Cosima von Bonin, 2 Positionen auf einmal

30.10.2004 – 16.01.2005

2 Positionen auf einmal nennt Cosima von Bonin ihre Ausstellung im Kölnischen Kunstverein – ihre erste große Einzelausstellung in einer Kölner Kunstinstitution. 2 Positionen auf einmal sind eigentlich 300 Positionen oder mehr: Die Ausstellung vereint gleichwertig Installationen, Bilder, Objekte, Performances und Filme, handelt von einer Vielzahl von Geschichten und sozialen Beziehungen zu anderen Künstlern und Musikern, von individuellen Erinnerungen und der Absage an die Idee des vereinzelten Künstlersubjekts.

Gemeinsam mit Freunden hat Cosima von Bonin während des Ausstellungsaufbaus einen von ihr entworfenen objektartigen Raum als Set für Performances und Fotoshootings verwendet. Diesen Spielort hat die Künstlerin als einen Holzcontainer und seltsam anmutendes Behältnis für Wohnwelten konzipiert, in dem während einer Performance Menschen mit Tiermasken, ihre Hunde, ein mit Stoff ummantelter Katamaran und eine Gruppe junger Menschen in improvisierten aber auch in vorher festgelegten Szenen miteinander verwickelt wurden. Alle Akteure tragen von Kazu Huggler entworfene Mode aus der kommenden Frühjahr-/Sommerkollektion chidori. Die Musik stammt von der Gruppe Phanom/Ghost (Dirk von Lowtzow und Thies Mynther).
Durch die performative Inszenierung hat der Ort eine narrative Aufladung erfahren, obwohl die Spuren der Akteure nach der Performance dem Besucher wie weggewischt erscheinen. Entstanden ist daraus ein Film, der in der Ausstellung gezeigt wird und die Vorgänge der Performance neu miteinander vereint.

Wie Anspielungen funktionieren auch die Bilder und Arbeiten im anderen Ausstellungsraum, die einen umfassenden Einblick in Cosima von Bonins Arbeitsweise der letzten Jahre geben. Es scheint als wären auch sie Teile einer Handlung und erzählten von verschiedenen individuellen und kollektiven Geschichten. Zugleich beanspruchen die einzelnen Objekte aber auch ihre Autonomie durch ihre aus dem Zusammenhang der Installation losgelösten starken bildnerischen Qualitäten. Es entstehen modellhafte, poetische Räume, voller Verweise und komplexen Beziehungssystemen aus Erinnerungen und Assoziationen, die Cosima von Bonin im Kölnischen Kunstverein konstruiert und in denen auch ihr eigener sozialer Rahmen zum Gegenstand der Kunst wird.

In der Ausstellung beteiligt sind neben der Züricher Modedesignerin Kazu Huggler und der Musikgruppe Phantom/Ghost weitere Künstlerfreunde von Cosima von Bonin, wie Ulla von Brandenburg, Nina Braun, Julia Horstmann, Tellervo Kalleinen, Annette Kelm, Almut Middel, Thomas Ritter, Roman Schramm, Hanna Schwarz, Dejan Mujicic, Jörg Schlürscheid, Akiko Bernhöft, Manfred Hermes und Da Group.

Im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint ein von Cosima von Bonin und Yvonne Quirmbach gestalteter Katalog. In einer losen Abfolge von Szenen dokumentiert er in zahlreichen großformatigen Abbildungen die Installation und Performance, die während des Ausstellungsaufbaus stattgefunden hat. Die Abbildungen werden von einem Text von Manfred Hermes begleitet. Der Katalog mit ca. 140 Seiten, erscheint in deutscher und englischer Sprache und umfasst ca. 200 Farbabbildungen.

Während der Ausstellung zeigt das Kölner Modegeschäft „Heimat“ Filme von Pariser Modeschauen im Kino in der „Brücke“. Zu sehen sein wird „die Quintessenz der Mode, jenseits der üblichen Catwalks. Zehn Designer, zehn Shows. In ungekürzter Form und sonst nur einem Fachpublikum vorbehalten…“ (Andy Scherpereel und Andreas Hoyer).

Fresh Aufhebung

Künstlerisches Interesse am philosophisch verneinten Wunderglauben
Filmreihe, zusammengestellt von Jutta Koether
02.09. – 16.10.2004

Aufführung/Vortrag von Jutta Koether am 02.09.2004, 19 Uhr

„Mit dieser Filmreihe soll eine spezielle Idee von „Kunstfilm“ gezeigt und das Thema Film und Métissage auf den Film selbst bezogen werden. Filme, die nicht nur auf einer Idee basieren, sondern ein Gewebe aus Filmideen, aus Genres, ja selbst fast unklassifizierbare Artekfakte sind; diese “gemischten Existenzen”, Mixturen, in denen man überlappende PornokultUndergroundHorrorDokuSpielDrogenkulturCrimestories etc. finden kann, thematisieren hier in sehr unterschiedlicher Weise selbst die eigene Hybridität.

