo, Gabriel Vormstein, Clemens von Wedemeyer, Herwig Weiser, Tobias Zielony, Zupfgeigenproduktion.

Ausgewählt von: Ariane Beyn (Berlin), Anja Dorn (Köln), Peter Gorschlüter (Düsseldorf), Iris Kadel (Karlsruhe), Chistiane Mennicke (Dresden), Nina Möntmann (Hamburg), Vanessa Joan Müller (Frankfurt am Main), Julia Schäfer (Leipzig), Judith Schwarzbart (München)

Die Ausstellung „Deutschland sucht“ will einen Einblick in gegenwärtige Tendenzen junger Kunst in Deutschland geben und sich dabei kritisch mit dem Format der Überblicksausstellung auseinandersetzen. Mit der Absicht einen möglichst weiten und offenen Rahmen zu schaffen, sind KuratorInnen aus verschiedenen Regionen Deutschlands eingeladen worden, jeweils drei junge Künstler zu benennen, die in der Kunstöffentlichkeit wenig bekannt oder noch nicht etabliert sind, deren Arbeiten jedoch als signifikant für aktuelle Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst bezeichnet werden können. Die KuratorInnen haben darüber hinaus jeweils eine etablierte Position als (historische und/oder künstlerische) Referenz vorgeschlagen, die zu einer Klärung der gewählten Zugänge beitragen kann. Die konzeptuelle Offenheit der Ausstellung, der Generationen übergreifende Ansatz sowie das Fehlen jeglicher ausschließenden thematischen Festlegung lassen die Berücksichtigung unterschiedlicher künstlerischer Positionen zu, deren gemeinsame Ausstellung eine Diskussion von Übereinstimmungen und Differenzen ermöglichen soll.

Der Ausstellungstitel „Deutschland sucht“ verweist auf die politische und gesellschaftliche Gegenwart Deutschlands und will den Kontext aufzeigen, in dem zurzeit in Deutschland Kunst entsteht bzw. entstanden ist. Nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch mental scheint Deutschland gegenwärtig auf der Suche nach seiner Rolle in einer sich grundlegend verändernden Welt. Diese Identitätssuche spiegelt sich derzeit auch verstärkt in diversen Fernsehsendungen, Zeitungskommentaren und Diskussionen wider. Vor diesem Hintergrund stellt „Deutschland sucht“ die Frage, ob sich neue Entwicklungen, Themen und Arbeitsweisen in der aktuellen Kunstproduktion in Deutschland abzeichnen und wie diese von einer Generation jüngerer KuratorInnen wahrgenommen werden.

Gezeigt werden 40 künstlerische Positionen, die sich sowohl aus verschiedenen Medien wie Malerei, Installation, Film, Fotografie und Objekt, als auch aus sehr unterschiedlichen inhaltlichen und konzeptuellen Überlegungen entwickeln.

Die Ausstellung wurde von Jens Hoffmann (Director of Exhibitions ICA, London) und Kathrin Rhomberg (Kölnischer Kunstverein) konzipiert.

„Deutschland sucht“ wurde durch die großzügige Unterstützung der Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG Iserlohn ermöglicht. Seit 1996 dokumentiert Dornbracht, international agierender Hersteller von Design-Armaturen, -Accessoires und Interiors, regelmäßig sein Selbstverständnis als Unternehmen mit kultureller Kompetenz. Das Kulturengagement gliedert sich in drei Bereiche: Die limitierten Statements Ausgaben versammeln vielschichtige Interpretationen von Badritualen und Badkultur und bieten den beteiligten Künstlern ein internationales Forum. Die Arbeiten werden in wechselnder medialer Form dokumentiert und international in Ausstellungen und Galerien präsentiert. Im Rahmen der Dornbracht Installation Projekts, einer jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe, die künstlerische Positionen im Bereich Installation präsentiert, startete 2000 die Kooperation mit dem Kölnischen Kunstverein. Mit dem Dornbracht Sponsorship fördert das mittelständische Unternehmen darüber hinaus internationale Ausstellungen und Projekte und reiht sich mit finanziellem und personellem Engagement ein in die Riege internationaler Kunstförderer. So sponserte Dornbracht 1999 und 2001 den deutschen Pavillon anlässlich der Biennale von Venedig.


The exhibition “Germany is searching” intends to provide an insight into current tendencies of new art in Germany.
With the aim of creating the widest possible open framework, nine curators from different regions of Germany were each invited to nominate three young artists. These should be little known or not yet established in the art scene, yet their work should be significant to current developments in contemporary art.
In addition the curators each proposed an established artist to provide a historical or artistic reference, who could contribute to a clarification of the works chosen.
The conceptual openness of the exhibition, the approach which spans generations, as well as the absence of any excluding thematic stipulation, allows a variety of work to be considered. Being exhibited together makes possible a discussion about consensus and differences.

The exhibition title “Germany is searching” refers to political and social present-day Germany, and intends to reveal the context from which German art is emerging or has emerged. Not only economically and politically, but also mentally, Germany seems at the moment to be searching for its role in a fundamentally changed world.
This search for identity is at present increasingly reflected in various television programms, newspaper commentaries and discussions. Against this background “Germany is searching” poses the question whether new developments, themes and methods of works are becoming apparent in the production of contemporary art in Germany, and how these are perceived by a generation of young curators.
The work of 40 artists will be shown, which as well as using a variety of media like painting, installation, film, photography and objects, develop extremely different ideas in form and concept.

The exhibition was conceived by Jens Hoffmann (Director of Exhibitions ICA,London) and Kathrin Rhomberg (Kölnischer Kunstverein).

“Germany is searching” has been made possible by the generous support of Aloys F.Dornbracht GmbH & Co .KG Iserlohn.
Dornbracht, internationally active as a producer of designer bathroom fittings, accessories and interiors, has since 1996 regularly documented its image as a concern with cultural competence. Its commitment to culture falls into three categories: the Limited Statements Edition assembles many-sided interpretations of bathing rituals and bath culture and offers an international forum to the participating artists. The works are documented in variable medial forms, and presented internationally in exhibitions and galleries. Co-operation with the Kölnischen Kunstverein started in 2000, within the framework of the Dombracht Installation Projects, an annual exhibition series, which presents artists active in the field of installation . With Dombracht Sponsorship the medium-sized company also supports international exhibitions and projects, and with its financial and personal commitment is recognised as one of the group of international art sponsors. In 1999 and 2001 Dombracht sponsored the German Pavilion at the Venice Biennial.

Blut ohne Boden – Boden ohne Blut

Eine Filmreihe zu einem anderen Migrationsbegriff, zusammengestellt von Slavoj Žižek.
11.06. – 03.07.2004

Eröffnungsvortrag von Slavoj Žižek am 09.06.2004, 19 Uhr

»Mit dem Judentum entsteht ein radikal neues Gesellschaftsverständnis, nämlich von einer Gesellschaft, die nicht mehr auf einer Teilhabe an gemeinsamen Wurzeln gründet: »Jedes Wort ist eine Entwurzelung. Die Konstituierung einer realen Gesellschaft ist eine Entwurzelung – das Ende einer Existenz, in der das »Zuhausesein« absolut ist und alles aus dem Inneren kommt. Heidentum schlägt Wurzeln [...] Heidentum ist der örtliche Geist: Nationalismus in Hinsicht auf seine Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit [...] Eine Menschheit mit Wurzeln, die Gott inwendig, mit dem aus der Erde aufsteigenden Saft besitzt, ist ein Urwald oder eine vormenschliche Menschheit.« (Emmanuel Levinas)

Der auf diese Sicht gegründete Gegensatz – »gutes« nomadisches, wanderndes, »deterritorialisiertes« Subjekt versus »böses«, auf seine ethnisch-religiös-sexuelle Identität festgelegtes Subjekt – beherrscht unsere ideologische Sphäre. Doch die Hauptbotschaft unserer spätkapitalistischen Erfahrung besagt, dass wir solchen Koordinaten nicht einfach trauen dürfen. Denn erstlich und zuvorderst ist eine radikale »Deterritorialisierung« von Subjektivität, in der selbst die innersten Kennzeichen unserer Identität »in dünne Luft aufgehen« (Marx), das elementare Merkmal des heutigen globalen Kapitalismus, der sich vollends die Logik des ziellosen Überschusses zu eigen gemacht hat.

Dieser Sachverhalt nötigt uns, die modische Feier der nomadischen oder »hybriden« Subjektivität in Frage zu stellen: Einen armen Bauern, der aufgrund eines lokalen ethnischen Krieges oder einer verheerenden Wirtschaftskrise zur Emigration gezwungen ist, mit demselben Begriff zu belegen wie einen Angehörigen der »symbolischen Klasse« (Akademiker, Journalist, Künstler, Kunstmanager), der ständig zwischen Kulturhauptstädten hin- und herreist, läuft auf dieselbe Obszönität hinaus wie die Gleichsetzung von Hungersnot und Schlankheitsdiät. Unsere erste ethisch-politische Pflicht besteht folglich darin, die Themen komplexer anzugehen und den Begriff der »Migration« einer Art Spektralanalyse zu unterziehen, in der wir zwischen gegensätzlichen, von emanzipativen bis zu versklavenden Tendenzen zu unterscheiden haben.

