Selbstbilder – Fremdbilder

Eine Filmreihe von Antje Ehmann und Harun Farocki.
07.11. – 07.12.2003

Das zeitgenössische Kino in Frankreich setzt sich in besonderer Weise mit migrationsbedingten Fragen auseinander. So extensiv, dass sich ein neues Genre gebildet hat, das „Cinema Beur” – Kino der nordafrikanischen Filmemacher, die in Frankreich aufgewachsen sind und Probleme der maghrebinischen Einwanderer in ihren Filmen thematisieren. In vielen dieser, wie auch anderer Filme des jungen französischen Kinos, trifft sich Frankreich als Kino- und Immigrationsland auf glückliche Weise. Abgesehen von ungewöhnlich erfolgreichen Produktionen wie „La Haine”, ist davon in Deutschland leider wenig zu sehen. Unser Bestreben war es jedoch nicht, rare oder entlegene Filme aufzutreiben, sondern gute und interessante Schlüsselwerke dieses engagierten Kinos zur Diskussion zu stellen, egal ob neu gefunden oder wieder entdeckt. (Harun Farocki und Antje Ehmann)

Eröffnungsvortrag Harun Farocki
anschließend Filmvorführung:
DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE / ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEISS (Jean-Luc Godard)
F 1966, 35mm, 90 min, Farbe, OmdU
Sie – das ist die Pariser Vorstadt und die Protagonistin, die als Hausfrau und Prostituierte versucht, in ihr zu leben. Der Film aus den sechziger Jahren ist Frankreichs erster Banlieue-Film, noch bevor es das Wort dafür gab.

LE THÉ AU HAREM D’ARCHIMÈDE / TEE IM HAREM DES ARCHIMEDES (Mehdi Charef)
F 1986, 110 min, Farbe, DF
Der Pilotfilm des „Cinema Beur” über die Freundschaft des Maghrebiners Majid und des gallischen Franzosen Patrick ist voller filmischer Intelligenz und hat bis heute nichts an Kraft und Aktualität verloren.

LA HAINE / HASS (Mathieu Kassovitz)
F 1995, 98 min, s/w, OmeU
Schon in den ersten Wochen erreichte ”La Haine” über 500.000 Zuschauer, gewann in Cannes den ‘Best Director Award’ und wurde zum meist besprochenen Film der letzten Jahre. Inzwischen ist der Ausdruck ”banlieue”, den dieser Film behandelt, zum Synonym für Frankreichs größte Probleme geworden: Arbeitslosigkeit, soziale Exklusion, Rassismus, Suburbanismus, Kriminalität und Gewalt.

LA PROMESSE (Luc et Jean-Pierre Dardenne)
Belgien 1996, 93 min, Farbe, OmdU
Die Gebrüder Dardenne – Virtuosen des veristischen Kinos – erzählen die Geschichte des moralischen Erwachens eines 15 jährigen Jungen, der die skrupellosen Machenschaften seines Vaters nicht mehr mitragen will. In dokumentarisch anmutender Präzision vermittelt der Film auch ein Bild dessen, wie die Not illegaler Einwanderer ausgenutzt wird.

NENETTE ET BONI (Claire Denis)
F 1996, 35mm, 103 min, Farbe, OmdU
Zu Recht bekam Denis Film, in Locarno mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet, ein überschwengliches Presseecho. Am Leitfaden der Geschichte des Geschwisterpaares Nenette und Boni geht es um die Realität des Marseille der Arbeiterklasse. Migrationsthemen fädeln sich hier mit Leichtigkeit als Teil dieser Wirklichkeit ein.

LA VIE DE JESUS / DAS LEBEN JESU (Bruno Dumonts)
F 1997, 96 min, Farbe, OmdU
Es geht um das Leben einer Gruppe von Jugendlichen, die in der Provinz ihre Zeit mit Mopedfahren und Autoschrauben totschlagen und von der Zukunft nichts zu erwarten haben. Atemberaubend bis zur letzten Minute schafft es Dumont noch in der kleinsten Banalität des Alltags ein Geheimnis aufscheinen zu lassen. Ein Debut-Film, der es geschafft hat, das französische Kino auf die schönste Höhe zu treiben.

SAMIA (Philippe Faucon)
F 2000, 73 min, Farbe, OmeU
Faucon erzählt in ”Samia”, wie die algerische Immigrantin und ihre drei Schwestern normale französische Jugendliche sein wollen, und was sie daran hindert. Man meint, diese Geschichte bereits zu kennen. Doch mit einem so besonderen Nachruck in Bildfindung und Erzählform haben wir es selten, vielleicht noch nie gesehen.

TERRA INCOGNITA
(Ghassan Salhab) F / Libanon 2002, OmeU, 35mm, 120 Min.
Der letztes Jahr in Cannes gezeigte „Terra Incognita” ist ein erstaunlicher Film über das Leben einiger Mitdreißiger im heutigen Beirut, einer Stadt im Wiederaufbau nach sieben Jahren Bürgerkrieg. Das Thema der Migration beschäftigt einen jeden der vorgestellten Protagonisten notwendigerweise, denn es gilt vor allem, zu dieser Frage eine Haltung zu gewinnen: Sollen wir hier leben und bleiben, oder besser fortgehen.


Contemporary cinema in France takes a particular look at issues concerning migration. So extensively, in fact, that a new genre has developed called “cinema beur”—films by North African filmmakers who have grown up in France and address the problems of Maghrebi immigrants. In many of these films, as in many other films by young French filmmakers, France is portrayed well as being both a country of cinema and of immigration. However, other than very successful films, such as “La Haine,” few of these are shown in Germany. Yet our aim was not to track down and screen rare or obscure films, but to show good, interesting, key works of this socially relevant style of film-making—regardless of whether they are new or rediscovered—as a basis for discussion. (Harun Farocki and Antje Ehmann)

Opening Lecture: Harun Farocki
Following the lecture:
DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE / TWO OR THREE THINGS I KNOW ABOUT HER (Jean-Luc Godard)
F 1966, in French, with German subtitles, 35mm, 90 Min.
The “Her” in the title refers both to the Paris suburb and the protagonist, who tries to live there as both housewife and prostitute. This film from the 1960s is France’s first banlieue film, created before the word for it was developed.

LE THÉ AU HAREM D’ARCHIMÈDE / TEA IN ARCHIMEDE’S HAREM (Mehdi Charef)
F 1986, in German, 16mm, 110 Min.
This pilot cinema beur film about the friendship between the Maghrebi Majid and the Gallic Frenchman, Patrick, abounds with cinematic brilliance and remains powerful and contemporary to this day.