Métissage wird hier aufgefasst als die daraus resultierend entstehenden „Kulturen zwischen den Kulturen“, die Gefühle der Destabilisation, die Auflösung von Zugehörigkeiten, als Verschwimmung und als Neuentstehung einer Kunst als Zwischenwelt, in der Verlust auch als befreiend erfahren werden kann. Es gibt Äußerungen von Formen der Nicht-Erkenntnis, die genau aus diesen Zwischenwelten kommen. Es gibt gebrochenen Okkultismus. Es gibt ein Aggressionspotenzial, das einigen innewohnt. Oder Kultstrukturen. Filme, die jenseits von Kategorien wie Spiel oder Autorenfilm etc. liegen, jedoch teilweise von einer Praxis gedeckt/angereichert sind. Jedenfalls vermischt sich auch Persönlichstes mit dem sehr Allgemeinen.

Etwas, das Selbstaufhebung verursacht. Sich in der Auflösung selbst, in dem Zwischenraum nicht einzurichten oder als die andere Nische zu begreifen, sondern sich genau da selbst wiederum aufs Spiel zu setzen, das ist „Aufhebung der Aufhebung“.
Oder aber: „Fresh Aufhebung“, ein Prozess, ein künstlerisches Interesse am philosophisch verneinten Wunderglauben. Etwas teilt sich unabsichtlich in seinen Werken mit. Psychoästhetische Effekte werden dabei deutlich. Die Vermischung der Effekte, eine Filmreihe als lebendige Bühne, in der das „Nicht Aufgehoben Sein“ gezeigt und auf ganz unterschiedliche Weisen Selbst-Hybridisierungen, produktives Verneinen der eigenen Art/des Genres, betrieben wird.

Ich betrachte solche Vorgänge als Vertiefungen der praktischen-politischen Geheimnisse der künstlerischen Arbeit, als Rituale, aus denen künstlerisches Handeln entstehen kann. Jeder Film ist sein eigenes Dasein auf Bewährung, hat seine eigene Tragik und Parodie, seine lebendigen augenblicklichen Offenbarungen des Unerforschlichen.“ (Jutta Koether)

Jutta Koether ist Künstlerin und lebt und arbeitet in New York und Köln.

Colloque de Chiens, Paúl Ruiz
Hypothèse du tableau volé, Paúl Ruiz, F 1978, 88 min
Begonnen als Dokumentarfilm über den Schriftsteller und Maler Pierre Klossowski, wurde daraus bei Ruiz schnell ein faszinierender Spielfilmessay. Ein Kunstsammler führt durch seine phantastische Sammlung mit „lebenden Bildern“, in der es ein geheimnisvolles fehlendes Bild gibt. Einer der wichtigsten französischen Filme der 70er Jahre.

Performance, Donald Cammel, Nicholas Roeg, GB 1970, 105 min
Die Geschichte eines gehetzten Gangsters, der sich bei dem Rockstar Turner (Mick Jagger) versteckt, sich in dessen hedonistischer Welt aus Bisexualität und Transzendenz verliert und am Ende mit ihm die Persönlichkeit zu tauschen scheint.

The Man We Want to Hang, Kenneth Anger, USA 2002, Kurzfilm

Paganini, Klaus Kinski, I 1989, 82 min
Das Portrait des italienischen „Teufelsgeigers“ Nicolo Paganini (Klaus Kinski), dessen virtuoses Geigenspiel die Zuhörer in Ekstase versetzen konnte. Den Rahmen des Filmes bildet ein spektakuläres Konzert in dem Paganini Vergangenheit und Zukunft zugleich erlebt.

Trouble Every Day, Claire Denis, F/D/J 2001, 97 min
Claire Denis setzt mit ihrem Horrorthriller um Liebe und Verlangen blutige sadistische Tendenzen. Auf den Filmfestspielen in Cannes 2001 lief „Trouble Every Day“ außer Konkurrenz und auch ansonsten scheint er sich gegen das „Normale“ durchzusetzen, indem er dies realistisch phantastisch und damit außergewöhnlich selbstreflexiv zum Thema macht.

Dead Man, Jim Jarmusch, USA 1995, 116 min
Eine Mischung aus Western und Film noir. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern wird man Zeuge der Wandlung vom linkischen Buchmacher (Jonny Depp) zur Western-Legende.