Slavoj Žižek (*1949) Psychoanalytiker, Philosoph und Kulturkritiker, lebt und arbeitet in Ljubljana.

Lamerica (Gianni Amelio) I 1994, 115 min, DF
Der Film schlechthin zur Abwanderungskrise, der auf die Auflösung des Real Existierenden Sozialismus folgte: In einer Art Benjaminschen Dialektik im Suspens überlappt sich die heutige Sehnsucht nach dem gelobten Land Italien mit der italienischen Sehnsucht nach Amerika.

Sansho Dayú (Kenji Mizoguchi) J 1954, 119 min, OmdU
Diese im mittelalterlichen Japan angesiedelte Geschichte von einer durch den Krieg auseinandergerissenen Adelsfamilie und von der wechselseitigen Sehnsucht zwischen Sohn und Mutter ist ein Melodram im erhabensten und edelsten Sinn des Worts: die Geschichte einer absoluten Familienbindung, die alle Verwerfungen und Trennungen überdauert.

Watch on the Rhine (Herman Shumlin) USA 1943, 114 min, OF
Die radikalste Auseinandersetzung Hollywoods mit den Grenzen des liberalen Humanitarismus: Vor dem Hintergrund des Nazismus nimmt eine liberale amerikanische Familie großherzig entfernte Verwandte aus Europa auf, sieht sich dann aber zu dem weitaus radikaleren Schritt gezwungen, sich an einem notwendigen Töten zu beteiligen.

Das blaue Licht (Leni Riefenstahl) D 1932, 72 min, OF
Ist Junta, das einzelgängerische wilde Bergmädchen, nicht eine Verfemte, die fast einem von den Dorfbewohnern angezettelten Pogrom zum Opfer fällt – einem Pogrom, das uns an die antisemitischen Pogrome erinnern muss? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Riefenstahls damaliger Liebhaber Bela Balasy, der das Drehbuch mitverfasste, Marxist war.

Viaggio in Italia (Roberto Rossellini) I 1953, 82 min, OmdU
Die Ruinen aus Italiens Vergangenheit bilden den Hintergrund für ein reiches amerikanisches Paar in der Ehekrise: Dabei behalten sie ihre tiefe Zweideutigkeit, sodass die stoffliche Präsenz der Ruinen ständig ihre »offenkundige« metaphorische Bedeutung (als Symbol für die ruinierte Beziehung des Paares) untergräbt.

Das Schweigen (Ingmar Bergman) S 1963, 91 min, DF
Bergmans wahres Meisterwerk: die Eisenbahnreise zweier Schwestern und eines kleinen Sohns, mit Aufenthalt in einem nicht näher beschriebenen osteuropäischen Land, dessen Atmosphäre sinnlichen Zerfalls und sexueller Verderbtheit eine perfekte »objektive Entsprechung« zum Unbehagen am modernen Leben bietet.

Hiroshima mon amour (Alain Resnais) F/J 1959, 89 min, OmeU
Die Liebesgeschichte eines aus seinen Lebenszusammenhängen gerissenen Paares im Hiroshima der 50er Jahre (eine Französin, auf der Flucht vor dem Trauma ihres deutschen Soldatenliebhabers, ein vom Trauma Hiroshimas gezeichneter Japaner) entfaltet das Axiom der Liebe als magisches Geschehen, das selbst die verheerendsten historischen Traumata überwindet.

Der siebte Kontinent (Michael Haneke) A 1989, 107 min, OF
Ist die letzthaftige »Migration« nicht die Reise in den Tod selbst? Haneke inszeniert dies umweglos als die geplante Reise einer Familie, deren Mitglieder entscheiden, gemeinsam Selbstmord zu begehen: kein Pathos, einfach eine kühle rationale Umsetzung des Beschlusses.

Roman Ondak, Spirit and Opportunity

01.05. – 27.06.2004

„Als Zeichen Ihrer Solidarität mit den jüngsten Ereignissen in der Welt, bitten wir Sie, die Tätigkeit, die Sie gerade ausüben, für die nächste Minute nicht zu unterbrechen.“

Beim Besuch einer Gruppenausstellung hörten Museumsbesucher diese Mitteilung in regelmäßigen Abständen. Offensichtlich hatte ein Museumswärter sein Radio auf einen Sender gestellt, dessen Sprecher mit osteuropäischem Akzent den Satz von Roman Ondák wiederholt in die aktuellen Nachrichten eingeflochten hat.

Den Museumsbesuchern erschien die Mitteilung mit dem Titel „Announcement“ (2002) wie eine plötzliche Unterbrechung des Museumsalltags. Sie wurde als Aufforderung verstanden, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten und durch diesen performativen Akt selbst Teil der Ausstellung zu werden. Dieses Spiel mit Bedeutung, Kontext und Imagination ist eines der zentralen Momente in Ondáks künstlerischem Denken.
Roman Ondák entwickelt dabei eine große Intimität zu Menschen, die als Betrachter oder Akteure an ihnen beteiligt sind.

Für „Antinomads“ (2000) hat Roman Ondák Freunde, Verwandte und Bekannte, die nicht reisen wollen, in ihrer privaten Umgebung fotografiert. Diese Aufnahmen wurden als Postkarten vervielfältigt und in Ausstellungen zur freien Entnahme angeboten. Wie alle anderen Postkarten auch, wurden sie von Touristen erworben und in die ganze Welt versendet. Die „Antinomads“ wurden damit auf paradoxe Weise zu Weltreisenden, indem Ondák dem zeitlichen und örtlichen Stillstand eine neue Handlungsoption entgegensetzt, die beides in sich vereint, Ortsverbundenheit und Mobilität.

Als ein genauer Beobachter unserer Realität hält Ondák seine alltäglichen Wahrnehmungen in Form von Zeichnungen und Notizen fest, aus denen er seine künstlerischen Interventionen entwickelt, die durch Kontextverschiebungen und poetisch anmutende Inszenierungen in die reale Welt zurückwirken. Mittels eines ständigen und widersprüchlichen Transfers von Bedeutungen, dem Einführen unerwartet Handelnder in einen mit Erwartungen voll geschriebenen Ort oder der Wiederholung desselben Bildes in verschiedenen Medien setzt er unserem gewohnten Gleichgewicht von Wahrnehmungsprozessen ein empfindlich störendes Gegengewicht hinzu und entlarvt dadurch unsere mühsam austarierte Balance kollektiver Konstruktionsprozesse von Inhalt, Bedeutung und den damit verknüpften Emotionen. Roman Ondák arbeitet dabei mit unterschiedlichsten künstlerischen Medien, wie Zeichnung, Performance, Skulptur oder Installation.

Für seine Ausstellung im Kölnischen Kunstverein – Roman Ondáks erster großer Einzelausstellung – entwickelt er eine skulpturale In-situ-Arbeit. Auch hier entsteht ein Erfahrungsraum voll von Verschiebungen, Schwellen und unerwarteten Ausblicken. Er stellt der Wirklichkeit seinen eigenen Gegenentwurf einer Welt gegenüber, der zum poetisch anmutenden Schauplatz geheimer, unvorhersehbarer, zufälliger Verhaltensweisen und kollektiver Sehnsüchte wird. Der Ausstellungsraum nimmt die Materialität eines Raumobjekts an, das wie ein Fremdkörper in die Wirklichkeit hineingeschoben wirkt, gleichzeitig aber untrennbar von ihr ist.

Erstmalig erscheint zur Ausstellung eine umfassende monografische Publikation mit Arbeiten von Roman Ondák seit den 90er Jahren. Die Textbeiträge sind von Georg Schöllhammer, Igor Zabel und Hans Ulrich Obrist in deutscher und englischer Sprache.

Masse und Monument – Migration und Hollywood

Eine Filmreihe, zusammengestellt von Diedrich Diederichsen
23.04. – 15.05.2004

Vortrag von Diedrich Diederichsen am 22.04.2004, 19 Uhr

Massenszenen gelten im klassischen Hollywood-Kino als ein Ausweis hoher Produktionskosten. Gleichzeitig befriedigen sie eine ganz bestimmte und spezifisch kinematographische Schaulust, die bis in die Anfänge bewegter Bilder zurückreicht. Für Siegfried Kracauer etwa war Kino das erste Medium, das die neuen großstädtischen Massen der Moderne sichtbar machte und auch zu deren Selbstbild wie Selbstverkennung entscheidend beitrug: zur Mobilisierung wie zur Stillstellung. Für viele Diskurse zur Migration ist es auch die Massenhaftigkeit der Migranten, die deren entscheidende und auch psychologisch und propagandistisch bedeutsame Komponente ausmacht. Dies gilt in besonderem Masse in den phobischen Vorstellungen von eindringenden Horden und Fluten, die für die Mobilisierung von Xenophobie und Rassismus so entscheidend sind. In den USA und damit auch im Hollywood-Kino gab es immer zwei Sorten von Massen: solche phobisch besetzten naturkatastrophisch dehumanisierten Fluten böser Massen (Indianer, Aliens, Vietnamesen) und daneben und dagegen die positiv besetzten Massen von Siedlern, aber auch von Migranten, die produktiv zum Melting Pot beitragen.