LA HAINE / HATE (Mathieu Kassovitz)
F 1995, in French, with English subtitles, 35mm, 98 Min.
Over half a million viewers saw “La Haine” within weeks of its release. The film received the “Best Director Award” at the Cannes Film Festival and has become the most reviewed film in recent history. The banlieue, or Parisian “suburbs,” are the subject of the film and likewise a synonym for France’s worst problems: unemployment, social isolation, racism, suburbanism, crime, and violence.

LA PROMESSE / THE PROMISE (Luc et Jean-Pierre Dardenne)
B / F 1996, in French, with German subtitles, 35mm, 93 Min.
The Dardenne brothers—masters of Verist cinema—tell the story of the moral awakening of a 15-year-old boy who no longer wants to take part in his father’s unscrupulous practices. With documentary-style precision, the film conveys how illegal immigrants are exploited.

NENETTE ET BONI / NENETTE AND BONI (Claire Denis)
F 1996, in French, with German subtitles, 35mm, 103 Min.
Denis’s film, which received a “Golden Lion Award” at the Locarno Film Festival, justifiably received rave reviews. The film tells the tale of two siblings, Nenette and Boni, while also portraying the real life of the working class in Marseille. Migration issues likewise weave their way through this “reality” in a humorous way.

LA VIE DE JÉSUS / LIFE OF JESUS (Bruno Dumont)
F 1997, in French, with German subtitles, 35mm, 96 Min.
This film is about the life of a group of young people, who pass the time “out in the sticks” by driving around on their mopeds and fixing up old cars. Their future looks dim. Breathtaking to the last second, Dumont’s film manages to find mystery in the smallest, most banal details of everyday life. A début film that has enabled French cinema to soar to stunning heights.

SAMIA (Philippe Faucon)
F 2000, in French, with English subtitles, 35mm,73 Min.
In “Samia,“ Faucon tells the story of an Algerian immigrant and her three sisters who want to be normal, young, French people and what prevents them from achieving that. The story seems familiar, yet we have seldom, perhaps never, seen this kind of tale told in such a visually and narratively impressive way.

TERRA INCOGNITA (Ghassan Salhab)
F / Libanon 2002, in French, with English subtitles, 35mm, 120 Min.
“Terra Incognita,” screened last year at the Cannes Film Festival, is an amazing film about the lives of several people in their mid-30s in Beirut—a city in the throes of being rebuilt following a seven-year civil war. All of the film’s protagonists are naturally confronted with the topic of migration, and trying to coming to terms with the question: should we stay here and live, or leave?

Alle Geister kreisen

Filmreihe, zusammengestellt von Olaf Möller
01.10. – 09.10.2003

Als man Massen von Menschen aus so vielen Völkern Afrikas verschleppte und als Sklaven in die Neue Welt deportierte, sahen sich ihre Götter gezwungen, ihnen zu folgen und mit ihnen zu migrieren. Menschen verschiedener Völker kamen so zusammen, gründeten neue soziale Zusammenhänge – in einigen Fällen spätere Nationen – und damit neue Religionen, in denen zum Teil ihre alten Götter aufgingen und neue Götter gezeugt wurden oder die einfach auftauchten, geboren aus den Veränderungen des Daseins. Diese neuen alten Religionen, in deren Zentrum meist Besessenheitsrituale stehen, wie der Voodoo auf den Westindischen Inseln oder Macumba und Candomble in Brasilien, stehen im Mittelpunkt der von Olaf Möller zusammengestellten Filmreihe.
Olaf Möller, Cineast und Filmkritiker lebt und arbeitet in Köln.

WEST INDIES OU LES NEGRES MARRONS DE LA LIBERTE (Med Hondo)
Mauretanien/F 1979, 112 min, OmU
Ein Musical, das mit viel Ironie die 400 jährige Geschichte der Westindischen Inseln erzählt: Von der Aneignung der Karibik durch die verschiedenen Kolonialmächte bis zur heutigen Arbeitsmigration nach Europa.

Royal Bonbon (Charles Najman)
F 2002, 90 min, OmU
Dieser erste in Haiti gedrehte Film zeigt das Leben eines Mannes, der sich für die Reinkarnation von König Henri Christophe (1767-1820) hält, jenen Mannes, der Haiti die Unabhängigkeit brachte. Der Film wurde mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet.

LES ILLUMINATIONS DE MADAME NERVAL (Charles Najman)
F 2000, 90 min, OmU
Im Voudou-Tempel von Madame Nerval begegnen sich Götter und Menschen. Ein Porträt der Hohepriesterin, die über ihr Leben, ihre Träume und ihre Kontakte mit Geistern berichtet, vor allem mit Criminel, dem Gott ihres Tempels.

A DEUSA NEGRA / BLACK GODDESS (Ola Balogun)
Nigeria/Brasilien 1978, 150 min
Ein junger Mann afrikanischer Herkunft macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Er fährt nach Bahia und lernt dort eine schwarze Brasilianerin kennen, die ihn in afrikanische Kulte einweiht, und ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

BARRAVENTO (Glauber Rocha)
Brasilien 1962, 74 min, OmU
Der Erstlingsfilm Rochas schildert die sozialen Verhältnisse in einem Fischerdorf. „Ein sensibles gesellschaftskritisches Werk von hohen formalen und geistigen Qualitäten, realistisch und poetisch zugleich.“ (Lexikon des intern. Films)

O AMULETO DE OGUM (Nelson Pereira dos Santos)
Brasilien 1974, 117 min, OmU
Die mit Umbanda-Riten verwobene Geschichte eines unverwundbaren jungen Mannes, der zum gefürchteten Gangster wird, stirbt, um am Ende wieder aufzuerstehen. „Einer der größten brasilianischen Kinoerfolge der 70er Jahre.“ (Lexikon des intern. Films)

SANKOFA (Haile Gerima)
USA/BRD/Ghana/Burkina Faso 1993, 125 min, OmU
Das afrikanische Fotomodell Mona gerät während eines Shootings auf einer ehemaligen Sklavenfestung in den Bann Sankofas, der dort die ewige Totenklage singt. Er versetzt sie in eine andere Existenz als Sklavin auf einer Zuckerrohrplantage in Jamaika.

WELCOME II THE TERRORDOME (Ngozi Onwurah)
GB 1994, 92 min, OF
North-Carolina 1652: Eine Gruppe von Menschen soll als Sklaven gebrandmarkt werden. Stattdessen jedoch gehen diese ins Meer. Auf ihrem Weg nach Hause, nach Nigeria, müssen sie eine Art Hölle durchqueren: Den Terrordome, ein schwarzes Ghetto in einem faschistischen England, wo sich die Banden gegenseitig bekriegen, nur um von der Polizei massakriert zu werden. Ein britische Thriller in B-Movie-Ästhetik.