Woton’s Wake, Brian de Palma, USA 1962

The Responsive Eye, Brian de Palma, USA 1966

Dionysus in 69, Brian de Palma, USA 1970

Medea, Lars von Trier, DK 1979, 77 min
Lars von Triers TV-Adaption eines unverfilmten Drehbuchs des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyers. Eine atmosphärische und bildgewaltige Konzeption der klassischen griechischen Tragödie, in der die von ihrem Gatten Jason betrogene Medea auf blutige Rache sinnt.

Andy Warhol TV Show, USA 1979


„This film series is designed to showcase a special notion of ‘art film’ and apply the topic of film and métissage to the film itself. The selected films are not merely based on a single idea, but are a fabric of cinematic ideas and genres—indeed, the films are themselves nearly unclassifiable artefacts. These ‘blended existences’—mixtures in which one can find overlapping Pornocult/Underground/Horror/ DocuDrama/Drugculture/CrimeStories, and so on—address their own hybrid nature in very different ways.

Métissage is interpreted here as the ‘cultures between cultures’ which result in this context—the feelings of destabilization and the dissolution of affiliations. It is the blurring and new formation of an art form as a world between worlds, in which loss can also be experienced as liberating. There are expressions of forms of non-insight that come precisely from these intermediate worlds. There is fractured occultism. There is a potential for aggression inherent in some of the films. Or cult structures. These films inhabit an area beyond such categories as ‘feature’ or ‘auteur’ film, yet in some cases, they are marked and enriched by practical experience. In any case, the most personal subject matter intermingles with the extremely general.

Something that causes the Aufhebung (denial) of self. To not become part of the dissolution—not to inhabit the space inbetween or to consider oneself to be the other niche, but to put oneself on the line precisely there—that is the ‘Aufhebung der Aufhebung’ (denial of denial). In other words: ‘Fresh Aufhebung’—a process, an artistic interest in the philosophically negated belief in miracles. Something is communicated unintentionally in the works of this series. Psychoaesthetic effects become clear in the process. There is a mixing of effects. The film series becomes a living stage on which ‘not being denied’ is presented, and self-hybridization—a productive negation of one’s own nature and genre—is performed in very different ways.

I consider such events to be a reinforcement of the practical-political mysteries of artistic work, as rituals from which artistic action can arise. Each film is its own existence on probation; each has its own unique elements of tragedy and parody, and its own vivid, momentary revelations of the inexplorable.“ (Jutta Koether)

The artist Jutta Koether lives and works in New York and Cologne.

Colloque de Chiens
Hypothèse du tableau volé, Raúl Ruiz, F 1978, 88 min.
Ruiz’s film began as a documentary about the writer and painter Pierre Klossowski, but quickly turned into a fascinating feature film essay. In the film, an art collector conducts a tour of his fantastic collection of “living pictures.” One mysterious picture is missing. This is considered one of the most significant French films of the 1970s.

Performance, Donald Cammel, Nicholas Roeg, GB 1970, 105 min.
The story of a wanted gangster who hides out with the rock star Turner (Mick Jagger) and loses himself in Turner’s hedonistic world of bisexuality and transcendence. He eventually seems to exchange personalities with the musician.

The Man We Want to Hang, Kenneth Anger, USA 2002, Short film

Paganini, Klaus Kinski, I 1989, 82 min.
A portrait of the legendary “Devil’s violinist” from Italy, Nicolo Paganini (Klaus Kinski), who drove audiences wild with his virtuoso performances. The framework of the film is a spectacular concert during which Paganini simultaneously experiences the past and the future.
Trouble Every Day, Claire Denis, F/GER/JAPAN 2001, 97 min.
Claire Denis’s horror thriller of love and desire displays bloody, sadistic tendencies. The film stood apart when it was shown at the Cannes Film Festival in 2001. There and elsewhere, “Trouble Every Day” has distinguished itself from the “normal” by making normality itself its subject in a realistic, fantastic, and thus extraordinarily self-reflexive fashion.

Dead Man, Jim Jarmusch, USA 1995, 116 min.
This film combines aspects of the western with film noir. In expressive black-and-white images, the viewer witnesses a man’s transformation from clumsy bookkeeper (Johnny Depp) to western hero.

Woton’s Wake, Brian de Palma, USA 1962

The Responsive Eye, Brian de Palma, USA 1966

Dionysus in 69, Brian de Palma, USA 1970

Medea, Lars von Trier, DK 1979, 77 min.
Lars von Trier based his television adaptation on an unfilmed screenplay by Danish director Carl Theodor Dreyer. It is an atmospheric and powerfully visual version of the classic Greek tragedy, in which Medea seeks bloody revenge for betrayal by her husband Jason.