Wer eine gute und eine böse Masse ist und wie sich das in der Geschichte Hollywoods änderte und umkämpft war, will diese Reihe an ausgewählten Beispielen zeigen: sicher ist keiner dieser Filme uninteressant, aber auch keiner einfach vorbildlich und sie sind auch nicht wegen ihrer Qualitäten ausgesucht worden, sondern wegen ihrer symptomatischen Eigenschaften.

Schon der früheste hier vertretene Film „Intolerance“ des Kinopioniers Griffith zeigt, dass die Ambivalenz der Massenschilderung den Weg über ihre Monumentalisierung gehen muss. In dem Moment, wo die Massen ein eigenes Gesicht jenseits der Summe oder Steigerung des Individuellen erreichen, sind sie sowohl für die Dehumanisierung wie für Idealisierungen geeignet. Griffiths Film war eine Art Entschuldigung für seinen rassistischen Klassiker „Birth of a Nation“, der die Afroamerikaner drastisch dämonisierte. In dem einen wie dem anderen Film kann man aber sehen wie flüchtende oder siegende, bedrohte oder bedrohliche Massen durch geringfügige kinematographische Maßnahmen sich dehumanisieren lassen – zuweilen auch rehumanisieren. Auch ein anderer Film dieser Reihe war als Entschuldigung gedacht: Cheyenne Autumn sollte die Dämonisierung der amerikanischen Ureinwohner in so vielen Hollywood-Produktionen revidieren und erfindet dafür ein Bild aus dem Arsenal der Geschichte der meist positiv geschilderten europäischen Migranten, die in die USA auswanderten: die Cheyenne werden zu Vertriebenen, denen aber im Unterschied zu den Migranten aus Europa keine „neue Heimat“ winkt. Entsprechend identifiziert die Pop-Festival-Monumentalisierung „Woodstock“ die Hippie-Massen mit einer Nation von Vertriebenen, die sich ein neues Territorium suchen. „Days of Heaven“, „Heavens Gate“ und „Gangs of New York“ zeigen mit unterschiedlichen Akzenten die Lage europäischer Migranten in den USA des 19. Jahrhunderts auch als Klassenschicksal, und trotz unterschiedlicher Schwächen, jenseits jeder Idealisierung. Zu revolutionären Massen haben es die Migranten in Hollywood selten gebracht, trotz des eher biblischen „Spartacus“, aber als gesuchter und begehrter Special Effect vor allem der ersten Hälfte seiner Geschichte war ihr Bild immer eine offene Stelle, die unterschiedlichen ideologischen Instrumentalisierungen offen stand. Dabei entstanden Standards und Klischees, die auch heute noch die Vorstellung von Menschenmengen prägen, die nicht durch eine Staatsform oder eine andere geregelte kollektive Identität repräsentiert sind.

Selbstbilder – Fremdbilder

Eine Filmreihe von Antje Ehmann und Harun Farocki.
07.11. – 07.12.2003

Das zeitgenössische Kino in Frankreich setzt sich in besonderer Weise mit migrationsbedingten Fragen auseinander. So extensiv, dass sich ein neues Genre gebildet hat, das „Cinema Beur” – Kino der nordafrikanischen Filmemacher, die in Frankreich aufgewachsen sind und Probleme der maghrebinischen Einwanderer in ihren Filmen thematisieren. In vielen dieser, wie auch anderer Filme des jungen französischen Kinos, trifft sich Frankreich als Kino- und Immigrationsland auf glückliche Weise. Abgesehen von ungewöhnlich erfolgreichen Produktionen wie „La Haine”, ist davon in Deutschland leider wenig zu sehen. Unser Bestreben war es jedoch nicht, rare oder entlegene Filme aufzutreiben, sondern gute und interessante Schlüsselwerke dieses engagierten Kinos zur Diskussion zu stellen, egal ob neu gefunden oder wieder entdeckt. (Harun Farocki und Antje Ehmann)

Eröffnungsvortrag Harun Farocki
anschließend Filmvorführung:
DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE / ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEISS (Jean-Luc Godard)
F 1966, 35mm, 90 min, Farbe, OmdU
Sie – das ist die Pariser Vorstadt und die Protagonistin, die als Hausfrau und Prostituierte versucht, in ihr zu leben. Der Film aus den sechziger Jahren ist Frankreichs erster Banlieue-Film, noch bevor es das Wort dafür gab.

LE THÉ AU HAREM D’ARCHIMÈDE / TEE IM HAREM DES ARCHIMEDES (Mehdi Charef)
F 1986, 110 min, Farbe, DF
Der Pilotfilm des „Cinema Beur” über die Freundschaft des Maghrebiners Majid und des gallischen Franzosen Patrick ist voller filmischer Intelligenz und hat bis heute nichts an Kraft und Aktualität verloren.

LA HAINE / HASS (Mathieu Kassovitz)
F 1995, 98 min, s/w, OmeU
Schon in den ersten Wochen erreichte ”La Haine” über 500.000 Zuschauer, gewann in Cannes den ‘Best Director Award’ und wurde zum meist besprochenen Film der letzten Jahre. Inzwischen ist der Ausdruck ”banlieue”, den dieser Film behandelt, zum Synonym für Frankreichs größte Probleme geworden: Arbeitslosigkeit, soziale Exklusion, Rassismus, Suburbanismus, Kriminalität und Gewalt.

LA PROMESSE (Luc et Jean-Pierre Dardenne)
Belgien 1996, 93 min, Farbe, OmdU
Die Gebrüder Dardenne – Virtuosen des veristischen Kinos – erzählen die Geschichte des moralischen Erwachens eines 15 jährigen Jungen, der die skrupellosen Machenschaften seines Vaters nicht mehr mitragen will. In dokumentarisch anmutender Präzision vermittelt der Film auch ein Bild dessen, wie die Not illegaler Einwanderer ausgenutzt wird.

NENETTE ET BONI (Claire Denis)
F 1996, 35mm, 103 min, Farbe, OmdU
Zu Recht bekam Denis Film, in Locarno mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet, ein überschwengliches Presseecho. Am Leitfaden der Geschichte des Geschwisterpaares Nenette und Boni geht es um die Realität des Marseille der Arbeiterklasse. Migrationsthemen fädeln sich hier mit Leichtigkeit als Teil dieser Wirklichkeit ein.

LA VIE DE JESUS / DAS LEBEN JESU (Bruno Dumonts)
F 1997, 96 min, Farbe, OmdU
Es geht um das Leben einer Gruppe von Jugendlichen, die in der Provinz ihre Zeit mit Mopedfahren und Autoschrauben totschlagen und von der Zukunft nichts zu erwarten haben. Atemberaubend bis zur letzten Minute schafft es Dumont noch in der kleinsten Banalität des Alltags ein Geheimnis aufscheinen zu lassen. Ein Debut-Film, der es geschafft hat, das französische Kino auf die schönste Höhe zu treiben.

SAMIA (Philippe Faucon)
F 2000, 73 min, Farbe, OmeU
Faucon erzählt in ”Samia”, wie die algerische Immigrantin und ihre drei Schwestern normale französische Jugendliche sein wollen, und was sie daran hindert. Man meint, diese Geschichte bereits zu kennen. Doch mit einem so besonderen Nachruck in Bildfindung und Erzählform haben wir es selten, vielleicht noch nie gesehen.

TERRA INCOGNITA
(Ghassan Salhab) F / Libanon 2002, OmeU, 35mm, 120 Min.
Der letztes Jahr in Cannes gezeigte „Terra Incognita” ist ein erstaunlicher Film über das Leben einiger Mitdreißiger im heutigen Beirut, einer Stadt im Wiederaufbau nach sieben Jahren Bürgerkrieg. Das Thema der Migration beschäftigt einen jeden der vorgestellten Protagonisten notwendigerweise, denn es gilt vor allem, zu dieser Frage eine Haltung zu gewinnen: Sollen wir hier leben und bleiben, oder besser fortgehen.


Contemporary cinema in France takes a particular look at issues concerning migration. So extensively, in fact, that a new genre has developed called “cinema beur”—films by North African filmmakers who have grown up in France and address the problems of Maghrebi immigrants. In many of these films, as in many other films by young French filmmakers, France is portrayed well as being both a country of cinema and of immigration. However, other than very successful films, such as “La Haine,” few of these are shown in Germany. Yet our aim was not to track down and screen rare or obscure films, but to show good, interesting, key works of this socially relevant style of film-making—regardless of whether they are new or rediscovered—as a basis for discussion. (Harun Farocki and Antje Ehmann)

Opening Lecture: Harun Farocki
Following the lecture:
DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE / TWO OR THREE THINGS I KNOW ABOUT HER (Jean-Luc Godard)
F 1966, in French, with German subtitles, 35mm, 90 Min.
The “Her” in the title refers both to the Paris suburb and the protagonist, who tries to live there as both housewife and prostitute. This film from the 1960s is France’s first banlieue film, created before the word for it was developed.

LE THÉ AU HAREM D’ARCHIMÈDE / TEA IN ARCHIMEDE’S HAREM (Mehdi Charef)
F 1986, in German, 16mm, 110 Min.
This pilot cinema beur film about the friendship between the Maghrebi Majid and the Gallic Frenchman, Patrick, abounds with cinematic brilliance and remains powerful and contemporary to this day.