SOUVENANCE (Thomas Harlan)
F 1991, 127 min, OmU
Die ewige Wiederkehr eines Traums, verkörpert in der Figur Dessalines, einem ehemaligen Sklaven und späterem Kaiser Haitis, “von allen verehrt, wild, unberechenbar, und unbeugsam, geleitet von den Göttern Afrikas” (Charles Najman: Haiti, Dieu seul me voit). Nach seinem Tod hat sein Sohn Cheriza die Vision von der Wiederkehr Dessalines, mit der eine Befreiung der Inseln von der Armut eingeleitet wird

Julius Koller, Univerzálne Futurologické Operácie

19.07. – 21.09.2003

Július Koller hat „bis heute ein Werk und eine Position entwickelt, das in seiner Stringenz, Obsession und Eigenart eines der wohl erratischsten und konsequentesten der europäischen Gegenwartskunst zu nennen ist. Am ehesten vielleicht noch mit dem Universum eines Marcel Broodthaers vergleichbar”. (Georg Schöllhammer)

Die international erste, umfassende Einzelausstellung von Július Koller im Kölnischen Kunstverein handelt von Versuchen utopischer Raumaneignung im Bemühen um neue Kreativität, Imagination und größere Freiheit. Sie ist gemeinsam mit dem jungen Künstler Roman Ondák konzipiert worden, der 2004 selbst mit einer Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein vertreten sein wird.
Július Koller versteht seine künstlerische Praxis seit Mitte der 60er Jahre als einen „kulturellen Prozess”, in dem die Eigeninitiative des Subjektes, das zukunftsorientierte, kulturelle Situationen gestalten sollte von besonderer Bedeutung ist. Mit seinen Projekten hat er eine solche schrittweise, aktive Veränderung der Wirklichkeit in die Realität eingeschrieben.

Július Koller, geboren 1939 in Piestany (ehem. Tschechoslowakei) lebt und arbeitet in Bratislava.


Július Koller has „consistently developed his position up to the present day, and an oeuvre that in its stringency, obsession and peculiarity could well be called one of the most erratic and consistent of European contemporary art. It is perhaps most comparable with the universe of a Marcel Broothaer.“ (Georg Schöllhammer)

The first international, comprehensive solo exhibition of Július Koller at the Kölnischer Kunstverein deals with attempts of a utopian appropriation of space in the course of striving for new creativity, imagination and greater freedom. It was conceived together with the young artist Roman Ondák, who will be represented with a solo exhibition at the Kölnischer Kunstverein himself in 2004.
Július Koller regards his artistic practice since the mid-60s as a „cultural process“, in which the self-initiative of the subject that is to shape future-oriented, cultural situations has a special significance. With his projects he has inscribed this kind of step-by-step, active transformation of real life into reality.

The exhibition shows a selection from Július Koller’s extensive work since the 1960s up to the present. It comprises text-pictures, objects, collages, photo works, manifestos and a video documentation.

Július Koller, born 1939 in Piestany (former Czechoslovakia), lives and works in Bratislava.

LE CINÉMA DU MÉTISSAGE *THE CINEMA OF IN-BETWEEN * DAS KINO ZWISCHEN DEN KULTUREN

Eine Filmreihe zur Kultur der Migration, ausgesucht von Georg Seeßlen.
06.06. – 29.07.2003

Die Geschichte der Menschheit entsteht aus den Schmerzen, den Gefahren, den Chancen und dem Glück der Wanderungen. Und so unterschiedlich die Gründe dafür sind, die Heimat zu verlassen und in der Fremde sein Glück oder auch nur das Überleben zu suchen, so unterschiedlich sind die Bedingungen der Reise und, vor allem, die Bedingungen des Ankommens und des neuen Zusammenlebens. Davon muss erzählt werden, immer neu, daraus entstehen immer neue Bilder.
Vor mehr als hundert Jahren entstand ein neues Medium für das Erzählen in Bildern, das sich wie kaum ein anderes dazu eignet, die Geschichten der Wanderungen, die Geschichten vom Leben in mehreren Kulturen, die Geschichten vom Weggehen und Ankommen, zu verbreiten. Das Kino ist selbst ein Medium auf der Wanderschaft, ein „kreolisches” Medium, das Technik, Themen und Talente auf den Weg zwischen die Kulturen schickte. In Hollywood entstand die große Welt-Traumfabrik der Migration. In Europa wurde jedes Land der Kamera zu klein. Filmfestivals sind Knotenpunkte teils virtueller teils realer Migrationen. Und das Kino war für so viele Emigranten die erste Heimat in der Fremde, wie es für andere die Sehnsucht nach der Ferne weckte.
Seit den sechziger Jahren haben die Verbannungsabenteuer und Migrationsbewegungen eine andere Qualität. Ihre Erzählung steht im Zeichen von Ökonomie und Medien. Das persönliche Schicksal muss vor der doppelten Ausbeutung gerettet werden. Und wieder ist es der Film, der eine Chance (keine Garantie!) dafür gibt, dass erzählt werden kann, gegen die wirtschaftliche Willkür, die bürokratische Kälte, die grausam dumme Gewalt.
Unsere Filmreihe soll nicht nur die Weite und Vielfalt der Bild-Erzählungen der Migration repräsentieren. Alle vier Akte im Drama der Migration werden in Beispielen vorgestellt: Die Gründe für das Weggehen, die Abenteuer und Gefahren der Reise, die Schocks und Enttäuschungen beim Ankommen, der Beginn des neuen Lebens in der Fremde, die langsam nicht mehr nur Fremde ist, aber nie ganz „Heimat” wird. Erzählt wird von den Triumphen und vom Scheitern, von den Grotesken und den Tragödien, von den Konflikten zwischen den Traditionen, den Sprachen, den Geschlechtern und den Generationen. Es gibt ein Kino der Anklage, sogar ein Kino der Verzweiflung, es gibt ein Kino der Rebellion und ein Kino der Ironie, des lustvollen Spiels mit Klischees. In alledem aber gibt es ein Kino der Zukunft in den Migrationserzählungen des Films.
Worauf läuft die Bewegung der Migration hinaus? Die Hoffnungen auf die glückliche Rückkehr oder auf das vollständige Verschwinden des „Fremden” im „Einheimischen” erfüllen sich selten. Aber vielleicht gibt es eine viel größere Hoffnung: Die Entstehung einer neuen, offenen Kultur zwischen den Kulturen. Eine Kultur, die den Migranten ebenso wie den Menschen der oft wahrhaft eingesessenen Kulturen neue Chancen eröffnet. Das Kino jenseits der globalen Traummaschinen kann ein wundervolles Modell dafür sein, wie aus den Konflikten die Bereicherung entsteht. Denn so wie Menschen, die zwischen den Kulturen oder in mehreren Kulturen gleichzeitig leben, genauer sehen, reicher erzählen, freier gestalten können, so ist das Kino zwischen den Kulturen beweglicher und unabhängiger. Die besten europäischen „Heimatfilme” entstehen aus der Perspektive der Métissage.
Im Kino vollzieht sich eine Bewegung zur Emanzipation. Sie verläuft, unter anderem, von Bildern über die Kultur der Migration zu Bildern aus der Kultur der Migration. Während es vom Elend spricht, das in der Geschichte der Migration aufgehoben sein muss, spricht das Kino auch schon von den Hoffnungen und Utopien. Sie liegen weder in Trennung noch in Auflösung. Sondern in der Offenheit. Im Kino ist das, ganz direkt, eine Frage der Einstellung. (Georg Seeßlen)