Andy Warhol TV Show, USA 1979

Deutschland sucht

17.07. – 19.09.2004

KünstlerInnen: Nevin Aladag, Thomas Bayrle, Henning Bohl, Heike Bollig, Ulla von Brandenburg, Andreas Brehmer/Sirko Knüpfer, Michael Buthe, Helmut Dorner, Jeanne Faust, Julika Gittner, Asta Gröting, Niels Hanisch, Myriam Holme, Viola Klein, Seb Koberstädt, Michael Krebber, Svenja Kreh, Kalin Lindena, Daniel Megerle, Anna Kerstin Otto, Manfred Pernice, Marion Porten, Mandla Reuter, Evelyn Richter, Eske Schlüters, Stafeta, Lee Thomas Taylor, Stefanie Trojan, Danh Vo, Gabriel Vormstein, Clemens von Wedemeyer, Herwig Weiser, Tobias Zielony, Zupfgeigenproduktion.

Ausgewählt von: Ariane Beyn (Berlin), Anja Dorn (Köln), Peter Gorschlüter (Düsseldorf), Iris Kadel (Karlsruhe), Chistiane Mennicke (Dresden), Nina Möntmann (Hamburg), Vanessa Joan Müller (Frankfurt am Main), Julia Schäfer (Leipzig), Judith Schwarzbart (München)

Die Ausstellung „Deutschland sucht“ will einen Einblick in gegenwärtige Tendenzen junger Kunst in Deutschland geben und sich dabei kritisch mit dem Format der Überblicksausstellung auseinandersetzen. Mit der Absicht einen möglichst weiten und offenen Rahmen zu schaffen, sind KuratorInnen aus verschiedenen Regionen Deutschlands eingeladen worden, jeweils drei junge Künstler zu benennen, die in der Kunstöffentlichkeit wenig bekannt oder noch nicht etabliert sind, deren Arbeiten jedoch als signifikant für aktuelle Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst bezeichnet werden können. Die KuratorInnen haben darüber hinaus jeweils eine etablierte Position als (historische und/oder künstlerische) Referenz vorgeschlagen, die zu einer Klärung der gewählten Zugänge beitragen kann. Die konzeptuelle Offenheit der Ausstellung, der Generationen übergreifende Ansatz sowie das Fehlen jeglicher ausschließenden thematischen Festlegung lassen die Berücksichtigung unterschiedlicher künstlerischer Positionen zu, deren gemeinsame Ausstellung eine Diskussion von Übereinstimmungen und Differenzen ermöglichen soll.

Der Ausstellungstitel „Deutschland sucht“ verweist auf die politische und gesellschaftliche Gegenwart Deutschlands und will den Kontext aufzeigen, in dem zurzeit in Deutschland Kunst entsteht bzw. entstanden ist. Nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch mental scheint Deutschland gegenwärtig auf der Suche nach seiner Rolle in einer sich grundlegend verändernden Welt. Diese Identitätssuche spiegelt sich derzeit auch verstärkt in diversen Fernsehsendungen, Zeitungskommentaren und Diskussionen wider. Vor diesem Hintergrund stellt „Deutschland sucht“ die Frage, ob sich neue Entwicklungen, Themen und Arbeitsweisen in der aktuellen Kunstproduktion in Deutschland abzeichnen und wie diese von einer Generation jüngerer KuratorInnen wahrgenommen werden.

Gezeigt werden 40 künstlerische Positionen, die sich sowohl aus verschiedenen Medien wie Malerei, Installation, Film, Fotografie und Objekt, als auch aus sehr unterschiedlichen inhaltlichen und konzeptuellen Überlegungen entwickeln.

Die Ausstellung wurde von Jens Hoffmann (Director of Exhibitions ICA, London) und Kathrin Rhomberg (Kölnischer Kunstverein) konzipiert.

„Deutschland sucht“ wurde durch die großzügige Unterstützung der Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG Iserlohn ermöglicht. Seit 1996 dokumentiert Dornbracht, international agierender Hersteller von Design-Armaturen, -Accessoires und Interiors, regelmäßig sein Selbstverständnis als Unternehmen mit kultureller Kompetenz. Das Kulturengagement gliedert sich in drei Bereiche: Die limitierten Statements Ausgaben versammeln vielschichtige Interpretationen von Badritualen und Badkultur und bieten den beteiligten Künstlern ein internationales Forum. Die Arbeiten werden in wechselnder medialer Form dokumentiert und international in Ausstellungen und Galerien präsentiert. Im Rahmen der Dornbracht Installation Projekts, einer jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe, die künstlerische Positionen im Bereich Installation präsentiert, startete 2000 die Kooperation mit dem Kölnischen Kunstverein. Mit dem Dornbracht Sponsorship fördert das mittelständische Unternehmen darüber hinaus internationale Ausstellungen und Projekte und reiht sich mit finanziellem und personellem Engagement ein in die Riege internationaler Kunstförderer. So sponserte Dornbracht 1999 und 2001 den deutschen Pavillon anlässlich der Biennale von Venedig.


