Geschichte

Der Kölnische Kunstverein im Spiegel seiner Ausstellungen

Die Gründungszeit des Kölnischen Kunstvereins mit Jahresausstellungen und Nietenblätter
Zu den Gründungsmitgliedern des Kölnischen Kunstvereins zählten am 2.4.1839 namhafte Bürger wie Eberhard von Groote als erster Präsident des Vereins, Johann Maria Farina, der Erfinder des Eau de Cologne, der Stadtrat Joseph Mathias de Noël, der in dieser Zeit auch den Kölner Karneval erneuerte. Für fünf Taler konnte man eine Aktie im Kölnischen Kunstverein erwerben und Mitglied werden. Mit den permanenten Jahresausstellungen im Gürzenich begannen nicht nur die Kunstaktivitäten des Kölnischen Kunstvereins, hier lag auch eine Keimzelle des Kunstmarkts, denn die Ausstellungen waren auf den Verkauf ausgerichtet.

Einmal im Jahr wurden ausgestellte Kunstwerke in einer Tombola für die Mitglieder des Kölnischen Kunstvereins verlost. Die leer ausgegangenen Mitglieder erhielten als Entschädigung ein kostenloses Nietenblatt, das zumeist eine druckgrafische Reproduktion eines ausgestellten Originals war. Nietenblätter wurden in der Anfangszeit zum Beispiel von den Malern Carl Spitzweg (1845), Raffael (1857/58), Ernst Bosch (1868, 1871, 1887) oder Antoine Watteau (1905) angeboten.
Zur Jahrhundertwende befanden sich das Wallraf-Richartz Museum und der Kölnische Kunstverein unter einem Dach und die Geschäfte des Kunstvereins wurden vom Direktor des Museums Dr. Carl Aldenhoven mitgeführt. Ab 1913 setzte der Vorstand des Kölnischen Kunstvereins mit dem Berliner Kunsthändler Paul Cassirer erstmals einen künstlerischen Leiter ein, der in den folgenden Jahren für den Kunstverein ein Ausstellungsprofil mit Ausstellungen der Berliner Sezessionisten Max Beckmann oder Lovis Corinth und französischen Impressionisten wie Claude Monet, Henri Toulouse-Lautrec realisierte und Bezüge zur frühen Moderne mit Präsentationen von Theodore Géricault, Auguste Renoir, Gustave Courbet und Eduard Manet herstellte.

Die 1910er und 20er Jahre: Dada Ausstellung und Kölner Sezession
Großes Aufsehen erregte die Dada-Ausstellung 1919 mit der Beteiligung der Gruppe D um Max Ernst, Heinrich Hoerle, Franz Wilhelm Seiwert, Anton Räderscheidt und Hans Arp. Unter der Leitung des Geschäftsführers Walter Klug zeigten die Kölner Progressiven eigene Werke neben Kinderzeichnungen, primitiven Arbeiten und technischen Apparaten. Die zweite Ausstellung der Kölner Sezession 1926 sorgte für einen weiteren Skandal durch die Ausstellung des Bildes von Max Ernst Die Jungfrau züchtigt das Jesukind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und Max Ernst. Der Erzbischof forderte damals dazu auf, das berühmte Bild, das sich heute im Museum Ludwig in Köln befindet, aus der Ausstellung zu entfernen. Ein Jahr später präsentierte August Sander in einer Fotografieausstellung seine Menschen des 20. Jahrhunderts.

Der 2. Weltkrieg
Der Kölnische Kunstverein ließ sich weder ab 1933 gleichschalten, noch ging er in Opposition zum nationalsozialistischen Regime. Er setzte vielmehr seine Aktivitäten fort, auch wenn er ab 1935 wie die anderen Kunstvereine in Deutschland der Reichskammer unterstellt war. In dem Ausstellungsprogramm des Kölnischen Kunstvereins waren immer wieder Künstler vertreten, die nicht genehm waren, wie beispielsweise Emil Nolde (1935), August Macke (1933) und Friedrich Vordemberge (1939). Nach dem Prinzip, in einer als völkisch erscheinenden „Kunst Gesamtschau“, solche Künstler einzuschleusen und als unverdächtig erscheinen zu lassen, ging der Kölnische Kunstverein auch bei den von ihm mit veranstalteten großen Ausstellungen Neue Deutsche Kunst (1935) und Der Deutsche Westen (1939, 1942) vor. (Quelle: Kunstvereinsjubiläumsband, Wilfried Dörstel, 1989, S.187.)