Zire puste shahr / Under the skin of the city (Rakshan Bani-Etemad)
Iran 2001, 92 min
Ein Film über eine Mutter, die hart arbeitet, um ihre Familie durchzubringen. Ihr Sohn ist besessen von der Idee in Japan zu arbeiten, um dort reich zu werden – ein Traum, der unter den Jugendlichen im Iran weit verbreitet ist.

IM GHETTO 1
Kurz und schmerzlos (Fatih Akin)
D 1998, 100 min
Drei Freunde aus Hamburg-Altona, ein Türke, ein Serbe und ein Grieche, schlagen sich durch ein Leben zwischen Gelegenheitsgaunereien und Knast sowie Gedanken über Leben, Liebe und mögliche Karrieren. Die authentische Milieuschilderung zeigt ungeschönt und nachvollziehbar die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in der Großstadt.

KOMÖDIEN & KLAMOTTEN-NACHT
Drachenfutter (Jan Schütte)
D 1987, 79 min
Der Film erzählt die Geschichte von zwei Ausländern, denen man in Deutschland keine Chance lässt. Ein leiser und poetischer Schwarzweiß-Film (umkopiert auf Farbmaterial), der unaufdringlich und teils humorvoll für die Sache der Flüchtlinge wirbt.

Geboren in Absurdistan (Houchang Allahyari)
A 2000, 110 min
Im Krankenhaus werden die Babys eines österreichischen Kleinbürgerpaares und einer türkischen Familie verwechselt, die bereist wieder in die Türkei abgeschoben wurden. Nun reisen Stefan und Marion der Familie in die Türkei nach und versuchen verzweifelt, die anderen zu einem Vaterschaftstest zu überreden.

Erkan & Stefan gegen die Mächte der Finsternis (Axel Sand)
D 2002, 80 min

KINDERPROGRAMM
Granica – Die Grenze (Robert Thalheim)
D 2001, 12 min
Ein Tag in einer Stadt an der deutsch-polnische Grenze, in der eine Brücke die beiden Welten verbindet und ein kleiner Junge seine ersten Erfahrungen mit dem Grenzgang macht.
Isabel auf der Treppe (Hannelore Unterberg)
DDR 1984, 70 min
Eine junge Chilenin im politischen Exil erfährt was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem sie nicht willkommen ist.

IM GHETTO 2
Babylon 2 – Das große Mitte-Land (Samir)
CH 1993, 80 min
Die urbanen Gesellschaften der nördlichen Halbkugel zeichnen sich durch eine neue landschaftliche Formation aus: dem endlosen Vorort. In diesen Landschaften sind alle Menschen Emigranten. Ob sie aus dem Lande selbst, von außerhalb oder von einem andern Kontinent kommen. Ihre ursprüngliche Kultur und Sprache reproduzieren sie meist nur noch mit Hilfe der Medien. Doch die junge zweite Generation beginnt sich mit Hilfe dieser Medien eine eigene Identität aufzubauen. Die essayistische und filmische Reflexion der drei Themen Suburb – Emigration – Massenmedien untersucht diesen Prozess anhand des schweizerischen Mittellandes.

Geschwister / Kardesler (Thomas Arslan)
D 1996, 82 min
In einer Familie stehen sich die verschiedenen Wege des Lebens in der Kultur der Métissage gegenüber: Rückkehr in die Heimat, Anpassung an die neuen Lebensumstände, Kriminalität im Ghetto.

KRIEG, FLUCHT UND ASYL
Le clandestin / Der blinde Passagier (José Laplaine)
Zaire 1996, 15 min, OmU

L’america (Gianni Amelio)
I/F 1994, 115 min
Ein 28-jähriger Italiener will mit einem Geschäftspartner offiziell eine Schuhfabrik in Albanien aufbauen, in Wahrheit aber nur Subventionen ergaunern. Eine eindrucksvolle und bittere Bestandsaufnahme, die eine beklemmende Vision über den Verlust von Identität und Würde entwirft, der der Einzelne ebenso wie ein ganzes Volk ausgesetzt ist.

KOSMISCHE MIGRATIONEN: EIN PHANTASTISCHER VIDEO-ABEND
Alien nation (Graham Baker)
USA 1988, 91 min

Brother from another planet (John Sayles)
USA 1984, 108 min

Men in black (Barry Sonnenfeld)
USA 1997, 98 min

PROGRAMM FÜR JUGENDLICHE
Ghetto kids (Christian Wagner)
D 2003, 90 min
Kinder der vierten Generation, die im Münchner Stadtteil Neuperlach leben zwischen Hoffnung und Absinken in die Kriminalität.

KOMÖDIEN UND TRAGIKOMÖDIEN DER METISSAGE 1
Getürkt (Fatih Akin)
D 1997, 12 min
Kurzspielfilm um einen jungen Türkischdeutschen, der bei seiner Mutter in der Türkei auf Urlaub ist und dort mit Gangstern in Konflikt gerät. Eine „späte Liebeserklärung an die Heimat” des Regisseurs und Satire über Klischees.

Les années lycée – sa vie à elle / Ihr eigenes Leben (Romain Goupil)
F 1995, 84 min
Tragikomödie um die 17jährige Tochter algerischer Immigranten in Paris, die eines Tages mit Kopftuch in der Schule erscheint und darob von Lehrern und Mitschülern Ablehnung und Misstrauen erfährt.