The exhibition “Germany is searching” intends to provide an insight into current tendencies of new art in Germany.
With the aim of creating the widest possible open framework, nine curators from different regions of Germany were each invited to nominate three young artists. These should be little known or not yet established in the art scene, yet their work should be significant to current developments in contemporary art.
In addition the curators each proposed an established artist to provide a historical or artistic reference, who could contribute to a clarification of the works chosen.
The conceptual openness of the exhibition, the approach which spans generations, as well as the absence of any excluding thematic stipulation, allows a variety of work to be considered. Being exhibited together makes possible a discussion about consensus and differences.

The exhibition title “Germany is searching” refers to political and social present-day Germany, and intends to reveal the context from which German art is emerging or has emerged. Not only economically and politically, but also mentally, Germany seems at the moment to be searching for its role in a fundamentally changed world.
This search for identity is at present increasingly reflected in various television programms, newspaper commentaries and discussions. Against this background “Germany is searching” poses the question whether new developments, themes and methods of works are becoming apparent in the production of contemporary art in Germany, and how these are perceived by a generation of young curators.
The work of 40 artists will be shown, which as well as using a variety of media like painting, installation, film, photography and objects, develop extremely different ideas in form and concept.

The exhibition was conceived by Jens Hoffmann (Director of Exhibitions ICA,London) and Kathrin Rhomberg (Kölnischer Kunstverein).

“Germany is searching” has been made possible by the generous support of Aloys F.Dornbracht GmbH & Co .KG Iserlohn.
Dornbracht, internationally active as a producer of designer bathroom fittings, accessories and interiors, has since 1996 regularly documented its image as a concern with cultural competence. Its commitment to culture falls into three categories: the Limited Statements Edition assembles many-sided interpretations of bathing rituals and bath culture and offers an international forum to the participating artists. The works are documented in variable medial forms, and presented internationally in exhibitions and galleries. Co-operation with the Kölnischen Kunstverein started in 2000, within the framework of the Dombracht Installation Projects, an annual exhibition series, which presents artists active in the field of installation . With Dombracht Sponsorship the medium-sized company also supports international exhibitions and projects, and with its financial and personal commitment is recognised as one of the group of international art sponsors. In 1999 and 2001 Dombracht sponsored the German Pavilion at the Venice Biennial.

Blut ohne Boden – Boden ohne Blut

Eine Filmreihe zu einem anderen Migrationsbegriff, zusammengestellt von Slavoj Žižek.
11.06. – 03.07.2004

Eröffnungsvortrag von Slavoj Žižek am 09.06.2004, 19 Uhr

»Mit dem Judentum entsteht ein radikal neues Gesellschaftsverständnis, nämlich von einer Gesellschaft, die nicht mehr auf einer Teilhabe an gemeinsamen Wurzeln gründet: »Jedes Wort ist eine Entwurzelung. Die Konstituierung einer realen Gesellschaft ist eine Entwurzelung – das Ende einer Existenz, in der das »Zuhausesein« absolut ist und alles aus dem Inneren kommt. Heidentum schlägt Wurzeln [...] Heidentum ist der örtliche Geist: Nationalismus in Hinsicht auf seine Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit [...] Eine Menschheit mit Wurzeln, die Gott inwendig, mit dem aus der Erde aufsteigenden Saft besitzt, ist ein Urwald oder eine vormenschliche Menschheit.« (Emmanuel Levinas)

Der auf diese Sicht gegründete Gegensatz – »gutes« nomadisches, wanderndes, »deterritorialisiertes« Subjekt versus »böses«, auf seine ethnisch-religiös-sexuelle Identität festgelegtes Subjekt – beherrscht unsere ideologische Sphäre. Doch die Hauptbotschaft unserer spätkapitalistischen Erfahrung besagt, dass wir solchen Koordinaten nicht einfach trauen dürfen. Denn erstlich und zuvorderst ist eine radikale »Deterritorialisierung« von Subjektivität, in der selbst die innersten Kennzeichen unserer Identität »in dünne Luft aufgehen« (Marx), das elementare Merkmal des heutigen globalen Kapitalismus, der sich vollends die Logik des ziellosen Überschusses zu eigen gemacht hat.