LA HAINE / HATE (Mathieu Kassovitz)
F 1995, in French, with English subtitles, 35mm, 98 Min.
Over half a million viewers saw “La Haine” within weeks of its release. The film received the “Best Director Award” at the Cannes Film Festival and has become the most reviewed film in recent history. The banlieue, or Parisian “suburbs,” are the subject of the film and likewise a synonym for France’s worst problems: unemployment, social isolation, racism, suburbanism, crime, and violence.

LA PROMESSE / THE PROMISE (Luc et Jean-Pierre Dardenne)
B / F 1996, in French, with German subtitles, 35mm, 93 Min.
The Dardenne brothers—masters of Verist cinema—tell the story of the moral awakening of a 15-year-old boy who no longer wants to take part in his father’s unscrupulous practices. With documentary-style precision, the film conveys how illegal immigrants are exploited.

NENETTE ET BONI / NENETTE AND BONI (Claire Denis)
F 1996, in French, with German subtitles, 35mm, 103 Min.
Denis’s film, which received a “Golden Lion Award” at the Locarno Film Festival, justifiably received rave reviews. The film tells the tale of two siblings, Nenette and Boni, while also portraying the real life of the working class in Marseille. Migration issues likewise weave their way through this “reality” in a humorous way.

LA VIE DE JÉSUS / LIFE OF JESUS (Bruno Dumont)
F 1997, in French, with German subtitles, 35mm, 96 Min.
This film is about the life of a group of young people, who pass the time “out in the sticks” by driving around on their mopeds and fixing up old cars. Their future looks dim. Breathtaking to the last second, Dumont’s film manages to find mystery in the smallest, most banal details of everyday life. A début film that has enabled French cinema to soar to stunning heights.

SAMIA (Philippe Faucon)
F 2000, in French, with English subtitles, 35mm,73 Min.
In “Samia,“ Faucon tells the story of an Algerian immigrant and her three sisters who want to be normal, young, French people and what prevents them from achieving that. The story seems familiar, yet we have seldom, perhaps never, seen this kind of tale told in such a visually and narratively impressive way.

TERRA INCOGNITA (Ghassan Salhab)
F / Libanon 2002, in French, with English subtitles, 35mm, 120 Min.
“Terra Incognita,” screened last year at the Cannes Film Festival, is an amazing film about the lives of several people in their mid-30s in Beirut—a city in the throes of being rebuilt following a seven-year civil war. All of the film’s protagonists are naturally confronted with the topic of migration, and trying to coming to terms with the question: should we stay here and live, or leave?

Alle Geister kreisen

Filmreihe, zusammengestellt von Olaf Möller
01.10. – 09.10.2003

Als man Massen von Menschen aus so vielen Völkern Afrikas verschleppte und als Sklaven in die Neue Welt deportierte, sahen sich ihre Götter gezwungen, ihnen zu folgen und mit ihnen zu migrieren. Menschen verschiedener Völker kamen so zusammen, gründeten neue soziale Zusammenhänge – in einigen Fällen spätere Nationen – und damit neue Religionen, in denen zum Teil ihre alten Götter aufgingen und neue Götter gezeugt wurden oder die einfach auftauchten, geboren aus den Veränderungen des Daseins. Diese neuen alten Religionen, in deren Zentrum meist Besessenheitsrituale stehen, wie der Voodoo auf den Westindischen Inseln oder Macumba und Candomble in Brasilien, stehen im Mittelpunkt der von Olaf Möller zusammengestellten Filmreihe.
Olaf Möller, Cineast und Filmkritiker lebt und arbeitet in Köln.

WEST INDIES OU LES NEGRES MARRONS DE LA LIBERTE (Med Hondo)
Mauretanien/F 1979, 112 min, OmU
Ein Musical, das mit viel Ironie die 400 jährige Geschichte der Westindischen Inseln erzählt: Von der Aneignung der Karibik durch die verschiedenen Kolonialmächte bis zur heutigen Arbeitsmigration nach Europa.

Royal Bonbon (Charles Najman)
F 2002, 90 min, OmU
Dieser erste in Haiti gedrehte Film zeigt das Leben eines Mannes, der sich für die Reinkarnation von König Henri Christophe (1767-1820) hält, jenen Mannes, der Haiti die Unabhängigkeit brachte. Der Film wurde mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet.

LES ILLUMINATIONS DE MADAME NERVAL (Charles Najman)
F 2000, 90 min, OmU
Im Voudou-Tempel von Madame Nerval begegnen sich Götter und Menschen. Ein Porträt der Hohepriesterin, die über ihr Leben, ihre Träume und ihre Kontakte mit Geistern berichtet, vor allem mit Criminel, dem Gott ihres Tempels.

A DEUSA NEGRA / BLACK GODDESS (Ola Balogun)
Nigeria/Brasilien 1978, 150 min
Ein junger Mann afrikanischer Herkunft macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Er fährt nach Bahia und lernt dort eine schwarze Brasilianerin kennen, die ihn in afrikanische Kulte einweiht, und ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

BARRAVENTO (Glauber Rocha)
Brasilien 1962, 74 min, OmU
Der Erstlingsfilm Rochas schildert die sozialen Verhältnisse in einem Fischerdorf. „Ein sensibles gesellschaftskritisches Werk von hohen formalen und geistigen Qualitäten, realistisch und poetisch zugleich.“ (Lexikon des intern. Films)

O AMULETO DE OGUM (Nelson Pereira dos Santos)
Brasilien 1974, 117 min, OmU
Die mit Umbanda-Riten verwobene Geschichte eines unverwundbaren jungen Mannes, der zum gefürchteten Gangster wird, stirbt, um am Ende wieder aufzuerstehen. „Einer der größten brasilianischen Kinoerfolge der 70er Jahre.“ (Lexikon des intern. Films)

SANKOFA (Haile Gerima)
USA/BRD/Ghana/Burkina Faso 1993, 125 min, OmU
Das afrikanische Fotomodell Mona gerät während eines Shootings auf einer ehemaligen Sklavenfestung in den Bann Sankofas, der dort die ewige Totenklage singt. Er versetzt sie in eine andere Existenz als Sklavin auf einer Zuckerrohrplantage in Jamaika.

WELCOME II THE TERRORDOME (Ngozi Onwurah)
GB 1994, 92 min, OF
North-Carolina 1652: Eine Gruppe von Menschen soll als Sklaven gebrandmarkt werden. Stattdessen jedoch gehen diese ins Meer. Auf ihrem Weg nach Hause, nach Nigeria, müssen sie eine Art Hölle durchqueren: Den Terrordome, ein schwarzes Ghetto in einem faschistischen England, wo sich die Banden gegenseitig bekriegen, nur um von der Polizei massakriert zu werden. Ein britische Thriller in B-Movie-Ästhetik.

SOUVENANCE (Thomas Harlan)
F 1991, 127 min, OmU
Die ewige Wiederkehr eines Traums, verkörpert in der Figur Dessalines, einem ehemaligen Sklaven und späterem Kaiser Haitis, “von allen verehrt, wild, unberechenbar, und unbeugsam, geleitet von den Göttern Afrikas” (Charles Najman: Haiti, Dieu seul me voit). Nach seinem Tod hat sein Sohn Cheriza die Vision von der Wiederkehr Dessalines, mit der eine Befreiung der Inseln von der Armut eingeleitet wird

Julius Koller, Univerzálne Futurologické Operácie

19.07. – 21.09.2003

Július Koller hat „bis heute ein Werk und eine Position entwickelt, das in seiner Stringenz, Obsession und Eigenart eines der wohl erratischsten und konsequentesten der europäischen Gegenwartskunst zu nennen ist. Am ehesten vielleicht noch mit dem Universum eines Marcel Broodthaers vergleichbar”. (Georg Schöllhammer)

Die international erste, umfassende Einzelausstellung von Július Koller im Kölnischen Kunstverein handelt von Versuchen utopischer Raumaneignung im Bemühen um neue Kreativität, Imagination und größere Freiheit. Sie ist gemeinsam mit dem jungen Künstler Roman Ondák konzipiert worden, der 2004 selbst mit einer Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein vertreten sein wird.
Július Koller versteht seine künstlerische Praxis seit Mitte der 60er Jahre als einen „kulturellen Prozess”, in dem die Eigeninitiative des Subjektes, das zukunftsorientierte, kulturelle Situationen gestalten sollte von besonderer Bedeutung ist. Mit seinen Projekten hat er eine solche schrittweise, aktive Veränderung der Wirklichkeit in die Realität eingeschrieben.

Július Koller, geboren 1939 in Piestany (ehem. Tschechoslowakei) lebt und arbeitet in Bratislava.


Július Koller has „consistently developed his position up to the present day, and an oeuvre that in its stringency, obsession and peculiarity could well be called one of the most erratic and consistent of European contemporary art. It is perhaps most comparable with the universe of a Marcel Broothaer.“ (Georg Schöllhammer)

The first international, comprehensive solo exhibition of Július Koller at the Kölnischer Kunstverein deals with attempts of a utopian appropriation of space in the course of striving for new creativity, imagination and greater freedom. It was conceived together with the young artist Roman Ondák, who will be represented with a solo exhibition at the Kölnischer Kunstverein himself in 2004.
Július Koller regards his artistic practice since the mid-60s as a „cultural process“, in which the self-initiative of the subject that is to shape future-oriented, cultural situations has a special significance. With his projects he has inscribed this kind of step-by-step, active transformation of real life into reality.