KRIEG, FLUCHT UND ASYL 2
Waalo fendo – Lá où la terre gèle (Mohammed Soudani)
CH 1997, 63 min
Der Traum vom reichen Europa führt den Senegalesen Yaro nach Italien. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder wollen sie Geld für die Familie verdienen. Wenig später wird Yaros Bruder in Mailand ermordet, und Yaro bricht auf, den Mörder und seine Beweggründe aufzuspüren. Schweizer Filmpreis 1998.

Escape to paradise (Nino Jacusso)
CH 2002, 90 min
Dokumentar-Spielfilm, in dem die Betroffenen ihr eigenes Leben darstellen: Die kurdische Familie von Semuz, seine Frau und ihre drei Kinder sind nach ihrer Flucht in einem Schweizer Asylzentrum untergebracht, wo sie auf den Bescheid der Behörden warten. Unter dem Einfluss eines Freundes der Familie beschließt Semuz mit gefälschten Papieren und einer mühsam auswendig gelernten falschen Biographie seine Chancen zu verbessern und bringt seine Familie damit nicht nur um das letzte Hab und Gut, sondern auch beinahe um ihre (ungewisse) Zukunft in der Schweiz.

LANGE NACHT: FRAUEN AM BALL
Mädchen am Ball (Aysun Bademsoy)
D 1995, 45 min
Dokumentation einer Fußballmannschaft türkischstämmiger Mädchen in Deutschland, zwischen den Vorbehalten ihrer Familien und den Problemen mit doppelter Diskriminierung

Nach dem Spiel (Aysun Bademsoy)
D 1997, 60 min

Bend it like Beckham (Gurinder Chadha)
GB 2002, 112 min

LANGE NACHT: FRAUEN IN DER MIGRATION
40 m² Deutschland (Tevfik Baser)
D 1986, 80 min
Der Gastarbeiter Dursun holt nach der Tradition seine junge Frau Turna durch „Kauf” aus seinem Dorf und sperrt sie in seiner Wohnung in Deutschland ein, um sie vor der bunten und gefährlichen Welt zu schützen. Noch in seinem Tod lastet der Mann als Bürde auf ihr.

Marie-Line (Mehdi Charef)
F 2000, 100 min
Marie-Line (Muriel Robin) ist die gefürchtete Chefin einer Putzkolonne, die vorwiegend aus illegalen Einwanderern besteht. Um wieder den Preis als beste Putzkolonne des Jahres zu gewinnen, ist der ehrgeizigen und arbeitswütigen Frau jedes Mittel recht. Das Supermarkt-Kammerspiel von Mehdi Charef gibt ein alltägliches und überzeugendes Beispiel von gelebter Solidarität mit den „sans papiers” in Frankreich.

FREMDE UNTER FREMDEN
Down and out (Espen Vidar)
Norwegen 1995, 10 min

Lola und Bilidikid (Kutlug Ataman)
D 1998, 93 min
Die Geschichte des sechzehnjährigen Türken Murat in Berlin, der sich vor allem in der eigenen Familie mit dem „Stigma” seiner Homosexualität konfrontiert sieht. Sein Bruder Osman empfindet Liebe zwischen Männern als das furchtbarste, was es geben kann. Murat findet eine eigene Identität in den Bars der Transsexuellen und Transvestiten. Er verliebt sich in den Transvestiten Lola. Aber Lola hat ein Geheimnis, in dem Osman eine überraschende Rolle spielt.

GLOBAL VILLAGE NIGHT
Amsterdam global village (Johan van der Keuken)
NL 1996, 245 min
Ein vierstündiges Portrait von Johan van der Keukens Heimatstadt Amsterdam, die seit Jahrhunderten so vielen Unterschlupf gewährt und dabei den Charme eines Dorfes beibehalten hat. Wie eine gewaltige musikalische Komposition mit vielen Themen, vielen Motiven und Variationen evoziert der Film das Unverwechselbare dieser Stadt und ihrer Bewohner – Holländer, Emigranten, Flüchtlinge, Zugereiste – die Amsterdam mit der ganzen Welt verbinden.

LEBEN IN MEHREREN KULTUREN 1
Das Hochzeitsbankett (Ang Lee)
USA/Taiwan 1993, 106 min
Ein junger, homosexueller Taiwanese in New York kann einer arrangierten Hochzeit nur entgehen, indem er den Eltern eine Scheinehe vormacht.

KOMÖDIEN UND TRAGIKOMÖDIEN DER MÉTISSAGE 2
Salut cousin! (Merzak Allouache)
F 1996, 103 min
Komödie um einen jungen Algerier, der hier seinen Cousin besucht, der ein bemerkenswertes Talent hat, in gefährliche und peinliche Situationen zu kommen. Alilo entdeckt, dass das Leben in Paris weder so glamourös noch so abgründig ist, wie man es ihm erzählt hat.

Filmemacherinnenrunde
Thomas Arslan, Sülbiye Günar, Ayse Polat und Hilmi Sözer diskutieren und sprechen anhand von Beispielen über Filme zum Thema „Migration”. Moderation: Georg Seeßlen

Karamuk (Sülbiye Günar)
D 2002, 94 min (in Anwesenheit der Regisseurin)
Johanna, ein 17-jähriger Teenager, träumt davon, in Paris Modedesign zu studieren. Auf der Suche nach der Finanzierung ihrer Träume, macht Johanna eine Entdeckung, die sie zunächst völlig verunsichert: Nicht der langjährige Freund der Mutter ist ihr Vater, sondern ein Türke, der in Köln ein elegantes Restaurant besitzt. Bevor sie sich versieht, ist sie mitten im türkischen Familienklüngel – und mitten im ersten großen Abenteuer ihres Lebens. (Preisverleihungen: Women´s Film Festival Torino (2003), Créteil/France (2003), Houston World Film Festival, USA (2003)

ON THE ROAD
Auslandstournee (Ayse Polat)
D 2000, 85 min
Nach dem Tod des Vaters übertragen die Nachbarn die Sorge für die elfjährige Senay dem einzigen Freund der Familie, dem schwulen Nachtclubsänger Zeki, der nach anfänglichem Widerwillen die Aufgabe übernimmt, sie von Hamburg nach Istanbul zu ihrer Mutter zu bringen, die Senay nie gesehen hat.

Suzie Washington (Florian Flicker)
A 1998, 87 min
Nana ist ein so genannter „Wirtschaftsflüchtling” aus Georgien. „Mein Land begeht Selbstmord” erklärt sie einer Grenzbeamtin, deshalb will sie zu ihrem Onkel nach Amerika. Weil ihr Visum gefälscht ist, wird ihr auf dem Wiener Flughafen die Weiterreise verwehrt. Es beginnt eine abenteuerliche Odyssee durch Österreich. Flicker erzählt die Geschichte ohne sozialanklägerisches Pathos, grotesk-komische und bedrohliche Situationen wechseln einander ab, mit Anleihen beim „Heimatfilm” und beim „Roadmovie”.