Dieser Sachverhalt nötigt uns, die modische Feier der nomadischen oder »hybriden« Subjektivität in Frage zu stellen: Einen armen Bauern, der aufgrund eines lokalen ethnischen Krieges oder einer verheerenden Wirtschaftskrise zur Emigration gezwungen ist, mit demselben Begriff zu belegen wie einen Angehörigen der »symbolischen Klasse« (Akademiker, Journalist, Künstler, Kunstmanager), der ständig zwischen Kulturhauptstädten hin- und herreist, läuft auf dieselbe Obszönität hinaus wie die Gleichsetzung von Hungersnot und Schlankheitsdiät. Unsere erste ethisch-politische Pflicht besteht folglich darin, die Themen komplexer anzugehen und den Begriff der »Migration« einer Art Spektralanalyse zu unterziehen, in der wir zwischen gegensätzlichen, von emanzipativen bis zu versklavenden Tendenzen zu unterscheiden haben.

Slavoj Žižek (*1949) Psychoanalytiker, Philosoph und Kulturkritiker, lebt und arbeitet in Ljubljana.

Lamerica (Gianni Amelio) I 1994, 115 min, DF
Der Film schlechthin zur Abwanderungskrise, der auf die Auflösung des Real Existierenden Sozialismus folgte: In einer Art Benjaminschen Dialektik im Suspens überlappt sich die heutige Sehnsucht nach dem gelobten Land Italien mit der italienischen Sehnsucht nach Amerika.

Sansho Dayú (Kenji Mizoguchi) J 1954, 119 min, OmdU
Diese im mittelalterlichen Japan angesiedelte Geschichte von einer durch den Krieg auseinandergerissenen Adelsfamilie und von der wechselseitigen Sehnsucht zwischen Sohn und Mutter ist ein Melodram im erhabensten und edelsten Sinn des Worts: die Geschichte einer absoluten Familienbindung, die alle Verwerfungen und Trennungen überdauert.

Watch on the Rhine (Herman Shumlin) USA 1943, 114 min, OF
Die radikalste Auseinandersetzung Hollywoods mit den Grenzen des liberalen Humanitarismus: Vor dem Hintergrund des Nazismus nimmt eine liberale amerikanische Familie großherzig entfernte Verwandte aus Europa auf, sieht sich dann aber zu dem weitaus radikaleren Schritt gezwungen, sich an einem notwendigen Töten zu beteiligen.

Das blaue Licht (Leni Riefenstahl) D 1932, 72 min, OF
Ist Junta, das einzelgängerische wilde Bergmädchen, nicht eine Verfemte, die fast einem von den Dorfbewohnern angezettelten Pogrom zum Opfer fällt – einem Pogrom, das uns an die antisemitischen Pogrome erinnern muss? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Riefenstahls damaliger Liebhaber Bela Balasy, der das Drehbuch mitverfasste, Marxist war.

Viaggio in Italia (Roberto Rossellini) I 1953, 82 min, OmdU
Die Ruinen aus Italiens Vergangenheit bilden den Hintergrund für ein reiches amerikanisches Paar in der Ehekrise: Dabei behalten sie ihre tiefe Zweideutigkeit, sodass die stoffliche Präsenz der Ruinen ständig ihre »offenkundige« metaphorische Bedeutung (als Symbol für die ruinierte Beziehung des Paares) untergräbt.

Das Schweigen (Ingmar Bergman) S 1963, 91 min, DF
Bergmans wahres Meisterwerk: die Eisenbahnreise zweier Schwestern und eines kleinen Sohns, mit Aufenthalt in einem nicht näher beschriebenen osteuropäischen Land, dessen Atmosphäre sinnlichen Zerfalls und sexueller Verderbtheit eine perfekte »objektive Entsprechung« zum Unbehagen am modernen Leben bietet.

Hiroshima mon amour (Alain Resnais) F/J 1959, 89 min, OmeU
Die Liebesgeschichte eines aus seinen Lebenszusammenhängen gerissenen Paares im Hiroshima der 50er Jahre (eine Französin, auf der Flucht vor dem Trauma ihres deutschen Soldatenliebhabers, ein vom Trauma Hiroshimas gezeichneter Japaner) entfaltet das Axiom der Liebe als magisches Geschehen, das selbst die verheerendsten historischen Traumata überwindet.

Der siebte Kontinent (Michael Haneke) A 1989, 107 min, OF
Ist die letzthaftige »Migration« nicht die Reise in den Tod selbst? Haneke inszeniert dies umweglos als die geplante Reise einer Familie, deren Mitglieder entscheiden, gemeinsam Selbstmord zu begehen: kein Pathos, einfach eine kühle rationale Umsetzung des Beschlusses.