The exhibition shows a selection from Július Koller’s extensive work since the 1960s up to the present. It comprises text-pictures, objects, collages, photo works, manifestos and a video documentation.

Július Koller, born 1939 in Piestany (former Czechoslovakia), lives and works in Bratislava.

LE CINÉMA DU MÉTISSAGE *THE CINEMA OF IN-BETWEEN * DAS KINO ZWISCHEN DEN KULTUREN

Eine Filmreihe zur Kultur der Migration, ausgesucht von Georg Seeßlen.
06.06. – 29.07.2003

Die Geschichte der Menschheit entsteht aus den Schmerzen, den Gefahren, den Chancen und dem Glück der Wanderungen. Und so unterschiedlich die Gründe dafür sind, die Heimat zu verlassen und in der Fremde sein Glück oder auch nur das Überleben zu suchen, so unterschiedlich sind die Bedingungen der Reise und, vor allem, die Bedingungen des Ankommens und des neuen Zusammenlebens. Davon muss erzählt werden, immer neu, daraus entstehen immer neue Bilder.
Vor mehr als hundert Jahren entstand ein neues Medium für das Erzählen in Bildern, das sich wie kaum ein anderes dazu eignet, die Geschichten der Wanderungen, die Geschichten vom Leben in mehreren Kulturen, die Geschichten vom Weggehen und Ankommen, zu verbreiten. Das Kino ist selbst ein Medium auf der Wanderschaft, ein „kreolisches” Medium, das Technik, Themen und Talente auf den Weg zwischen die Kulturen schickte. In Hollywood entstand die große Welt-Traumfabrik der Migration. In Europa wurde jedes Land der Kamera zu klein. Filmfestivals sind Knotenpunkte teils virtueller teils realer Migrationen. Und das Kino war für so viele Emigranten die erste Heimat in der Fremde, wie es für andere die Sehnsucht nach der Ferne weckte.
Seit den sechziger Jahren haben die Verbannungsabenteuer und Migrationsbewegungen eine andere Qualität. Ihre Erzählung steht im Zeichen von Ökonomie und Medien. Das persönliche Schicksal muss vor der doppelten Ausbeutung gerettet werden. Und wieder ist es der Film, der eine Chance (keine Garantie!) dafür gibt, dass erzählt werden kann, gegen die wirtschaftliche Willkür, die bürokratische Kälte, die grausam dumme Gewalt.
Unsere Filmreihe soll nicht nur die Weite und Vielfalt der Bild-Erzählungen der Migration repräsentieren. Alle vier Akte im Drama der Migration werden in Beispielen vorgestellt: Die Gründe für das Weggehen, die Abenteuer und Gefahren der Reise, die Schocks und Enttäuschungen beim Ankommen, der Beginn des neuen Lebens in der Fremde, die langsam nicht mehr nur Fremde ist, aber nie ganz „Heimat” wird. Erzählt wird von den Triumphen und vom Scheitern, von den Grotesken und den Tragödien, von den Konflikten zwischen den Traditionen, den Sprachen, den Geschlechtern und den Generationen. Es gibt ein Kino der Anklage, sogar ein Kino der Verzweiflung, es gibt ein Kino der Rebellion und ein Kino der Ironie, des lustvollen Spiels mit Klischees. In alledem aber gibt es ein Kino der Zukunft in den Migrationserzählungen des Films.
Worauf läuft die Bewegung der Migration hinaus? Die Hoffnungen auf die glückliche Rückkehr oder auf das vollständige Verschwinden des „Fremden” im „Einheimischen” erfüllen sich selten. Aber vielleicht gibt es eine viel größere Hoffnung: Die Entstehung einer neuen, offenen Kultur zwischen den Kulturen. Eine Kultur, die den Migranten ebenso wie den Menschen der oft wahrhaft eingesessenen Kulturen neue Chancen eröffnet. Das Kino jenseits der globalen Traummaschinen kann ein wundervolles Modell dafür sein, wie aus den Konflikten die Bereicherung entsteht. Denn so wie Menschen, die zwischen den Kulturen oder in mehreren Kulturen gleichzeitig leben, genauer sehen, reicher erzählen, freier gestalten können, so ist das Kino zwischen den Kulturen beweglicher und unabhängiger. Die besten europäischen „Heimatfilme” entstehen aus der Perspektive der Métissage.
Im Kino vollzieht sich eine Bewegung zur Emanzipation. Sie verläuft, unter anderem, von Bildern über die Kultur der Migration zu Bildern aus der Kultur der Migration. Während es vom Elend spricht, das in der Geschichte der Migration aufgehoben sein muss, spricht das Kino auch schon von den Hoffnungen und Utopien. Sie liegen weder in Trennung noch in Auflösung. Sondern in der Offenheit. Im Kino ist das, ganz direkt, eine Frage der Einstellung. (Georg Seeßlen)

Zire puste shahr / Under the skin of the city (Rakshan Bani-Etemad)
Iran 2001, 92 min
Ein Film über eine Mutter, die hart arbeitet, um ihre Familie durchzubringen. Ihr Sohn ist besessen von der Idee in Japan zu arbeiten, um dort reich zu werden – ein Traum, der unter den Jugendlichen im Iran weit verbreitet ist.

IM GHETTO 1
Kurz und schmerzlos (Fatih Akin)
D 1998, 100 min
Drei Freunde aus Hamburg-Altona, ein Türke, ein Serbe und ein Grieche, schlagen sich durch ein Leben zwischen Gelegenheitsgaunereien und Knast sowie Gedanken über Leben, Liebe und mögliche Karrieren. Die authentische Milieuschilderung zeigt ungeschönt und nachvollziehbar die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in der Großstadt.

KOMÖDIEN & KLAMOTTEN-NACHT
Drachenfutter (Jan Schütte)
D 1987, 79 min
Der Film erzählt die Geschichte von zwei Ausländern, denen man in Deutschland keine Chance lässt. Ein leiser und poetischer Schwarzweiß-Film (umkopiert auf Farbmaterial), der unaufdringlich und teils humorvoll für die Sache der Flüchtlinge wirbt.

Geboren in Absurdistan (Houchang Allahyari)
A 2000, 110 min
Im Krankenhaus werden die Babys eines österreichischen Kleinbürgerpaares und einer türkischen Familie verwechselt, die bereist wieder in die Türkei abgeschoben wurden. Nun reisen Stefan und Marion der Familie in die Türkei nach und versuchen verzweifelt, die anderen zu einem Vaterschaftstest zu überreden.

Erkan & Stefan gegen die Mächte der Finsternis (Axel Sand)
D 2002, 80 min

KINDERPROGRAMM
Granica – Die Grenze (Robert Thalheim)
D 2001, 12 min
Ein Tag in einer Stadt an der deutsch-polnische Grenze, in der eine Brücke die beiden Welten verbindet und ein kleiner Junge seine ersten Erfahrungen mit dem Grenzgang macht.
Isabel auf der Treppe (Hannelore Unterberg)
DDR 1984, 70 min
Eine junge Chilenin im politischen Exil erfährt was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem sie nicht willkommen ist.

IM GHETTO 2
Babylon 2 – Das große Mitte-Land (Samir)
CH 1993, 80 min
Die urbanen Gesellschaften der nördlichen Halbkugel zeichnen sich durch eine neue landschaftliche Formation aus: dem endlosen Vorort. In diesen Landschaften sind alle Menschen Emigranten. Ob sie aus dem Lande selbst, von außerhalb oder von einem andern Kontinent kommen. Ihre ursprüngliche Kultur und Sprache reproduzieren sie meist nur noch mit Hilfe der Medien. Doch die junge zweite Generation beginnt sich mit Hilfe dieser Medien eine eigene Identität aufzubauen. Die essayistische und filmische Reflexion der drei Themen Suburb – Emigration – Massenmedien untersucht diesen Prozess anhand des schweizerischen Mittellandes.

Geschwister / Kardesler (Thomas Arslan)
D 1996, 82 min
In einer Familie stehen sich die verschiedenen Wege des Lebens in der Kultur der Métissage gegenüber: Rückkehr in die Heimat, Anpassung an die neuen Lebensumstände, Kriminalität im Ghetto.

KRIEG, FLUCHT UND ASYL
Le clandestin / Der blinde Passagier (José Laplaine)
Zaire 1996, 15 min, OmU

L’america (Gianni Amelio)
I/F 1994, 115 min
Ein 28-jähriger Italiener will mit einem Geschäftspartner offiziell eine Schuhfabrik in Albanien aufbauen, in Wahrheit aber nur Subventionen ergaunern. Eine eindrucksvolle und bittere Bestandsaufnahme, die eine beklemmende Vision über den Verlust von Identität und Würde entwirft, der der Einzelne ebenso wie ein ganzes Volk ausgesetzt ist.

KOSMISCHE MIGRATIONEN: EIN PHANTASTISCHER VIDEO-ABEND
Alien nation (Graham Baker)
USA 1988, 91 min

Brother from another planet (John Sayles)
USA 1984, 108 min

Men in black (Barry Sonnenfeld)
USA 1997, 98 min

PROGRAMM FÜR JUGENDLICHE
Ghetto kids (Christian Wagner)
D 2003, 90 min
Kinder der vierten Generation, die im Münchner Stadtteil Neuperlach leben zwischen Hoffnung und Absinken in die Kriminalität.