LEBEN IN MEHREREN KULTUREN 2
Italianamerican (Martin Scorsese)
USA 1974, 45 min

Denk ich an Deutschland – Wir haben vergessen zurückzukehren (Fatih Akin)
D 2000, 59 min
Fatih Akin begibt sich in seinem ersten Dokumentarfilm auf die Suche nach seinen familiären Wurzeln. Dabei gewährt er einen sehr persönlichen Einblick in das Leben seiner türkischen Familie und nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise von Hamburg-Altona nach Filyos, einem kleinen Fischerdorf am Schwarzen Meer, von wo sein Vater 1965 auszog, ein neues Leben in Deutschland zu beginnen. Fatih Akin nennt sein Familienporträt einen „Einwanderungsfilm”. Er verkörpert wie nur wenige andere den kreativen Geist der zweiten Generation von Einwanderern in Deutschland. Mit vielen Facetten reagiert er auf die kulturelle Spannweite – als Schauspieler in eigenen und fremden Filmen sowie als Autor und Regisseur

LANGE NACHT AMERIKANISCHER TRÄUME
America, America (Elia Kazan)
USA 1963, 174 min
Die Geschichte einer langen Reise der Hoffnung erzählt nach der Lebensgeschichte des Onkels des Regisseurs.

Someone else’s America / Paradies, Brooklyn (Goran Paskaljevic)
F/D/UK/GR/YU 1995, 95 min
Paradies, Brooklyn ist ein wahres Märchen über zwei Emigranten, die in einer heruntergekommenen Ecke von Brooklyn leben, aber mit ihrem Herzen an der alten Heimat hängen. Bayo, illegaler Einwanderer aus Montenegro, hat mit seinem Hahn Unterschlupf beim Spanier Alonso gefunden. Alonso lebt mit seiner blinden Mutter in der „Paradies-Bar” und träumt von der Liebe. Die schöne syrische Nachbarstochter Afisi hat es ihm angetan, doch da ist noch der reiche Gemüsehändler, der sich um sie bemüht. Zu allem Kummer will seine Mutter unbedingt nach Spanien zurückkehren, bevor sie stirbt. Als nun auch noch Bayos Mutter und seine Kinder auftauchen, ist das Chaos perfekt.

Slow (e)motion oder der entschleunigte Raum

Filmreihe
10.05. – 11.06.2003

Die Beziehung zwischen dem Gezeigten und der Aufforderung zur Imagination des Nicht-Zeigbaren ist der rote Faden, der sich durch die von den Künstlern Josef Dabernig und Deimantas Narkevicius zusammengestellten Filmreihe zieht, die anlässlich der Gruppenausstellung von Mai bis Juni 2003 im Kino in der „Brücke” gezeigt wurde.
„Im Mittelpunkt der vorgestellten filmischen Arbeiten steht das Reisemotiv, der Raum in Bewegung. Raum wird sowohl als ‚motion’ im physischen Sinne wie auch als ‚emotion’ in seiner psychologischen Bedeutung angesprochen und vielschichtig auf einer breiten Palette künstlerischer Spielarten vermittelt.
Beabsichtigt ist die Fokussierung des Programms in Richtung verhaltenes Phlegma: Nicht selten werden die Ränder der langen Weile ausgelotet und lineare Projektionen ins sprichwörtliche Nichts geführt. Gerade im Entzerren der forcierten Spirale scheinen sich Restfreiheiten des Subjekts als vage Utopien abzubilden.” (Josef Dabernig)

„Die präsentierten Filme sind dokumentarisch, gleichwohl dieser Begriff im Kino fragwürdig ist, da die Inszenierung und das besondere Arrangement sowie die Intention des Autors gegenüber dem Aufgenommenen eine Rolle spielen. Nur der Ort, an dem eine Filmaufnahme geschieht, klassifiziert sie als Dokument.
Die Filme dieser Serie spielen an äußerst unterschiedlichen Orten: auf einem Schlachtfeld, im Büro einer Wohlfahrtsorganisation, in der Stadt der Jugendzeit, in Sibirien und auf einem Sportwettbewerb. Jeder dieser Orte dient als Hintergrund für eine dramatische Handlung, die – in der Aufnahme verschiedener Regisseure – ihre subjektiven Perspektiven wiedergeben.
Als Hintergrund wurden Landschaften oder urbane Szenerien ausgewählt, sie dienen als Kulisse der auf Film aufgezeichneten Handlung. Dominiert werden die Filme durch cinematographische Erzählungen, die sich gegen einen unveränderlichen Rahmen absetzen. Dieser passive Ort, in der Filmsprache als „Natur” bezeichnet, liefert den ursprünglichen Vorwand für die Handlung. Die Story ihrerseits verleiht dem Rahmen, der direkt mit der visuellen Artikulation unmittelbar vollzogenener Handlungen verbunden ist, eine neue Qualität. Der gleiche Ort wird zur Stimmung der soeben wahrgenommenen Handlung, wenigstens für eine kurze Zeit.” (Deimantas Narkevicius)

Wir müssen heute noch an Ihr Vorstellungsvermögen appellieren…

…um im Namen der Kunst vor- und rücksichtslos den Raum zu behaupten, in den Sie oder wir uns gedrängt haben. Mit welchem Recht fragen Sie jetzt sicherlich.

Kamal Aljafari, Cezary Bodzianowski, Josef Dabernig, Halt+Boring, Sanja Ivekovic, Thomas Kilpper, Július Koller, Jiri Kovanda, Josh Müller, Roman Ondák, Anatoly Osmolovsky, rasmus knud, Hans Schabus, Werner Würtinger, Heimo Zobernig 10.05. – 22.06.2003

Vor dem Hintergrund der Diskussionen um die Vergabe der „Brücke” an den Kölnischen Kunstverein thematisiert die Ausstellung Ansprüche, die Kunst erhebt, und stellt Fragen nach den Wirkungsmöglichkeiten und der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst.
Kann Kunst der Imagination Freiräume für Ideen, Überzeugungen und Erkenntnisse öffnen, die wir noch gar nicht kennen? Welchen Raum braucht die Kunst, durch welche Qualitäten zeichnet er sich aus, welche Einflüsse übt er auf die Wahrnehmung, auf Denken und Handeln aus? Kann Kunst Widerstand gegen die Regime der Gewöhnung sein und Haltungen und Strategien entwickeln, die jeder kritiklosen Anpassung an vermeintliche Unabänderlichkeiten widersprechen?