Roman Ondak, Spirit and Opportunity

01.05. – 27.06.2004

„Als Zeichen Ihrer Solidarität mit den jüngsten Ereignissen in der Welt, bitten wir Sie, die Tätigkeit, die Sie gerade ausüben, für die nächste Minute nicht zu unterbrechen.“

Beim Besuch einer Gruppenausstellung hörten Museumsbesucher diese Mitteilung in regelmäßigen Abständen. Offensichtlich hatte ein Museumswärter sein Radio auf einen Sender gestellt, dessen Sprecher mit osteuropäischem Akzent den Satz von Roman Ondák wiederholt in die aktuellen Nachrichten eingeflochten hat.

Den Museumsbesuchern erschien die Mitteilung mit dem Titel „Announcement“ (2002) wie eine plötzliche Unterbrechung des Museumsalltags. Sie wurde als Aufforderung verstanden, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten und durch diesen performativen Akt selbst Teil der Ausstellung zu werden. Dieses Spiel mit Bedeutung, Kontext und Imagination ist eines der zentralen Momente in Ondáks künstlerischem Denken.
Roman Ondák entwickelt dabei eine große Intimität zu Menschen, die als Betrachter oder Akteure an ihnen beteiligt sind.

Für „Antinomads“ (2000) hat Roman Ondák Freunde, Verwandte und Bekannte, die nicht reisen wollen, in ihrer privaten Umgebung fotografiert. Diese Aufnahmen wurden als Postkarten vervielfältigt und in Ausstellungen zur freien Entnahme angeboten. Wie alle anderen Postkarten auch, wurden sie von Touristen erworben und in die ganze Welt versendet. Die „Antinomads“ wurden damit auf paradoxe Weise zu Weltreisenden, indem Ondák dem zeitlichen und örtlichen Stillstand eine neue Handlungsoption entgegensetzt, die beides in sich vereint, Ortsverbundenheit und Mobilität.

Als ein genauer Beobachter unserer Realität hält Ondák seine alltäglichen Wahrnehmungen in Form von Zeichnungen und Notizen fest, aus denen er seine künstlerischen Interventionen entwickelt, die durch Kontextverschiebungen und poetisch anmutende Inszenierungen in die reale Welt zurückwirken. Mittels eines ständigen und widersprüchlichen Transfers von Bedeutungen, dem Einführen unerwartet Handelnder in einen mit Erwartungen voll geschriebenen Ort oder der Wiederholung desselben Bildes in verschiedenen Medien setzt er unserem gewohnten Gleichgewicht von Wahrnehmungsprozessen ein empfindlich störendes Gegengewicht hinzu und entlarvt dadurch unsere mühsam austarierte Balance kollektiver Konstruktionsprozesse von Inhalt, Bedeutung und den damit verknüpften Emotionen. Roman Ondák arbeitet dabei mit unterschiedlichsten künstlerischen Medien, wie Zeichnung, Performance, Skulptur oder Installation.

Für seine Ausstellung im Kölnischen Kunstverein – Roman Ondáks erster großer Einzelausstellung – entwickelt er eine skulpturale In-situ-Arbeit. Auch hier entsteht ein Erfahrungsraum voll von Verschiebungen, Schwellen und unerwarteten Ausblicken. Er stellt der Wirklichkeit seinen eigenen Gegenentwurf einer Welt gegenüber, der zum poetisch anmutenden Schauplatz geheimer, unvorhersehbarer, zufälliger Verhaltensweisen und kollektiver Sehnsüchte wird. Der Ausstellungsraum nimmt die Materialität eines Raumobjekts an, das wie ein Fremdkörper in die Wirklichkeit hineingeschoben wirkt, gleichzeitig aber untrennbar von ihr ist.

Erstmalig erscheint zur Ausstellung eine umfassende monografische Publikation mit Arbeiten von Roman Ondák seit den 90er Jahren. Die Textbeiträge sind von Georg Schöllhammer, Igor Zabel und Hans Ulrich Obrist in deutscher und englischer Sprache.