KOMÖDIEN UND TRAGIKOMÖDIEN DER METISSAGE 1
Getürkt (Fatih Akin)
D 1997, 12 min
Kurzspielfilm um einen jungen Türkischdeutschen, der bei seiner Mutter in der Türkei auf Urlaub ist und dort mit Gangstern in Konflikt gerät. Eine „späte Liebeserklärung an die Heimat” des Regisseurs und Satire über Klischees.

Les années lycée – sa vie à elle / Ihr eigenes Leben (Romain Goupil)
F 1995, 84 min
Tragikomödie um die 17jährige Tochter algerischer Immigranten in Paris, die eines Tages mit Kopftuch in der Schule erscheint und darob von Lehrern und Mitschülern Ablehnung und Misstrauen erfährt.

KRIEG, FLUCHT UND ASYL 2
Waalo fendo – Lá où la terre gèle (Mohammed Soudani)
CH 1997, 63 min
Der Traum vom reichen Europa führt den Senegalesen Yaro nach Italien. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder wollen sie Geld für die Familie verdienen. Wenig später wird Yaros Bruder in Mailand ermordet, und Yaro bricht auf, den Mörder und seine Beweggründe aufzuspüren. Schweizer Filmpreis 1998.

Escape to paradise (Nino Jacusso)
CH 2002, 90 min
Dokumentar-Spielfilm, in dem die Betroffenen ihr eigenes Leben darstellen: Die kurdische Familie von Semuz, seine Frau und ihre drei Kinder sind nach ihrer Flucht in einem Schweizer Asylzentrum untergebracht, wo sie auf den Bescheid der Behörden warten. Unter dem Einfluss eines Freundes der Familie beschließt Semuz mit gefälschten Papieren und einer mühsam auswendig gelernten falschen Biographie seine Chancen zu verbessern und bringt seine Familie damit nicht nur um das letzte Hab und Gut, sondern auch beinahe um ihre (ungewisse) Zukunft in der Schweiz.

LANGE NACHT: FRAUEN AM BALL
Mädchen am Ball (Aysun Bademsoy)
D 1995, 45 min
Dokumentation einer Fußballmannschaft türkischstämmiger Mädchen in Deutschland, zwischen den Vorbehalten ihrer Familien und den Problemen mit doppelter Diskriminierung

Nach dem Spiel (Aysun Bademsoy)
D 1997, 60 min

Bend it like Beckham (Gurinder Chadha)
GB 2002, 112 min

LANGE NACHT: FRAUEN IN DER MIGRATION
40 m² Deutschland (Tevfik Baser)
D 1986, 80 min
Der Gastarbeiter Dursun holt nach der Tradition seine junge Frau Turna durch „Kauf” aus seinem Dorf und sperrt sie in seiner Wohnung in Deutschland ein, um sie vor der bunten und gefährlichen Welt zu schützen. Noch in seinem Tod lastet der Mann als Bürde auf ihr.

Marie-Line (Mehdi Charef)
F 2000, 100 min
Marie-Line (Muriel Robin) ist die gefürchtete Chefin einer Putzkolonne, die vorwiegend aus illegalen Einwanderern besteht. Um wieder den Preis als beste Putzkolonne des Jahres zu gewinnen, ist der ehrgeizigen und arbeitswütigen Frau jedes Mittel recht. Das Supermarkt-Kammerspiel von Mehdi Charef gibt ein alltägliches und überzeugendes Beispiel von gelebter Solidarität mit den „sans papiers” in Frankreich.

FREMDE UNTER FREMDEN
Down and out (Espen Vidar)
Norwegen 1995, 10 min

Lola und Bilidikid (Kutlug Ataman)
D 1998, 93 min
Die Geschichte des sechzehnjährigen Türken Murat in Berlin, der sich vor allem in der eigenen Familie mit dem „Stigma” seiner Homosexualität konfrontiert sieht. Sein Bruder Osman empfindet Liebe zwischen Männern als das furchtbarste, was es geben kann. Murat findet eine eigene Identität in den Bars der Transsexuellen und Transvestiten. Er verliebt sich in den Transvestiten Lola. Aber Lola hat ein Geheimnis, in dem Osman eine überraschende Rolle spielt.

GLOBAL VILLAGE NIGHT
Amsterdam global village (Johan van der Keuken)
NL 1996, 245 min
Ein vierstündiges Portrait von Johan van der Keukens Heimatstadt Amsterdam, die seit Jahrhunderten so vielen Unterschlupf gewährt und dabei den Charme eines Dorfes beibehalten hat. Wie eine gewaltige musikalische Komposition mit vielen Themen, vielen Motiven und Variationen evoziert der Film das Unverwechselbare dieser Stadt und ihrer Bewohner – Holländer, Emigranten, Flüchtlinge, Zugereiste – die Amsterdam mit der ganzen Welt verbinden.

LEBEN IN MEHREREN KULTUREN 1
Das Hochzeitsbankett (Ang Lee)
USA/Taiwan 1993, 106 min
Ein junger, homosexueller Taiwanese in New York kann einer arrangierten Hochzeit nur entgehen, indem er den Eltern eine Scheinehe vormacht.

KOMÖDIEN UND TRAGIKOMÖDIEN DER MÉTISSAGE 2
Salut cousin! (Merzak Allouache)
F 1996, 103 min
Komödie um einen jungen Algerier, der hier seinen Cousin besucht, der ein bemerkenswertes Talent hat, in gefährliche und peinliche Situationen zu kommen. Alilo entdeckt, dass das Leben in Paris weder so glamourös noch so abgründig ist, wie man es ihm erzählt hat.

Filmemacherinnenrunde
Thomas Arslan, Sülbiye Günar, Ayse Polat und Hilmi Sözer diskutieren und sprechen anhand von Beispielen über Filme zum Thema „Migration”. Moderation: Georg Seeßlen

Karamuk (Sülbiye Günar)
D 2002, 94 min (in Anwesenheit der Regisseurin)
Johanna, ein 17-jähriger Teenager, träumt davon, in Paris Modedesign zu studieren. Auf der Suche nach der Finanzierung ihrer Träume, macht Johanna eine Entdeckung, die sie zunächst völlig verunsichert: Nicht der langjährige Freund der Mutter ist ihr Vater, sondern ein Türke, der in Köln ein elegantes Restaurant besitzt. Bevor sie sich versieht, ist sie mitten im türkischen Familienklüngel – und mitten im ersten großen Abenteuer ihres Lebens. (Preisverleihungen: Women´s Film Festival Torino (2003), Créteil/France (2003), Houston World Film Festival, USA (2003)

ON THE ROAD
Auslandstournee (Ayse Polat)
D 2000, 85 min
Nach dem Tod des Vaters übertragen die Nachbarn die Sorge für die elfjährige Senay dem einzigen Freund der Familie, dem schwulen Nachtclubsänger Zeki, der nach anfänglichem Widerwillen die Aufgabe übernimmt, sie von Hamburg nach Istanbul zu ihrer Mutter zu bringen, die Senay nie gesehen hat.

Suzie Washington (Florian Flicker)
A 1998, 87 min
Nana ist ein so genannter „Wirtschaftsflüchtling” aus Georgien. „Mein Land begeht Selbstmord” erklärt sie einer Grenzbeamtin, deshalb will sie zu ihrem Onkel nach Amerika. Weil ihr Visum gefälscht ist, wird ihr auf dem Wiener Flughafen die Weiterreise verwehrt. Es beginnt eine abenteuerliche Odyssee durch Österreich. Flicker erzählt die Geschichte ohne sozialanklägerisches Pathos, grotesk-komische und bedrohliche Situationen wechseln einander ab, mit Anleihen beim „Heimatfilm” und beim „Roadmovie”.

LEBEN IN MEHREREN KULTUREN 2
Italianamerican (Martin Scorsese)
USA 1974, 45 min

Denk ich an Deutschland – Wir haben vergessen zurückzukehren (Fatih Akin)
D 2000, 59 min
Fatih Akin begibt sich in seinem ersten Dokumentarfilm auf die Suche nach seinen familiären Wurzeln. Dabei gewährt er einen sehr persönlichen Einblick in das Leben seiner türkischen Familie und nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise von Hamburg-Altona nach Filyos, einem kleinen Fischerdorf am Schwarzen Meer, von wo sein Vater 1965 auszog, ein neues Leben in Deutschland zu beginnen. Fatih Akin nennt sein Familienporträt einen „Einwanderungsfilm”. Er verkörpert wie nur wenige andere den kreativen Geist der zweiten Generation von Einwanderern in Deutschland. Mit vielen Facetten reagiert er auf die kulturelle Spannweite – als Schauspieler in eigenen und fremden Filmen sowie als Autor und Regisseur

LANGE NACHT AMERIKANISCHER TRÄUME
America, America (Elia Kazan)
USA 1963, 174 min
Die Geschichte einer langen Reise der Hoffnung erzählt nach der Lebensgeschichte des Onkels des Regisseurs.