„On behalf of art we must appeal to the power of your imagination this very day to boldly and recklessly assert the space, into which you or we have pushed us. By what right, you will surely ask now.“

Kamal Aljafari, Cezary Bodzianowski, Josef Dabernig, Halt+Boring, Sanja Iveković, Thomas Kilpper, Július Koller, Jiři Kovanda, Josh Müller, Roman Ondák, Anatoly Osmolovsky, rasmus knud, Hans Schabus, Werner Würtinger, Heimo Zobernig

Our first exhibition in the “Brücke”, the new domicile of the Kölnischer Kunstverein, will open on May 9th, 2003. The title of the exhibition programmatically stands for discussions in recent months in conjunction with the search for a suitable space for the Kölnischer Kunstverein.

In this context, the exhibition addresses fundamental questions that determined the protracted and controversial disputes involving the search for appropriate spaces for the Kölnischer Kunstverein; questions about the claims that art makes.

How much and what kind of space is allocated to art in times, when “real” problems and the urgent necessity of dealing with them occur? To what extent and for which reasons do conceptions of reality and relevance alternate in times of an “exceptional situation”, and which possibilities does art have for intervening in the different conceptions of reality? Which of art’s individual possibilities of impact can be deployed, and how do these, for their part, shape the power of the circumstances or leave them untouched? Which significance is attributed to imagination? Is art capable of opening up “free spaces” for insights and convictions, which we do not yet know?

The exhibition also stands for the unfinished, construction site state of the “Brücke”.
As such it is an appeal to the power of imagination to replace all that is unfinished and the scaffolding that is still standing with the image of a completely renovated “Brücke”. Current developments have shown that the will of the Kölnischer Kunstverein to return the “Brücke” to the original state planned by Wilhelm Riphahn 1949/50 and thus to make the architectonic quality of the building visible again, can only be realized in a controversial process. Both the exhibition and the state of the building mirror this process, the building site becomes a metaphor for the current cultural political situation in Cologne.

The renovation of the “Brücke” under the direction of the architect Adolf Krischanitz is defined by a radicality and straightforwardness committed to the architectonic quality and the historical context of the building. In his conception of the renovation work, Krischanitz consciously rejected any “temporariness”, in order to return to the building the materiality and identity that it had already lost. Exploring, uncovering and supplementing characterize Krischanitz’ processual renovation, which will become recognizable for the first time with the first exhibition in the “Brücke”. The focal point for this is the former reading room of the “Brücke”, which Wilhelm Riphahn already thought of as an exhibition space.

The relationship between what is shown and the appeal to imagine what cannot be shown is the red thread through the film series put together by the artists Josef Dabernig and Deimantas Narkevicius, which will be screened in the cinema of the “Brücke”. With this film series, the Kunstverein, in cooperation with various partners, begins an intensive and exclusive use of the cinema in the “Brücke” as a program cinema. The film program thus enables an in-depth exploration of the positions and themes shown in the exhibition, and includes short films and feature films by Kurt Kren, Gerard Holthuis, Daniela Kostova, John Smith, Otto Zitko, Thomas Korschil, Hans Scheugel, Peter Watkins, Algimantas Maceina, Werner Herzog, Frederick Wiseman, Sarunas Bartas, David Lamelas.

2003

Link

Screening: Selbstbilder – Fremdbilder, 07.11.2003-07.12.2003
Einzelausstellung: Florian Pumhösl, CENTRAL Kunstpreis, 11.10.2003-14.12.2003
Screening: Alle Geister kreisen, 01.10.2003-09.10.2003
Einzelausstellung: Julius Koller, Univerzálne Futurologické Operácie, 19.07.2003-21.09.2003
Screening: LE CINÉMA DU MÉTISSAGE *THE CINEMA OF IN-BETWEEN * DAS KINO ZWISCHEN DEN KULTUREN, 06.06.2003-29.07.2003
Ausstellung: Wir müssen heute noch an Ihr Vorstellungsvermögen appellieren…, 10.05.2003-22.06.2003
Screening: Slow (e)motion oder der entschleunigte Raum, 10.05.2003-11.06.2003
Einzelausstellung: Ann-Sofi Sidén, Warte mal!, 14.02.2003-18.04.2003

2003

Link

Screening: Selbstbilder – Fremdbilder, 07.11.2003-07.12.2003
Einzelausstellung: Florian Pumhösl, CENTRAL Kunstpreis, 11.10.2003-14.12.2003
Screening: Alle Geister kreisen, 01.10.2003-09.10.2003
Einzelausstellung: Julius Koller, Univerzálne Futurologické Operácie, 19.07.2003-21.09.2003
Screening: LE CINÉMA DU MÉTISSAGE *THE CINEMA OF IN-BETWEEN * DAS KINO ZWISCHEN DEN KULTUREN, 06.06.2003-29.07.2003
Ausstellung: Wir müssen heute noch an Ihr Vorstellungsvermögen appellieren…, 10.05.2003-22.06.2003
Screening: Slow (e)motion oder der entschleunigte Raum, 10.05.2003-11.06.2003
Einzelausstellung: Ann-Sofi Sidén, Warte mal!, 14.02.2003-18.04.2003

Ann-Sofi Sidén, Warte mal!

14.02. – 08.04.2003

Ann-Sofi Sidén beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Absurdität des Normalen und Alltäglichen. In Arbeiten wie „Who Has Enlarged This Hole?” (1994) und „Who Told the Chambermaid?” (1999) beleuchtet sie die menschliche Psyche mit ihren Versuchen, einander widersprechende Forderungen von Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnissen zu bewältigen. Die Sphären der sozialen und ökonomischen Aktivitäten entpuppen sich dabei oftmals als besonders geeignete Operationsfelder, um das eigentlich verborgene Gesicht menschlicher Realität aufzudecken. So auch in ihrer Arbeit „Warte Mal!”, die sie im Kölnischen Kunstverein zeigt.
„Warte Mal!” ist eine Videoinstallation, in der Ann-Sofi Sidén den Besucher mit dem Ort Dubi, an der deutsch-tschechischen Grenze, konfrontiert. An dieser geopolitischen Schnittstelle entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und nach Öffnung der Grenzen 1989 ein neuer Wirtschaftszweig: die Massenprostitution. Hunderte von Mädchen aus ganz Osteuropa arbeiten hier als Prostituierte und versuchen, die meist deutschen, vorbeifahrenden Autos anzuhalten, indem sie ihnen „Warte Mal!” hinterher rufen – oft die ersten deutschen Worte, die die Mädchen lernen.