Masse und Monument – Migration und Hollywood

Eine Filmreihe, zusammengestellt von Diedrich Diederichsen
23.04. – 15.05.2004

Vortrag von Diedrich Diederichsen am 22.04.2004, 19 Uhr

Massenszenen gelten im klassischen Hollywood-Kino als ein Ausweis hoher Produktionskosten. Gleichzeitig befriedigen sie eine ganz bestimmte und spezifisch kinematographische Schaulust, die bis in die Anfänge bewegter Bilder zurückreicht. Für Siegfried Kracauer etwa war Kino das erste Medium, das die neuen großstädtischen Massen der Moderne sichtbar machte und auch zu deren Selbstbild wie Selbstverkennung entscheidend beitrug: zur Mobilisierung wie zur Stillstellung. Für viele Diskurse zur Migration ist es auch die Massenhaftigkeit der Migranten, die deren entscheidende und auch psychologisch und propagandistisch bedeutsame Komponente ausmacht. Dies gilt in besonderem Masse in den phobischen Vorstellungen von eindringenden Horden und Fluten, die für die Mobilisierung von Xenophobie und Rassismus so entscheidend sind. In den USA und damit auch im Hollywood-Kino gab es immer zwei Sorten von Massen: solche phobisch besetzten naturkatastrophisch dehumanisierten Fluten böser Massen (Indianer, Aliens, Vietnamesen) und daneben und dagegen die positiv besetzten Massen von Siedlern, aber auch von Migranten, die produktiv zum Melting Pot beitragen.

Wer eine gute und eine böse Masse ist und wie sich das in der Geschichte Hollywoods änderte und umkämpft war, will diese Reihe an ausgewählten Beispielen zeigen: sicher ist keiner dieser Filme uninteressant, aber auch keiner einfach vorbildlich und sie sind auch nicht wegen ihrer Qualitäten ausgesucht worden, sondern wegen ihrer symptomatischen Eigenschaften.

Schon der früheste hier vertretene Film „Intolerance“ des Kinopioniers Griffith zeigt, dass die Ambivalenz der Massenschilderung den Weg über ihre Monumentalisierung gehen muss. In dem Moment, wo die Massen ein eigenes Gesicht jenseits der Summe oder Steigerung des Individuellen erreichen, sind sie sowohl für die Dehumanisierung wie für Idealisierungen geeignet. Griffiths Film war eine Art Entschuldigung für seinen rassistischen Klassiker „Birth of a Nation“, der die Afroamerikaner drastisch dämonisierte. In dem einen wie dem anderen Film kann man aber sehen wie flüchtende oder siegende, bedrohte oder bedrohliche Massen durch geringfügige kinematographische Maßnahmen sich dehumanisieren lassen – zuweilen auch rehumanisieren. Auch ein anderer Film dieser Reihe war als Entschuldigung gedacht: Cheyenne Autumn sollte die Dämonisierung der amerikanischen Ureinwohner in so vielen Hollywood-Produktionen revidieren und erfindet dafür ein Bild aus dem Arsenal der Geschichte der meist positiv geschilderten europäischen Migranten, die in die USA auswanderten: die Cheyenne werden zu Vertriebenen, denen aber im Unterschied zu den Migranten aus Europa keine „neue Heimat“ winkt. Entsprechend identifiziert die Pop-Festival-Monumentalisierung „Woodstock“ die Hippie-Massen mit einer Nation von Vertriebenen, die sich ein neues Territorium suchen. „Days of Heaven“, „Heavens Gate“ und „Gangs of New York“ zeigen mit unterschiedlichen Akzenten die Lage europäischer Migranten in den USA des 19. Jahrhunderts auch als Klassenschicksal, und trotz unterschiedlicher Schwächen, jenseits jeder Idealisierung. Zu revolutionären Massen haben es die Migranten in Hollywood selten gebracht, trotz des eher biblischen „Spartacus“, aber als gesuchter und begehrter Special Effect vor allem der ersten Hälfte seiner Geschichte war ihr Bild immer eine offene Stelle, die unterschiedlichen ideologischen Instrumentalisierungen offen stand. Dabei entstanden Standards und Klischees, die auch heute noch die Vorstellung von Menschenmengen prägen, die nicht durch eine Staatsform oder eine andere geregelte kollektive Identität repräsentiert sind.

2004

Link

Einzelausstellung: Cosima von Bonin, 2 Positionen auf einmal, 30.10.2004-16.01.2005
Screening: Fresh Aufhebung, 02.09.2004-16.10.2004
Ausstellung: Deutschland sucht, 17.07.2004-19.09.2004
Screening: Blut ohne Boden – Boden ohne Blut, 11.06.2004-03.07.2004
Einzelausstellung: Roman Ondak, Spirit and Opportunity, 01.05.2004-27.06.2004
Screening: Masse und Monument – Migration und Hollywood, 23.04.2004-15.05.2004

2004

Link

Einzelausstellung: Cosima von Bonin, 2 Positionen auf einmal, 30.10.2004-16.01.2005
Screening: Fresh Aufhebung, 02.09.2004-16.10.2004
Ausstellung: Deutschland sucht, 17.07.2004-19.09.2004
Screening: Blut ohne Boden – Boden ohne Blut, 11.06.2004-03.07.2004
Einzelausstellung: Roman Ondak, Spirit and Opportunity, 01.05.2004-27.06.2004
Screening: Masse und Monument – Migration und Hollywood, 23.04.2004-15.05.2004