Someone else’s America / Paradies, Brooklyn (Goran Paskaljevic)
F/D/UK/GR/YU 1995, 95 min
Paradies, Brooklyn ist ein wahres Märchen über zwei Emigranten, die in einer heruntergekommenen Ecke von Brooklyn leben, aber mit ihrem Herzen an der alten Heimat hängen. Bayo, illegaler Einwanderer aus Montenegro, hat mit seinem Hahn Unterschlupf beim Spanier Alonso gefunden. Alonso lebt mit seiner blinden Mutter in der „Paradies-Bar” und träumt von der Liebe. Die schöne syrische Nachbarstochter Afisi hat es ihm angetan, doch da ist noch der reiche Gemüsehändler, der sich um sie bemüht. Zu allem Kummer will seine Mutter unbedingt nach Spanien zurückkehren, bevor sie stirbt. Als nun auch noch Bayos Mutter und seine Kinder auftauchen, ist das Chaos perfekt.

Slow (e)motion oder der entschleunigte Raum

Filmreihe
10.05. – 11.06.2003

Die Beziehung zwischen dem Gezeigten und der Aufforderung zur Imagination des Nicht-Zeigbaren ist der rote Faden, der sich durch die von den Künstlern Josef Dabernig und Deimantas Narkevicius zusammengestellten Filmreihe zieht, die anlässlich der Gruppenausstellung von Mai bis Juni 2003 im Kino in der „Brücke” gezeigt wurde.
„Im Mittelpunkt der vorgestellten filmischen Arbeiten steht das Reisemotiv, der Raum in Bewegung. Raum wird sowohl als ‚motion’ im physischen Sinne wie auch als ‚emotion’ in seiner psychologischen Bedeutung angesprochen und vielschichtig auf einer breiten Palette künstlerischer Spielarten vermittelt.
Beabsichtigt ist die Fokussierung des Programms in Richtung verhaltenes Phlegma: Nicht selten werden die Ränder der langen Weile ausgelotet und lineare Projektionen ins sprichwörtliche Nichts geführt. Gerade im Entzerren der forcierten Spirale scheinen sich Restfreiheiten des Subjekts als vage Utopien abzubilden.” (Josef Dabernig)

„Die präsentierten Filme sind dokumentarisch, gleichwohl dieser Begriff im Kino fragwürdig ist, da die Inszenierung und das besondere Arrangement sowie die Intention des Autors gegenüber dem Aufgenommenen eine Rolle spielen. Nur der Ort, an dem eine Filmaufnahme geschieht, klassifiziert sie als Dokument.
Die Filme dieser Serie spielen an äußerst unterschiedlichen Orten: auf einem Schlachtfeld, im Büro einer Wohlfahrtsorganisation, in der Stadt der Jugendzeit, in Sibirien und auf einem Sportwettbewerb. Jeder dieser Orte dient als Hintergrund für eine dramatische Handlung, die – in der Aufnahme verschiedener Regisseure – ihre subjektiven Perspektiven wiedergeben.
Als Hintergrund wurden Landschaften oder urbane Szenerien ausgewählt, sie dienen als Kulisse der auf Film aufgezeichneten Handlung. Dominiert werden die Filme durch cinematographische Erzählungen, die sich gegen einen unveränderlichen Rahmen absetzen. Dieser passive Ort, in der Filmsprache als „Natur” bezeichnet, liefert den ursprünglichen Vorwand für die Handlung. Die Story ihrerseits verleiht dem Rahmen, der direkt mit der visuellen Artikulation unmittelbar vollzogenener Handlungen verbunden ist, eine neue Qualität. Der gleiche Ort wird zur Stimmung der soeben wahrgenommenen Handlung, wenigstens für eine kurze Zeit.” (Deimantas Narkevicius)

Wir müssen heute noch an Ihr Vorstellungsvermögen appellieren…

…um im Namen der Kunst vor- und rücksichtslos den Raum zu behaupten, in den Sie oder wir uns gedrängt haben. Mit welchem Recht fragen Sie jetzt sicherlich.

Kamal Aljafari, Cezary Bodzianowski, Josef Dabernig, Halt+Boring, Sanja Ivekovic, Thomas Kilpper, Július Koller, Jiri Kovanda, Josh Müller, Roman Ondák, Anatoly Osmolovsky, rasmus knud, Hans Schabus, Werner Würtinger, Heimo Zobernig 10.05. – 22.06.2003

Vor dem Hintergrund der Diskussionen um die Vergabe der „Brücke” an den Kölnischen Kunstverein thematisiert die Ausstellung Ansprüche, die Kunst erhebt, und stellt Fragen nach den Wirkungsmöglichkeiten und der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst.
Kann Kunst der Imagination Freiräume für Ideen, Überzeugungen und Erkenntnisse öffnen, die wir noch gar nicht kennen? Welchen Raum braucht die Kunst, durch welche Qualitäten zeichnet er sich aus, welche Einflüsse übt er auf die Wahrnehmung, auf Denken und Handeln aus? Kann Kunst Widerstand gegen die Regime der Gewöhnung sein und Haltungen und Strategien entwickeln, die jeder kritiklosen Anpassung an vermeintliche Unabänderlichkeiten widersprechen?


„On behalf of art we must appeal to the power of your imagination this very day to boldly and recklessly assert the space, into which you or we have pushed us. By what right, you will surely ask now.“

Kamal Aljafari, Cezary Bodzianowski, Josef Dabernig, Halt+Boring, Sanja Iveković, Thomas Kilpper, Július Koller, Jiři Kovanda, Josh Müller, Roman Ondák, Anatoly Osmolovsky, rasmus knud, Hans Schabus, Werner Würtinger, Heimo Zobernig

Our first exhibition in the “Brücke”, the new domicile of the Kölnischer Kunstverein, will open on May 9th, 2003. The title of the exhibition programmatically stands for discussions in recent months in conjunction with the search for a suitable space for the Kölnischer Kunstverein.

In this context, the exhibition addresses fundamental questions that determined the protracted and controversial disputes involving the search for appropriate spaces for the Kölnischer Kunstverein; questions about the claims that art makes.

How much and what kind of space is allocated to art in times, when “real” problems and the urgent necessity of dealing with them occur? To what extent and for which reasons do conceptions of reality and relevance alternate in times of an “exceptional situation”, and which possibilities does art have for intervening in the different conceptions of reality? Which of art’s individual possibilities of impact can be deployed, and how do these, for their part, shape the power of the circumstances or leave them untouched? Which significance is attributed to imagination? Is art capable of opening up “free spaces” for insights and convictions, which we do not yet know?

The exhibition also stands for the unfinished, construction site state of the “Brücke”.
As such it is an appeal to the power of imagination to replace all that is unfinished and the scaffolding that is still standing with the image of a completely renovated “Brücke”. Current developments have shown that the will of the Kölnischer Kunstverein to return the “Brücke” to the original state planned by Wilhelm Riphahn 1949/50 and thus to make the architectonic quality of the building visible again, can only be realized in a controversial process. Both the exhibition and the state of the building mirror this process, the building site becomes a metaphor for the current cultural political situation in Cologne.

The renovation of the “Brücke” under the direction of the architect Adolf Krischanitz is defined by a radicality and straightforwardness committed to the architectonic quality and the historical context of the building. In his conception of the renovation work, Krischanitz consciously rejected any “temporariness”, in order to return to the building the materiality and identity that it had already lost. Exploring, uncovering and supplementing characterize Krischanitz’ processual renovation, which will become recognizable for the first time with the first exhibition in the “Brücke”. The focal point for this is the former reading room of the “Brücke”, which Wilhelm Riphahn already thought of as an exhibition space.

The relationship between what is shown and the appeal to imagine what cannot be shown is the red thread through the film series put together by the artists Josef Dabernig and Deimantas Narkevicius, which will be screened in the cinema of the “Brücke”. With this film series, the Kunstverein, in cooperation with various partners, begins an intensive and exclusive use of the cinema in the “Brücke” as a program cinema. The film program thus enables an in-depth exploration of the positions and themes shown in the exhibition, and includes short films and feature films by Kurt Kren, Gerard Holthuis, Daniela Kostova, John Smith, Otto Zitko, Thomas Korschil, Hans Scheugel, Peter Watkins, Algimantas Maceina, Werner Herzog, Frederick Wiseman, Sarunas Bartas, David Lamelas.

Ann-Sofi Sidén, Warte mal!

14.02. – 08.04.2003

Ann-Sofi Sidén beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Absurdität des Normalen und Alltäglichen. In Arbeiten wie „Who Has Enlarged This Hole?” (1994) und „Who Told the Chambermaid?” (1999) beleuchtet sie die menschliche Psyche mit ihren Versuchen, einander widersprechende Forderungen von Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnissen zu bewältigen. Die Sphären der sozialen und ökonomischen Aktivitäten entpuppen sich dabei oftmals als besonders geeignete Operationsfelder, um das eigentlich verborgene Gesicht menschlicher Realität aufzudecken. So auch in ihrer Arbeit „Warte Mal!”, die sie im Kölnischen Kunstverein zeigt.
„Warte Mal!” ist eine Videoinstallation, in der Ann-Sofi Sidén den Besucher mit dem Ort Dubi, an der deutsch-tschechischen Grenze, konfrontiert. An dieser geopolitischen Schnittstelle entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und nach Öffnung der Grenzen 1989 ein neuer Wirtschaftszweig: die Massenprostitution. Hunderte von Mädchen aus ganz Osteuropa arbeiten hier als Prostituierte und versuchen, die meist deutschen, vorbeifahrenden Autos anzuhalten, indem sie ihnen „Warte Mal!” hinterher rufen – oft die ersten deutschen Worte, die die Mädchen lernen.