Ann-Sofi Siden ist 1999 aus Neugierde und Interesse in diese Region gefahren, hat sich dort über einen Zeitraum von neun Monaten aufgehalten, und mit ihrer Handkamera ein dichtes Porträt erstellt, das sich aus verschiedenen filmischen Komponenten zusammensetzt: Wir sehen Interviews mit Prostituierten, Zuhältern, Polizisten und lernen ein Ehepaar kennen, das in ihrem Motel die Zimmer stundenweise an die Mädchen und ihre Kunden vermietet. Dabei lässt Ann-Sofi Sidén den Besucher stets durch „ihre Augen” sehen, was eine große Intensität zur Folge hat. Daneben präsentiert uns die Künstlerin eine Projektion, wie die Mädchen ihre potenziellen Kunden auf der Strasse anzulocken versuchen, ihr Tagebuch, zeigt verschiedene Landschaftsaufnahmen und Filmstills, wie sie die Mädchen sieht, mit ihnen feiert und lebt.

Innerhalb der Arbeit entsteht ein narrativer Zirkelschluss der individuellen Lebensgeschichten. Wir erfahren von Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen der Interviewpartner und schnell wird deutlich, wie verstrickt und abgründig die menschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und Hierarchien der Interviewten untereinander sind. Durch ihren internen Report ermöglicht es uns Sidén, in eine scheinbar ganz eigene, abgeschlossene Welt abzutauchen, fernab von unserem gewohnten sozialen Mikrokosmos. Sie lässt uns einen intimen Einblick in eine geheime Welt nehmen, die sonst im Verborgenen bleibt.

Dabei nimmt Ann-Sofi Sidén stets eine eher beobachtende Perspektive ein, die zwar einen drastischen Konfrontationskurs einschlagen kann aber niemals moralisiert oder verurteilt. Vielmehr liegt es am Betrachter, zu beobachten und zu reagieren. Sidén spielt mit dem Besucher, der seine „sichere Rolle” unweigerlich verlassen muss. Einerseits fühlt er sich zwar als Voyeur, doch gleichzeitig ist er schon in den Bann des Verborgenen gezogen und wird damit zum Partizipient. Sie nutzt die Freiheit der Kunst, um den Zuschauer mit einer bis dahin unbekannten, geheimen Realität zu konfrontieren, die ihn automatisch dazu bewegt, Position zu beziehen,
wenn er den Einzelschicksalen der teilweise bewegenden, unscheinbaren oder abstoßenden Charaktere lauscht.
Sidén arbeitet mit einem dokumentarischen Verfahren, das sie jedoch durch architektonische,
bildhauerische, fotografische und performative Dimensionen zu einer vielschichtigen konzeptuellen Gesamtheit erweitert. Dabei werden die filmischen Komponenten in einer Raumarchitektur zueinander in Wechselwirkung gesetzt, sodass die vielfältigen formalen Ausdrucksformen in Interaktion treten und ein Netz unterschiedlicher Perspektiven und Blickpunkte entsteht.

Durch diese Strategie der Vernetzung und die bewusst beiläufige Bildsprache gelingt es ihr, die Zeichen- und Zeitdimension der Medien, des Fernsehfilms und des Kinos zu unterlaufen, die sich auf Sekundenblicke konzentrieren, um eine technisch perfekte Wirklichkeitsillusion zu erzielen. Sidéns Arbeit zeichnet sich vielmehr durch eine unmittelbar wirkende Ästhetik aus, die einer malerischen Auffassung vergleichbar ist und Entdeckung bzw. Kunstgriff zugleich ist.

Die Ausstellung wird im Zusammenhang mit dem von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Projekt Migration präsentiert und erstmals in Deutschland gezeigt. „Warte Mal!” war 1999/2000 in der Secession in Wien sowie 2002 in der Hayward Gallery in London zu sehen. Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein ist eine Weiterführung der Arbeit, für die Ann-Sofi Sidén eine neue Ausstellungsarchitektur entwickelt hat.
„Warte Mal!” von Ann-Sofi Sidén bietet die Möglichkeit einer ersten künstlerischen Begegnung mit dem Thema Migration, das den programmatischen Schwerpunkt des Kunstvereins im Jahr 2005 bilden wird.
Biographie
Ann-Sofi Sidén wurde 1962 in Stockholm geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Ausstellungen (Auswahl): Musée d´Art de la Ville de Paris (2001); Berlin Biennale (2001); Villa Arson, Nice (2000); Venice Biennale (1999), Secession, Vienna (1999); “Nuit Blance”, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (1998), Biennale de São Paolo (1998); “Zonen der Verstörung”, Steirischer Herbst (1997); “See What it Feels Like”, Rooseum, Malmö; Galerie Nordenhake, Stockholm (1995); “P.S. 1. Studio Artists 194″, P.S. 1, New York (1994).


The Swedish artist Ann-Sofi Sidén shows “Warte Mal!” at the Kölnischer Kunstverein, a video installation about the German-Czech border region. Following the collapse of Communism and the opening of the borders in 1989, a new business sector developed at this geopolitical intersection: mass prostitution.

Hundreds of girls from all over Eastern Europe work here as prostitutes, attempting to halt passing, usually German, cars by shouting “Warte Mal!” (“Wait a minute!”) – often the first words that the girls learn in German.

Ann-Sofi Sidén spent a period of nine months in this city, creating a dense portrait with her hand camera, which is composed of various filmic components. The artist expands the documentary shots with architectonic, sculptural, photographic and performative dimensions into a conceptual whole and sets them in an interrelationship to one another in a spatial architecture. The manifold formal modes of expression enter into an interaction, resulting in a network of different perspectives and focal points that captivate us and grant insights into a closed, secret world that otherwise remains hidden.

The exhibition is presented in conjunction with the Project Migration, initiated by the Federal Cultural Foundation, and provides an opportunity for a first artistic encounter with the theme of migration, which will be the focal point of the program of the Kölnischer Kunstverein for the year 2005.

Biography
Ann-Sofi Sidén was born in 1962 in Stockholm. She lives and works in Berlin.
Exhibitions (selected): Musée d´Art de la Ville de Paris (2001); Berlin Biennale (2001); Villa Arson, Nice (2000); Venice Biennale (1999), Secession, Vienna (1999); “Nuit Blance”, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (1998), Biennale de São Paolo (1998); “Zonen der Verstörung”, Steirischer Herbst (1997); “See What it Feels Like”, Rooseum, Malmö; Galerie Nordenhake, Stockholm (1995); “P.S. 1. Studio Artists 194″, P.S. 1, New York (1994).