1942-1972: Von Informel bis Happening und Fluxus
Toni Feldenkirchen und Josef Haubrich leiteten als Direktor bzw. Vorsitzender über dreißig Jahre das Programm des Kölnischen Kunstvereins. Nach dem 2.Weltkrieg rehabilitierte Toni Feldenkirchen die rheinischen Künstler, die ab 1933 verboten waren. Seit den 1960er Jahren wurde der Fokus auf Künstler der internationalen, vor allem französischen informellen Avantgarde mit Präsentationen von Georges Mathieu (1959, 1967), Pablo Picasso (1932, 1953, 1956, 1969), K.O. Götz (1957), Jean Paul Riopelle (1958), Andre Masson (1954), Ossip Zadkine (1960) erweitert. Die turbulente und skandalöse Ausstellung Happening und Fluxus mit Beiträgen und Aktionen von Joseph Beuys, Günther Brus, Alan Kaprow, Charlotte Moorman, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Ben Vautier und Wolf Vostell wurde 1970 auf Einladung des Kulturdezernenten Dr. Kurt Hackenberg von Harald Szeemann für den Kölnischen Kunstverein realisiert. Was damals zu massenhaften Austritten führte, ist heute Kunstgeschichte.

1973-1989: Neue Ausstellungsformate: Von der Videokunst zum Musée Sentimentale
Wulf Herzogenraths Ausstellungen waren von einer intensiven Auseinandersetzung mit neuen Ausstellungs- und Präsentationsformaten geprägt. 1976 konzipierte er die erste europäische Einzelausstellung des Videokunst-Pioniers Nam June Paik; ein Jahr später betreute er in Manfred Schneckenburgers Team für die documenta 6 in Kassel die Videokunst, die neben der Außenskulptur zu einem Kennzeichen dieser „Mediendocumenta“ wurde. Weitere Einzelpräsentationen, Konzerte und Filmabende mit Marcel Odenbach (1979, 1999), John Cage (1978, 1983), Mauricio Kagel (1975), Peter Campus (1979), Vito Acconci (1981), Michael Snow (1978), Charlotte Moorman (1976) oder Gerry Schum (1980) folgten. Mit seiner Ausstellungsreihe 10 in Köln, 8 in Köln etc. förderte er bewusst den lokalen Diskurs. Unvergessen ist die Ausstellung Le Musée Sentimental de Cologne von Daniel Spoerri 1979, in der Herzogenrath das Format einer Ausstellung mit historischem Bezug revolutionierte. Nicht nur historisch bedeutende Ausstellungsstücke wurden gezeigt, sondern insbesondere Alltagsgegenstände oder persönliche Erinnerungsstücke, die einen Bezug zur Stadtgeschichte Kölns hatten. Somit wurde Geschichte nachvollziehbar und erlebbar. Im Sinne einer historischen Wiederbelebung reaktivierte Herzogenrath 1984 auch die große Werkbundausstellung von 1914. 1980 gründete Herzogenrath mit einigen Kollegen den Dachverband der deutschen Kunstvereine, die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine, und war zehn Jahre ihr erster Vorsitzender. 1989 entstand unter seiner Leitung die Jubiläumsausstellung und der Katalog zum 150-jährigen Bestehen des Kölnischen Kunstvereins.