Ann-Sofi Siden ist 1999 aus Neugierde und Interesse in diese Region gefahren, hat sich dort über einen Zeitraum von neun Monaten aufgehalten, und mit ihrer Handkamera ein dichtes Porträt erstellt, das sich aus verschiedenen filmischen Komponenten zusammensetzt: Wir sehen Interviews mit Prostituierten, Zuhältern, Polizisten und lernen ein Ehepaar kennen, das in ihrem Motel die Zimmer stundenweise an die Mädchen und ihre Kunden vermietet. Dabei lässt Ann-Sofi Sidén den Besucher stets durch „ihre Augen” sehen, was eine große Intensität zur Folge hat. Daneben präsentiert uns die Künstlerin eine Projektion, wie die Mädchen ihre potenziellen Kunden auf der Strasse anzulocken versuchen, ihr Tagebuch, zeigt verschiedene Landschaftsaufnahmen und Filmstills, wie sie die Mädchen sieht, mit ihnen feiert und lebt.

Innerhalb der Arbeit entsteht ein narrativer Zirkelschluss der individuellen Lebensgeschichten. Wir erfahren von Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen der Interviewpartner und schnell wird deutlich, wie verstrickt und abgründig die menschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und Hierarchien der Interviewten untereinander sind. Durch ihren internen Report ermöglicht es uns Sidén, in eine scheinbar ganz eigene, abgeschlossene Welt abzutauchen, fernab von unserem gewohnten sozialen Mikrokosmos. Sie lässt uns einen intimen Einblick in eine geheime Welt nehmen, die sonst im Verborgenen bleibt.

Dabei nimmt Ann-Sofi Sidén stets eine eher beobachtende Perspektive ein, die zwar einen drastischen Konfrontationskurs einschlagen kann aber niemals moralisiert oder verurteilt. Vielmehr liegt es am Betrachter, zu beobachten und zu reagieren. Sidén spielt mit dem Besucher, der seine „sichere Rolle” unweigerlich verlassen muss. Einerseits fühlt er sich zwar als Voyeur, doch gleichzeitig ist er schon in den Bann des Verborgenen gezogen und wird damit zum Partizipient. Sie nutzt die Freiheit der Kunst, um den Zuschauer mit einer bis dahin unbekannten, geheimen Realität zu konfrontieren, die ihn automatisch dazu bewegt, Position zu beziehen,
wenn er den Einzelschicksalen der teilweise bewegenden, unscheinbaren oder abstoßenden Charaktere lauscht.
Sidén arbeitet mit einem dokumentarischen Verfahren, das sie jedoch durch architektonische,
bildhauerische, fotografische und performative Dimensionen zu einer vielschichtigen konzeptuellen Gesamtheit erweitert. Dabei werden die filmischen Komponenten in einer Raumarchitektur zueinander in Wechselwirkung gesetzt, sodass die vielfältigen formalen Ausdrucksformen in Interaktion treten und ein Netz unterschiedlicher Perspektiven und Blickpunkte entsteht.

Durch diese Strategie der Vernetzung und die bewusst beiläufige Bildsprache gelingt es ihr, die Zeichen- und Zeitdimension der Medien, des Fernsehfilms und des Kinos zu unterlaufen, die sich auf Sekundenblicke konzentrieren, um eine technisch perfekte Wirklichkeitsillusion zu erzielen. Sidéns Arbeit zeichnet sich vielmehr durch eine unmittelbar wirkende Ästhetik aus, die einer malerischen Auffassung vergleichbar ist und Entdeckung bzw. Kunstgriff zugleich ist.

Die Ausstellung wird im Zusammenhang mit dem von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Projekt Migration präsentiert und erstmals in Deutschland gezeigt. „Warte Mal!” war 1999/2000 in der Secession in Wien sowie 2002 in der Hayward Gallery in London zu sehen. Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein ist eine Weiterführung der Arbeit, für die Ann-Sofi Sidén eine neue Ausstellungsarchitektur entwickelt hat.
„Warte Mal!” von Ann-Sofi Sidén bietet die Möglichkeit einer ersten künstlerischen Begegnung mit dem Thema Migration, das den programmatischen Schwerpunkt des Kunstvereins im Jahr 2005 bilden wird.
Biographie
Ann-Sofi Sidén wurde 1962 in Stockholm geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Ausstellungen (Auswahl): Musée d´Art de la Ville de Paris (2001); Berlin Biennale (2001); Villa Arson, Nice (2000); Venice Biennale (1999), Secession, Vienna (1999); “Nuit Blance”, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (1998), Biennale de São Paolo (1998); “Zonen der Verstörung”, Steirischer Herbst (1997); “See What it Feels Like”, Rooseum, Malmö; Galerie Nordenhake, Stockholm (1995); “P.S. 1. Studio Artists 194″, P.S. 1, New York (1994).


The Swedish artist Ann-Sofi Sidén shows “Warte Mal!” at the Kölnischer Kunstverein, a video installation about the German-Czech border region. Following the collapse of Communism and the opening of the borders in 1989, a new business sector developed at this geopolitical intersection: mass prostitution.

Hundreds of girls from all over Eastern Europe work here as prostitutes, attempting to halt passing, usually German, cars by shouting “Warte Mal!” (“Wait a minute!”) – often the first words that the girls learn in German.

Ann-Sofi Sidén spent a period of nine months in this city, creating a dense portrait with her hand camera, which is composed of various filmic components. The artist expands the documentary shots with architectonic, sculptural, photographic and performative dimensions into a conceptual whole and sets them in an interrelationship to one another in a spatial architecture. The manifold formal modes of expression enter into an interaction, resulting in a network of different perspectives and focal points that captivate us and grant insights into a closed, secret world that otherwise remains hidden.

The exhibition is presented in conjunction with the Project Migration, initiated by the Federal Cultural Foundation, and provides an opportunity for a first artistic encounter with the theme of migration, which will be the focal point of the program of the Kölnischer Kunstverein for the year 2005.

Biography
Ann-Sofi Sidén was born in 1962 in Stockholm. She lives and works in Berlin.
Exhibitions (selected): Musée d´Art de la Ville de Paris (2001); Berlin Biennale (2001); Villa Arson, Nice (2000); Venice Biennale (1999), Secession, Vienna (1999); “Nuit Blance”, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (1998), Biennale de São Paolo (1998); “Zonen der Verstörung”, Steirischer Herbst (1997); “See What it Feels Like”, Rooseum, Malmö; Galerie Nordenhake, Stockholm (1995); “P.S. 1. Studio Artists 194″, P.S. 1, New York (1994).

Forces of Circumstance

Filmreihe, zusammengestellt von Renee Green
29.02. – 03.03.2002

Wir alle sind mit Bedingungen konfrontiert, die wir nicht selbst gewählt haben. Obwohl diese Beobachtung ein Allgemeinplatz sein mag, wird die Weise, wie etwas in uns angesprochen wird, durch die besonderen Umstände und unsere Wahrnehmung dieser Bedingungen beeinflusst. Dieser Gedanke ist der rote Faden, der sich durch die Filme dieser Reihe zieht. In der Artikulation dieses Gedankens – der unausweichlichen Macht der Umstände – und in den unterschiedlichen Trajektorien, die jeder dieser Filme nimmt, um sie in einer Vielfalt von Registern mit bezwingender Kraft zu entwickeln, liegt ihre Stärke und Schönheit. Innerhalb dieses Rahmens und darüber hinaus werden immer wieder Fragen aufgeworfen: „Was kannst du tun?” und „Was tust du?”. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach einer sozialen Sphäre jenseits der individuellen Wirkungsmöglichkeiten, nach einer größeren Einheit, in der von jedem Individuum Entscheidungen getroffen werden, wie die verfügbaren Möglichkeiten genutzt werden und ebenso wie diese ihrerseits die Macht der Umstände formen oder unberührt lassen.

In jedem der Filme kann über diese Fragen vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Zeiten und Orte nachgedacht werden, in denen er spielt. Gleichermaßen lassen sich die Möglichkeiten abwägen, die den verschiedenen Protagonisten in diesen fiktiven Erzählungen und Dokumentarfilmen zur Auswahl stehen, unabhängig davon, wie begrenzt sie sind. Wir können die Verkettung der Situationen, die mit den gegebenen Wahlmöglichkeiten entstehen, in unsere Reflexionen einbeziehen und sie hinterfragen. Durch die Filme erhalten wir die Möglichkeit, Situationen zu erleben, die unser Verständnis übersteigen und in gleicher Weise stellen sie uns vor die Aufgabe, weiter zu gehen, als uns möglich erscheint. Situationen, die uns eine Gelegenheit geben, uns selbst darüber zu befragen, wie wir in dieser komplexen und sich immer wieder verändernden Welt bestehen und handeln können. (Renée Green)