1990-1994: Von Christopher Wool bis Martin Kippenberger
Marianne Stockebrands Zeit als Direktorin des Kölnischen Kunstvereins war durch die Definition des Formats der Installation geprägt. Sie zeigte museale, kunsthistorisch maßgebliche Einzelpräsentationen von Ilya Kabakov (1992), Martin Kippenberger (1991), Georg Herold (1990), Robert Irwin (1994), Carl Andre (1994), Barbara Kruger (1990), Josef Albers (1992) oder Christopher Wool (1991). Darüberhinaus wurden ihre umfangreichen Ausstellungen häufig in Kooperation mit nationalen und internationalen Ausstellungshäusern produziert.

1994-2001: Die Installationskunst und der Goldene Löwe in Venedig
Udo Kittelmann initiierte in seiner Direktorenzeit den Central Kunstpreis, den einflussreiche Künstler wie Douglas Gordon (1998), Ernesto Neto (2000) oder Rirkrit Tiravanija (1996) erhielten und stellte mit südamerikanischen Künstlern wie Cildo Meireles (2000) und Fabian Marcaccio (2001), aber auch mit Präsentationen von Michel Majerus (2000) oder Öyvind Fahlström (1996) die Installation und das ästhetische Erlebnis in den Vordergrund seiner Amtszeit. 2001 erhielt der Deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig, den Udo Kittelmann kommissarisch betreute, den Goldenen Löwen mit der Präsentation von Gregor Schneiders Totes Haus Ur.

2002-2006: Das Projekt Migration und der Blickwechsel nach Osteuropa
Mit Einzelausstellungen von Roman Ondák (2004), Cezary Bodzianowski (2005), Julius Koller (2003) oder Sanja Ivekovic (2006) stellte Kathrin Rhomberg künstlerische Positionen vor, die die Vitalität einer Kunstszene in Osteuropa vor Augen führten und setzte sie mit den Ausstellungen von Jutta Koether (2006) und Cosima von Bonin (2004) zu einer Kölner Kunstszene in Bezug. Während ihrer Direktorenzeit übernahm Kathrin Rhomberg von 2002–2006 gemeinsam mit Marion von Osten die künstlerische Leitung des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Projekts Migration.

2006-2011: Kathrin Jentjens & Anja Nathan-Dorn
Mit Ausstellungen von Michael Krebber, Seth Price, Melanie Gilligan, Nora Schultz, Bela Kolárová & Lucie Stahl, Kerstin Brätsch & Das Institut, Stephen Prina, Boris Sieverts und Omer Fast hat das Direktorenduo Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn spezifische in Köln entwickelte Themen und Positionen der letzten Jahrzehnte beispielsweise der institutionellen Kritik oder der konzeptuellen Malerei im Hinblick auf heutige internationale Positionen weitergedacht. In Gruppenausstellungen wie Lecture Performance, die von Oliver Tepel kuratierte Ausstellung Les Disques du Crépuscule oder Verbotene Liebe: Kunst im Sog von Fernsehen wurden einerseits in der Tradition des Kunstvereins die Wechselwirkungen von Bildender Kunst zu Musik, Videokunst und Fernsehen untersucht, andererseits auch das Genre der Ausstellung und unterschiedlichen Möglichkeiten des Kuratierens reflektiert. Mark Leckey erhielt aufgrund seiner Ausstellung Resident (2008) den Turner Prize.

2012-2013: Ausstellung als Form
Mit den Ausstellungen “Janice Kerbel, Hilary Lloyd, Silke Otto-Knapp” (2012) und “A wavy line is drawn across the middle of the original plans” (2012) sowie Einzelpräsentationen von Stefan Müller (2013), Thea Djordjadze (2013) und Bernd Krauß (2012) stellte Søren Grammels Programmatik den Konzept-Charakter der Ausstellung und ihre Form ostentativ in den Mittelpunkt. Durch die Schaffung paralleler Strukturen wie dem Projektraum “OG2″ sowie Theorieforum (mit der Universität), KünstlerInnen-Stammtisch, Konzerten und einer Gratiszeitschrift wurde das Vermittlungsangebot diversifiziert.